Freelancing statt Festanstellung: Sieht so die Arbeit der Zukunft aus?

Heutzutage repräsentieren Freelancer 35 Prozent aller Arbeitskräfte in den USA. In der EU liegt die Rate bei 16,1 Prozent. Beide Zahlen zeigen denselben globalen Trend: Vom kreativen Unternehmer bis hin zu den Leuten, die pro Aufgabe bezahlt werden. Freelancing ist weltweit auf dem Vormarsch.

So auch die Analysen über dieses Phänomen, während Journalisten, Soziologen, Human Ressource-Spezialisten, Lifecoaches und auch Freelancer selbst versuchen, „die Wahrheit“ über Freelancing herauszufinden.

Das ist wichtig, denn die „Gig Economy“, wie sie manchmal genannt wird, ist ein janusköpfiges Phänomen, das sich unaufhörlich weiterentwickelt. Freelancing wird oft als befreiend, ermächtigend und manchmal sogar glamourös dargestellt. Aber die Realität ist viel komplexer. In OECD-Ländern zeigen Studien, dass Freelancer hauptsächlich im Dienstleistungssektor arbeiten (hier etwa 50 Prozent der Männer und 70 Prozent der Frauen). Der Rest ist alles andere, vom Online-Assistent bis hin zu Architekten, Designer und Fotografen.

Von der kreativen Klasse bis hin zum Prekariat

Eine neue Studie zeigt, dass die Mehrheit der Freelancer sogenannte „Slasher“ (engl. Slash = Schrägstrich) sind. Das heißt, dass ihre Auftragsarbeit durch eine andere Teilzeit- oder Vollzeitanstellung ergänzen. Diese Nebenverdienste können deutlich variieren. Diejenigen, die ein paar Stunden im Monat damit verbringen, Anleitungen von zu Hause aus zu erstellen, können vielleicht ein paar hundert Euro im Monat verdienen. Freelance-Therapeuten können dagegen bis zu 10mal so viel verdienen als ihnen ein Vollzeitjob in diesem Sektor einbringen würde.

Der vielleicht glamouröseste Teil der Freelancer sind die Kreativen: sie sind beweglich, immer im Netz unterwegs, hoch gebildet und haben Kontakte auf der ganzen Welt. Sie haben sich unter anderem auf Kommunikation, Medien, Design, Kunst und Technik spezialisiert, sind Architekten, Webdesigner, Blogger und Berater. Ihr Job ist es, bei allen Trends den Überblick zu behalten. Die Besten der Besten von ihnen kennen wir heute als Influencer.

In London ist diese Gruppe teilweise dafür verantwortlich, was der Ökonom Douglas Mcwilliams als „Flat-white Economy“ bezeichnet hat. Es handelt sich hierbei um einen florierenden Markt voller Kreativer, der mit Kaffee als natürlichen Treibstoff funktioniert. Dieser Markt kombiniert innovative Herangehensweisen mit Geschäftlichem und einem modernen Lifestyle. Diese Hipster, die teilweise auch als “Proficians” bezeichnet werden, sind relativ erfolgreich mit ihrer Selbstbeschäftigung mit zahlreichen „Gigs“ und einem großen Portfolio. Für McWilliams stellen sie aber auch die Zukunft des Wohlstands in Großbritannien dar.

Wer ebenfalls ähnlich hart arbeitet, dabei aber längst nicht so erfolgreich ist, ist die untere Arbeiterschicht. Das Präkariat arbeitet stundenlang monotone Aufgaben ab – und das oft für eine einzelne Plattform, wie beispielsweise die „Mechanical Turk“ von Amazon. Für die meisten ihrer Aufgaben benötigt man kein hohes Level an Expertise und Kreativität – die Arbeiter sind also problemlos austauschbar. Eine Jobsicherheit ist für diese Online-Helfer nicht garantiert. Und obwohl sie für das gleiche Unternehmen arbeiten wie andere Angestellte, haben sie fast keine Vorteile.

Zwischen der kreativen Klasse und diejenigen, die um jede Aufgabe kämpfen müssen, um sich über Wasser zu halten, gibt es zahlreiche Leute dazwischen: Blogger, die von ihrer Leidenschaft zum Schreiben angetrieben werden und trotzdem ums Überleben kämpfen. Online-Assistenten, die früher arbeitslos waren und jetzt zufrieden mit ihrem Job sind. Studenten, die ein paar Stunden pro Woche als Grafikdesigner arbeiten, um sich ein Paar Euro dazuzuverdienen.

Freelancer gibt es in allen Farben und Formen. Ihr Bildungshintergrund, ihr Antrieb und ihre Ambitionen, Bedürfnisse und ihr Arbeitswille unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Und daraus resultiert auch die Schwierigkeit, diese Gruppe realistisch abzubilden, ohne dass sie überspitzt dargestellt werden.

Freelancing ist eine Entscheidung, die oftmals getroffen wird, um dem Nine-to-five-Arbeitstag zu entfliehen. Viele Freelancer – egal mit welcher Expertise – haben sich ursprünglich für dieses Arbeitsmodell entschieden, weil es augenscheinlich Freiheit anbieten soll: Die Freiheit, arbeiten zu können, wann und wo sie wollen. Nur 37 Prozent der Freelancer in den USA geben derzeit an, dass sie auf dieses Arbeitsmodell aus Notwendigkeit zurückgreifen. Noch 2014 war diese Zahl mit 47 Prozent deutlich höher.

Natürlich ist das nicht das Ende des “Saläriats”. Vollzeit und eine unternehmensbasierte Arbeit ist immer noch Standard in den westlichen Ländern. Trotzdem wird es mit dem Aufkommen der Telearbeit und der Automatisierung sowie dem uneingeschränkten Potential des Crowdsourcing immer wahrscheinlicher, dass immer mehr Firmen ihre Geschäfte mit deutlich weniger Angestellten durchführen – und dabei sogar wachsen können.

Das heißt allerdings nicht, dass es unbedingt eine höhere Arbeitslosigkeit geben wird. Stattdessen bedeutet es eher, dass es mehr Freelancer geben wird, die sich um solche Projekte und konstant entwickelnde Netzwerke herum formen. Der Aufstieg des Freelancings ist vielleicht der Schlüsselindikator für die Zukunft der Arbeit, vor allem, wenn es um die Zusammenarbeit geht. Freelancer machen bereits das Co-Management von Projekten aus. Bald werden diese auch im großen Stil mit Firmen, Kunden und der Gesellschaft produzieren, kommunizieren und kollaborieren.

Da sie aber keine homogene Klasse sind, wird die Verwaltung dieser neuen Selbstverwalter nicht einfach. Zurzeit gibt es noch kein Sozialsystem, das alle Freelancer – vom Raumpfleger über den Taxifahrer bis hin zum Architekten und den Nachrichtenredakteur – anspricht. Wie können diese individuellen Gruppen zusammen arbeiten und ihre unterschiedlichen Interessen bewahren? Sicherlich arbeitet irgendein ambitionierter Freelancer bereits an einer Lösung für dieses Problem.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Cafe “by 5StarsDay (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Anthony Hussenot

Anthony Hussenot

ist Hochschullehrer an der Dauphine Universität in Paris (PSL) wo er sich auf die Theorien der Organisation und des Managements konzentriert. Zusätzlich erforscht er die neuen Praktiken von Arbeit und Kollaboration.

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