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gamescom congress: „Ich sehe keinen Frauenmangel“

Im Interview spricht Tanja Weerts von Gameforge über Frauen in der Gaming-Industrie, Auswirkungen der Gamergate-Affäre und deutsche Besonderheiten. // von Angela Gruber

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Tanja Weerts, Director Public Relations von Gameforge, arbeitet seit knapp 20 Jahren in der Unterhaltungsindustrie und ist mit den Abläufen und Arbeitsweisen bestens vertraut. Auf dem gamescom congress sitzt sie auf einem Panel zu Frauen in der Computer- und Videospielindustrie und der Digitalwirtschaft. Im Interview spricht sie darüber, wie Frauen in diesen Bereichen Karriere machen, welche Auswirkungen die Gamergate-Affäre auf die Industrie hat und über Besonderheiten in Deutschland.

Angela Gruber (AG): Studien zeigen: Die Hälfte aller Gamer sind Frauen. Wie sieht es hinter den Kulissen in der Gaming-Industrie aus?

Tanja Weerts (TW): Ich kann anhand unseres Unternehmens behaupten, dass es schon ganz gut aussieht. Unser Frauenanteil liegt bei knapp 31 Prozent. Der Anteil der weiblichen Führungskräfte liegt immerhin schon bei knapp 18 Prozent. Ein guter Anfang.

AG: In welchen Bereichen der Computer- und Videospielindustrie sind viele Frauen vertreten, wo fehlen sie?

TW: Wir haben einen relativ hohen Frauenanteil in den “klassischen”, eher spielunabhängigen Abteilungen wie Marketing und Administration, aber der Anteil an Frauen in den Bereichen IT, Producing & Entwicklung ist steigend.

AG: Steigend, aber sicher immer noch nicht bei der Hälfte. Was sind Ihrer Meinung nach Gründe für den Frauenmangel?

TW: Ich sehe ehrlich gesagt erst mal keinen Frauenmangel. Es gibt immer mehr junge Frauen, die eher als Männerdomäne geltende Studiengänge einschlagen und dementsprechend auch immer mehr Bewerbungen in den jeweiligen Kategorien. Ich bin sicher, dass der Anteil an weiblichen Kollegen in der Branche weiter wachsen wird.

AG: Stichwort Gamergate: In vielen Gaming-Gemeinschaften herrscht eine frauenfeindliche Stimmung. Haben weibliche Akteure es deshalb schwerer, sich beruflich in der Branche durchzusetzen?

TW: Dass ein solches Verhalten absolut keine Berechtigung hat, steht wohl außer Frage, gerade weil das Thema Sexismus in Spielen durchaus seine Berechtigung hat. Von der Gamergate-Geschichte jetzt darauf zu schließen, dass die Gaming-Gemeinschaften per se frauenfeindlich sind, halte ich aber für falsch.

AG: Die Gamergate-Affäre führt also nicht zu Beeinträchtigungen?

TW: Ich glaube nicht, dass es Frauen aufgrund der Gamergate-Affäre schwerer haben, dazu gibt es wirklich genug reflektierte Männer in unserer Branche. Allerdings glaube ich auch, dass man Frauen, die sich mit der Thematik beschäftigen durchaus ambivalent betrachtet, weil die Mehrheit der Meinung ist, dass die Verkaufszahlen eben eine andere Sprache sprechen und sie deshalb zum Beispiel eben nicht die Kriegerin in einem Spiel in eine Vollrüstung packen, wie den vergleichbaren männlichen Avatar. Alles eine Frage von Angebot und Nachfrage.

AG: Die Spielentwicklerin Rhianna Pratchett hat einmal gesagt: “Es gibt so viele großartige, weibliche Vorbilder in der Games-Industrie, aber sie bekommen nur selten die Aufmerksamkeit, die sie verdienen.”Stimmt das?

TW: Ich bin ja ein großer Freund davon, dass Frauen sich diese Aufmerksamkeit einfach nehmen. Im Ernst, wenn wir großartige Entwicklerinnen oder Producerinnen haben, können diese doch auch wesentlich häufiger auf Kongressen auftreten. Generell habe ich oft das Gefühl, dass Männer wesentlich besser im Netzwerken sind und diese auch stärker für ihre Karrierebelange nutzen. Da haben Frauen öfter noch Berührungsängste.

AG: Sie sind seit Jahren in der Unterhaltungsindustrie tätig. Wie sind ihre persönlichen Erfahrungen: Hatten sie es schwerer als Frau?

TW: Ich bin in der Gaming Branche eigentlich immer auf sehr offene Personen gestoßen. Natürlich war es vor 15 Jahren so, dass viele dachten, ich hätte von Games keine Ahnung. Aber das konnte ich leicht entkräften, weil ich das Glück hatte, mein Hobby in meinen Beruf einfließen zu lassen. Als ich in die Gamesbranche kam gab es wenige Frauen in diesem Bereich, aber es gab sie auch damals schon – und auch schon sehr erfolgreich. Mittlerweile ist es denke ich Usus, dass man sowohl bei Entwicklern, Publishern und Redaktionen Frauen mit im Team hat.

AG: Brauchen Frauen spezielle Förderung?

TW: Prinzipiell wird heute niemand mehr in Frage stellen, dass Frauen die gleiche Qualifikation haben wie ihre männlichen Kollegen. Trotzdem schaffen es nur wenige, ins höhere Management aufzusteigen. Ganz abgesehen von der leidigen Tatsache, dass Frauen für die gleichen Posten im Durchschnitt immer noch weniger Gehalt bekommen als ihre männlichen Kollegen. Was Führungspositionen angeht, wäre es wünschenswert, mehr Frauen in die internen Förderprogramme der Unternehmen zu holen und so für Geschäftsleitungsposten fit zu machen.

AG: Wie nehmen Sie die Lage in Deutschland wahr im Vergleich zu, zum Beispiel, Amerika?

TW: Ich kenne sowohl in Europa als auch in Amerika Frauen in Führungspositionen in meiner Branche, von daher würde ich nicht sagen, dass es viele Unterschiede gibt, die unternehmensgetrieben wären. Ich sehe in der Hauptsache gesellschaftliche Unterschiede, die uns in Deutschland im Wege stehen: Es gibt eine schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf, denken wir nur an die Diskussion um “Rabenmütter”. In Deutschland wird über Frauen als arbeitende Mütter auf einem furchtbaren Niveau diskutiert.

AG: Wünschen sie sich mehr weibliche Kolleginnen?

TW: Ich differenziere nicht zwischen Geschlechtern, ich hätte gern die bestmöglich qualifizierte Person für eine vakante Position.


Teaser & Image by Tanja Weerts


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Angela Gruber

Angela Gruber

ist freie Journalistin und wurde an der Deutschen Journalistenschule in München ausgebildet. Auslandsaufenthalte in Israel und Washington, DC. In ihrer Arbeit geht es meistens ums Netz - egal ob für Zeit Online, den Tagesspiegel oder den Elektrischen Reporter. Sie bloggt unter netzkolumnistin.de und ist als @netzkolumnistin auf Twitter unterwegs.

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