Gaffer-Küken

Ka|ta|stro|phe, die: unerwartet eintretendes, viele Menschen betreffendes, verhängnisvolles Geschehen. gaffen: mit weit geöffneten Augen und offenem Mund in als aufdringlich empfundener Weise auf jmdn., etwas blicken. Nein – richtige Gaffer im herkömmlichen Sinne sind wir wirklich nicht mehr. Dank Apple, Blackberry & Co. tragen wir unser handliches Gaffer-Monokel nun griffbereit in der Hosentasche. Einfach draufhalten, aufnehmen, hochladen. Mit unseren mobilen Kameras können auch wir bei diversen Katastophen eine Live-Schaltung starten. Denn von einer Katastrophe erwartet man auch katastrophale Bilder. Und zwar pronto… Nicht nur versierte Netz-Flaneure haben die Bedeutung des Social Web bei Katastrophen und Großereignissen begriffen. Die Möglichkeit, „die Realität“ sekundengenau einzufangen und per Multiplikatoren-Plattform zu teilen, dürfte längst Bestandteil eines generationsübergreifenden common sense geworden sein. Der Boom des „Desaster-Sharings“ ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass sich – wie auch dieser Tage wieder – nicht nur der Boulevardjournalismus am großen Buffet von Youtube, Flickr und anderen Social Media Portalen den fetten Wanst voll schlägt und Bereitgestelltes auf dem Teller der eigenen Berichterstattung unappetitlich stapelt. Dass damit nicht nur ein wahrhaftiger Einblick in das jeweilige Geschehen publiziert wird, sondern die Verwendung solcher Quellen auch die allgegenwärtige Gier nach sichtbarem Elend in unmittelbarer Nähe legitimiert, scheint auf der presserechtlichen Tagesordnung unter „ferner besprochen“ gerutscht zu sein. Von der Verletzung der Persönlichkeitsrechte von Beteiligten und Opfern abgesehen. Solange es genug aufgerissene Schnäbel zu stopfen gilt, werden diese privaten, „exklusiven“ Versatzstücke eines neuen Gaffertums emsig verfüttert. Auf Rezipientenseite lassen sich etliche Motive zum Konsum von authentischen Katastrophen-Shots identifizieren. Erleichterung (weil man selbst nicht betroffen ist), Empathie, Verarbeitung, Solidarisierung mit Betroffenen via Kommentarfunktion, ein Cocktail aus allem. Und so legitimieren soziale Vorwände das massive Eindringen voyeuristischer Verhaltensmuster in die Privatsphäre Dritter. Katastophen-Voyeurismus als soziale Kategorie. Nun also räkelt sich dieser makabere Bodensatz unserer Unterhaltungskultur, das privat gedrehte und publizierte Zeugnis einer Katastrophe, salonfähig auf der breiten Mediencouch, bestaunt und beklatscht von einem dispersen Publikum. Man muss nicht Habermas, Arendt oder Sennett bemühen, um zu erkennen, dass diese elende Entwicklung die Konsequenz eines fortgeschrittenen Verfalls der Trennlinien zwischen Privatheit und Öffentlichkeit sind. Und so zerspringt gerade einmal mehr der Resonanzboden eines zum öffentlichen Gebrauch des Verstandes erzogenen Medien-Publikums.

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Julia Malz

Julia Malz

 lebt als freie Journalistin in Hamburg. Nach ihrem Studium der Deutschen Sprache und Literatur und der Politischen Wissenschaft an der Uni Hamburg widmet sie sich dem freien Schreiben und ungewöhnlichen Gedanken. Privat auch in ihrem Blog FREISTIL.

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