Wie man Freunde gewinnt und Menschen beeinflusst – mit der Hilfe von Robotern

Obwohl er in Moskau festsitzt, schlendert der NSA-Whistleblower Edward Snowden oft durch Besprechungszimmer und Konferenzsäle in New York City. Dabei benutzt er dieselbe Technologie, die es der elfjährigen Lexie Kinder, die mit einer unheilbaren Herzkrankheit ans Haus gefesselt ist, gestattet, sich in einer Schule in South Carolina zu bewegen und mit Gleichaltrigen am Unterricht teilzunehmen. Fortschritte im Bereich der ferngesteuerten Roboter erlauben jetzt Menschen, die durch die Umstände eingeschränkt sind, an einer ganzen Reihe öffentlicher Ereignisse teilzuhaben. Sie besuchen Hochzeiten und Beerdigungen, erfreuen sich an Konferenzen und Festivals und können sogar auf einer alltäglicheren Ebene zur Arbeit pendeln, ohne jemals ihr Haus zu verlassen.

Momentan sind diese Roboter-Vertreter lediglich Bildschirme und Kameras auf Rädern – ferngesteuert durch die Nutzer mithilfe von Tastatur und Joystick. Die Räder gestatten es dem Bildschirm bewegt zu werden und die Kamera lässt den Nutzer andere sehen und hören.

Und doch ist es so: Jeder, der Skype schon einmal benutzt hat, um an einer Besprechung teilzunehmen, weiß, dass ein Gesicht auf einem Bildschirm einer Person zwar Präsenz verschaffen kann – aber es ist nicht dasselbe, wie tatsächlich anwesend zu sein. Zumindest ist die Erfahrung etwas körperlos. Es gibt keine Hände, mit denen man gestikulieren oder etwas berühren kann. Die Sinneskanäle zum Erfahren einer wirklichen Verbindung mit anderen Menschen sind eingeschränkt.

Ein aktuelles Forschungsprojekt hat sich damit beschäftigt, wie wir die Entwicklungen in den digitalen Technologien nutzen können, um die Erfahrung, sich im öffentlichen Raum zu bewegen, zu verbessern. Wir haben untersucht, wie wir in der Öffentlichkeit mit anderen in Verbindung stehen, wie Gesten und Blicke Informationen über Intentionen und Gefühle vermitteln, und wie Berührung das Vertrauen in Menschen und Technologie formen kann. Unsere Forschung zielt darauf ab, die Interaktionsqualität zwischen dem Roboter-Stellvertreter und den Menschen, mit denen er in Kontakt kommt, zu verbessern. Wir wollen auch erreichen, dass die Nutzer den Robotern mehr zu vertrauen, wenn sie als unsere Stellvertreter agieren. Durch die Nutzung der Fernpräsenz-Technologien mit der Nano-Roboter-Plattform, die die Fähigkeit für Gesten und Berührung beinhaltet, haben wir untersucht, wie wir die Erfahrungen zwischen Menschen und Robotern in öffentlichen Räumen verbessern können. Dies könnte funktionieren, wenn man Technologien entwickelt, die es den Robotern erlauben, menschliches nonverbales Verhalten, Mimik und Persönlichkeiten zu erkennen, und Gesten, sichtbare Hinweise und Körpersprache zu erfassen. Dabei haben wir außerdem Ressourcen zur Fernwahrnehmung von Emotionen und zur Verfolgung von Objekten in öffentlichen Räumen entwickelt. Beides sind wichtige Technologien, die es dem Roboter-Bediener erlauben, effektiv teilzunehmen und Ereignisse vollständig zu erfahren. Wenn wir die Emotionen der Menschen in der Öffentlichkeit in Echtzeit aufnehmen und analysieren können und dies durch den Roboter an seinen Benutzer übermitteln können, schaffen wir die Erfahrung, wirklich dabei zu sein. Wenn der Roboter mit einem hohen Grad an Genauigkeit weiß, wo er sich in Bezug zu anderen Objekten befindet, kann er sich mit Selbstvertrauen bewegen und Sicherheit und Schutz bieten. Wenn man Roboter-Vertretern die Möglichkeit gibt, die Umgebung an unserer Stelle wahrzunehmen, wirft das einige interessante Fragen hinsichtlich Ethik und Privatsphäre auf. Wenn wir an Roboter denken, können wir leicht eine dystopische Zukunft heraufbeschwören, in der wir durch unabhängige Maschinen versklavt oder ersetzt werden.

Die Kontrolleure kontrollieren

Dennoch besteht die größere Gefahr darin, was wir bereit sind, über uns zu verraten. Dieselben Daten, die genutzt werden können, um die Leistung eines Roboter-Vertreters zu verbessern, können auf Arten genutzt werden, die unsere Privatsphäre und unsere Sicherheit bedrohen. Die Roboter werden natürlich Daten über uns und über die Umgebung sammeln, in der sie sich wiederfinden. Die Gefahr geht nicht von den Robotern aus, sondern von der Art, wie die Technologie selbst ausgeführt ist. Die vielleicht offensichtlichste Sorge ist der Missbrauch des Fernsteuerungssystems, sodass die Menschen den Roboter benutzten, um sich an Orten zu bewegen, zu denen sie keinen Zugang haben sollten. Dann gibt es noch die Frage, welche Arten von Informationen ein Roboter über andere sammeln kann oder darf. Schließlich steht die Frage im Raum, was Roboter-Vertreter über die Menschen wissen können, die sie benutzen, und mit wem diese Informationen geteilt werden könnten. Dieses komplexe Set von Fragen stand im Mittelpunkt unseres interdisziplinären Projekts. Digitale Technologien können benutzt werden, um den öffentlichen Bereich zu verbessern, indem neue Wege geschaffen werden, die es denjenigen, die ausgeschlossen sind ermöglichen, teilzuhaben. Sie können außerdem die Erfahrung, im öffentlichen Bereich „dabei zu sein“, für alle verbessern. Trotzdem wird jeder potentielle Fortschritt von einer entsprechenden Frage bezüglich seinen ethischen Folgen begleitet. Mit der zunehmenden Vielseitigkeit der Robotertechnologie und ihrer steigenden Fähigkeit, uns auf neue und hochentwickelte Art zu vertreten, werden wir darüber nachdenken müssen, wo die Grenzen des Austauschs zwischen Nutzen und Privatsphäre liegen sollten. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „EPKOT-JETLAG-Betrieb-054“ by BlinkenArea.org (CC BY-SA 2.0)


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Mark Levine

Mark Levine

ist Professor für Sozialpsychologie an der Universität Exeter. Seine Forschung konzentriert sich auf die Rolle der sozialen Identität von sozialem und unsozialem Verhalten.

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