Wie sich Fundamentalisten gegenseitig beflügeln

Im Kampf gegen die Jihadisten, zeigen die reaktionären Rechte in Europa eine gegenteilige Wirkung.

Die militärischen und polizeilichen Interventionen gegen den Terrorismus, der von den Ideologen des Islamischen Staates ausgeht, sind wohl unvermeidbar. Aber reicht es aus, die islamistische Bewegung zu besiegen, die sich unter dem Kampfbegriff “Jihadismus” weltweit ausbreitet?

Der algerische Schriftsteller und Friedenspreisträger Boualem Sansal warnt im Interview mit der Deutsche Welle-Redakteurin Aya Bach vor einer verkürzten Sichtweise auf das internationale Phänomen des Jihadismus:

Man bekämpft Ideen nicht mit Kanonen. Ganz im Gegenteil. Dadurch verstärkt man sie. Man muss Ideen mit Ideen bekämpfen, mit einer Lebensphilosophie, mit einem neuen Demokratiegedanken, mit neuen Überlegungen zum Laizismus und indem wir den Integrationsprozess der muslimischen Gemeinschaft in die europäischen Gesellschaften gut regeln.

Auf diesem Feld hat die westliche Gesellschaft kläglich versagt, vor allem bei der Integration muslimischer Gemeinschaften. So leben Jugendliche in den französischen Vorstädten in einer abgeschotteten Gesellschaft. Sie fühlen sich unwohl, sind arbeitslos und häufig schlecht ausgebildet.

Plädoyer für die Philosophie der Aufklärung

Sie leben zwar in Europa ohne sich mit europäischen Werten zu identifizieren. “Meiner Meinung nach ist der Westen mit seiner Philosophie der Aufklärung, die ihn die letzten Jahrhunderte ausmachte, in einen Erschöpfungszustand geraten”, kritisiert Sansal. Nach den Attentaten von Paris sollten wir uns auf das freiheitliche Fundament des westlichen Lebensgefühls besinnen.

In der muslimischen Welt gibt es ein Wort, das alle Muslime jeden Tag wiederholen und das ihnen viel Kraft gibt: Ennahda. Das heißt Renaissance. Sie wünschen sich, dass das große arabische Reich aufersteht, die arabisch-muslimische Gesellschaft, der Islam und die großen kämpferischen Werte wieder erwachen. Ich glaube, der Westen sollte einen Prozess anstoßen, den man Renaissance nennen könnte, ganz wie das im 15. und 16. Jahrhundert in Europa schon einmal geschehen ist. Die Renaissance: das wäre wieder aufbauen, erneuern, die Werte der Aufklärung wieder beleben, die Künste, die Kultu, fordert Sansal.

Der Westen schläft und ruht sich auf seinen Lorbeeren aus, auf seinem vergangenen Ruhm. Er reduziert den Konflikt auf die militärische Dimension und den Anti-Terrorkampf. Er macht zu wenig, um den Ressentiments der “besorgten Bürger” entgegenzutreten, die den Untergang des Abendlandes an die Wand zu malen und weiteren Nährboden für die Radikalisierung des Islams bieten. Die reaktionären Rechtsbewegungen in Europa treiben muslimische Jugendliche in die Arme des Jihadismus. Das wissen auch die Protagonisten des Islamischen Staates. Die Terroranschläge in Paris sollen diese Pawlowschen Reflexe und Psychosen der Alltagsrassisten weiter beflügeln.

Es ist der Humus für nationalistische Kulturpessimisten in Europa, die nach dem starken Staat schreien und den Ausnahmezustand herbeisehnen. Das Notiz-Amt verweist beispielhaft auf die Werke von Oswald Sprengler und Carl Schmitt. Die Schriften der zu kurz gekommenen und kleinwüchsigen Herrenmenschen sind noch heute ein unverzichtbarer Pornographie-Ersatz für völkische und nationalistische Bedenkenträger. So sah der junge Carl Schmitt sein Dasein als eine Kette von Demütigungen. “O Gott, was soll aus mir werden? Wovon soll ich leben? Ich armer Junge, der Zielpunkt der Pfeile des Schicksals, ich vielgeschlagener Unglücksrabe.” Er fühlt sich von der ganzen Welt betrogen, sogar von seinen Zimmerwirtinnen, die angeblich falsche Rechnungen schreiben oder Sachen unterschlagen. “Die Wäsche kam, es fehlte wieder ein Hemd. Ich wurde rasend und geriet in Wut; Ernährungssorgen, Verzweiflung, kleinmütig.

Machtbedürfnisse und Schwarze Männchen

In den Monaten vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges gehen ihm Selbstmordgedanken durch den Kopf. Schmitt will in den “Mutterschoß zurück” und seinen “Eintritt ins Leben rückgängig machen”, winselt er. Der spätere Dezisionismus-Plauderer drückt sich allerdings vor der endgültigen Entscheidung.

Von Ehrgeiz zerfressen, überreizt und fiebrig, giert er nach Anerkennung, will berühmt werden, taxiert seine Gegner und empfindet ein “großes Machtbedürfnis”. “Ich raste herum, auf dem Bett, wahnsinnig vor unsinniger, vernichtender, vernichtungssüchtiger zweckloser Gier”, sinniert der spätere Staatsrat, der sich den Nazis andiente, von einer dicken Beamtenpension träumte und nach 1945 in permanente Weinkrämpfe ob seiner verpfuschten staatlichen Laufbahn verfiel.

Vor dem Beginn seiner staatlich alimentierten Juristenkarriere fühlt er sich “müde, gedrückt, jedem unterlegen und feige und furchtsam”. Die Welt ekelt ihn an und hat sich gegen ihn verschworen. Überall schlägt ihm Feindseligkeit entgegen, die Zeitgenossen sind “wandelnde Würste und schwänzelnde Giftpilze”. Klein Schmitti macht seine ersten Gehversuche fern von Muttis Rockzipfel und sieht nur noch Schwarze Männchen. Wie viel “Neid, Wut, Hass und Eifersucht, ja Ekel die Leute voreinander empfinden; zähle das alles zusammen, die Erde ist bedeckt davon.” Und wenn Mutti und Vati den lieben Kleinen nicht mit den materiellen Mitteln ausstatten, die einem zartbesaiteten Streber und Einser-Juristen gebühren und das kleine Dickerchen mit eigenen Händen nichts aufbauen kann, geißelt man am besten die böse Ellbogengesellschaft.

Angstpsychosen der Untergangspropheten

Eine ähnliche Persönlichkeit ist Oswald Sprengler, Autor des kulturpessimistischen Bestsellers “Untergang des Abendlandes”. Der martialische Lehrer des heroischen Realismus und des zynischen Imperialismus erscheint in seinen Nachlassaufzeichnungen

als eine weichliche, ängstliche, in sich selbst abgekapselte Persönlichkeit voller Hemmungen aller Art, die sich selbst als verkrachte Existenz wahrnimmt. Das Motiv der Angst wird hundertfach heruntergeleiert. Spengler hat weit über die Kinderjahre hinaus vor allem Angst: vor den anderen, vor jedem Erwachsenen, vor Mitschülern, vor allem ‚Weiblichen‘ (maßlose lächerliche Schüchternheit‘!), vor der Öffentlichkeit, vor Beziehungen, vor dem Eintritt in einen Laden, vor der Zukunft, vor Versetzung, vor Verspätungen, vor Begegnungen, vor Verwandten, vor dem Schlaf, vor Behörden, vor Gewittern, vor dem Krieg, sogar vor der Musik (die ihn ‚zermalmt‘), vor der Welt, vor dem Leben, vor dem Tod, Angst, Angst, Angst und schließlich Angst, seine Angst zu zeigen“, schreibt Gilbert Merlio im Nachwort des Buches “Oswald Spengler, Ich beneide jeden, der lebt – Die Aufzeichnungen ‚Eis heauton‘ aus dem Nachlass.

Staatsautoritäre Dogmen der besorgten Bürger

Seine Selbstanklage wandelt sich dann im “Untergang des Abendlandes” in eine Anklage gegen die Zeitumstände. Zeitgenössische Malerei, Architektur und Literatur verabscheut er. Er sehnt sich nach der guten alten Zeit. “Mein München von 1900 schildern. Längst tot. Kunststadt, letzter Hauch von Ludwig I. Ewige Sehnsucht danach. Café Colonnette”. Spengler sieht sich als letzten Kulturmenschen in einer Zeit, die sich ihres eigenen Verfalls nicht bewusst ist. Dabei kompensiert er nur sein klägliches Versagen, mit den Umständen der Zeit fertig zu werden. Er ist neidisch auf Tatmenschen und hat einen Widerwillen gegen politisch praktisches Tun. Immerhin gelangt er zur Erkenntnis: “Ohne praktische Arbeit großen Stils kann ich nicht leben.

Schuld sind auch bei Carl Schmitt immer die anderen: Es wimmelt in seinen Albträumen von Feinden, und das Leben “ist ein Kampf und eine Belohnung für den Kampf, der zurückliegt. Der Kampf des Fötus um die Existenz, der Spermatozonen”. Das Leben, “die anderen Menschen, die Umstände, die Zeit sind wie der Stahl, der auf der Drehbank liegt”. Der Metaphysiker des Armageddon erlernt hier das Handwerk für seine staatsautoritären Dogmen. Wir sollten uns nicht nur den freiheitsfeindlichen Dogmen des Jihadismus entgegenstellen, sondern auch mit dem erzreaktionären Fundamentalismus der “besorgten Bürger” abrechnen.


Image (adapted) “War” by Moyan Brenn (CC BY 2.0)


 

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Gunnar Sohn

Gunnar Sohn

ist Diplom-Volkswirt, lebt in Bonn und ist Wirtschaftsjournalist, Kolumnist, Moderator und Blogger. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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