„Free Your Data“ macht Nutzer zu Scheichs der eigenen Daten

In unserer heutigen Welt sind Daten wie Öl. Der Verbraucher sorgt für das Öl, doch bekommt dafür kaum etwas. Das Projekt „Free Your Data“ will das ändern. // von Alexandra von Heyl

Ali Jelveh von "Free Your Data"

Ali Jelveh ist Mitgründer und Geschäftsführer der Protonet GmbH. Mit ihrem Personal Server „Maya“ versucht die Firma, Nutzern zur eigener Unabhängigkeit und Datenhoheit im Internet zu verhelfen. Nun möchte er mit dem Projekt „Free Your Data“ den Menschen Zugriff auf ihre eigenen Daten zurückgeben.

Alexandra von Heyl: Eure Initiative „Free Your Data“ hat ja einen ambitioniert klingenden Titel. Worum genau geht es?

Ali Jelveh: Es geht um die Welt, in der wir leben, in der man sagt, dass die Daten das neue Öl sind und in der es Dinge wie Big Data gibt, die ein bisschen gleichbedeutend sind mit Big Money und letztendlich mit Total Control, also mit absoluter Kontrolle, das hängt ja alles so ein bisschen zusammen. Und wenn man sich anschaut, was wir Nutzer davon abgekriegt haben, dann kommt die Frage auf, die wir auch in unserer Kampagne stellen: Was ist mit uns, was ist mit mir?

Das, was wir aus diesem Deal abgekriegt haben, ist, auf jeden Fall 100 Prozent getracked zu sein, bei allem was wir online und offline tun, und letztendlich verkauft worden zu sein. Schauen wir uns mal die Marktgrößen und die Marktbewertungen von den großen Playern im Netz an. Da gab es vor ein paar Tagen oder Wochen eine sehr interessante Grafik, die besagt, dass die vier größten oder relevantesten Technikkonzerne in den USA, um ein vielfaches größer sind als unsere Top 30 Technikkonzerne. Wenn diese ganzen großen Konzerne nichts für ihre Produkte nehmen, die sie rausgeben, dann fragt man sich, woher das Geld kommt. Kommt es vielleicht aus dem Öl – dem Öl, welches wir produzieren? Und wenn wir das Öl produzieren, warum sind wir keine Ölscheichs geworden? Das ist durchaus eine valide Frage.

Und dahin begeben wir uns mit der Kampagne „Free Your Data“ auf den Weg, um zu schauen, wie man da einen Unterschied machen kann, wie man etwas verändern kann, wie man eine Zukunft schaffen kann, vielleicht eine europäische Vision einer Zukunft, in der der Bürger, der Citizen im Mittelpunkt steht. Und das aber nicht in der Form, indem wir hingehen und mehr Datenschutz machen oder sagen, wir müssten jetzt in höchster Datensparsamkeit leben, da ich nicht glaube, dass das in einer Welt, in der in drei, vier Jahren unsere Gabeln Sensoren haben werden, möglich ist. Wir werden in einer digitalen Informationsflut nicht mit Datensparsamkeit voran kommen.

Da ist die Frage: Wie sähe eine Zukunft aus, wie könnte eine europäische Zukunft dazu aussehen? Und könnte es möglich sein, dass ich als Bürger weiß, was die großen Firmen über mich wissen? Das ist im Kern dass, was wir fordern.

Nutzer sind Produzenten der Handelsware Daten,ohne davon finanziell zu profitieren
Nutzer sind Produzenten der Handelsware Daten,ohne davon finanziell zu profitieren

Wie wollt ihr dieses Ziel erreichen?

Eine sehr gute Frage. Wir haben uns vor Monaten hingesetzt und angefangen darüber nachzudenken: Wer sollte über meine Daten entscheiden? Und wie kann man einen Unterschied machen? Auf der Produktebene machen wir ja vieles dafür, wir bauen Server, die jeder von uns benutzen kann, die seine ganzen Daten beinhalten und worüber ich die volle Kontrolle habe. Ich muss mich nicht fragen, wer darauf Zugriff hat, sondern ich entscheide dort.

Dann haben wir aber gesehen, dass wenn man mit Politikern spricht und mit Experten in diesen Bereichen, dann fehlt besonders bei den Politikern ein Gefühl dafür, wie diese Datenzukunft aussehen kann. Das schwenkt entweder in die Richtung: Wir müssen das genauso machen wie die US-Amerikaner, oder wir müssen irgendwie alles zumachen, große, möglichst hohe Mauern bauen. Und da wurde uns klar, wenn wir jetzt einfach nur da sitzen und unser Produkt bauen und beispielsweise Poster mit den Servern in der Stadt verkleben, dann werden wir vielleicht einen Teil der Menschen mobilisieren können, um sich ihre Daten zurückzuholen, sich ihre Datenhoheit zurückzuholen. Aber in der großen Masse wird es keinen Unterschied machen.

Dann haben wir uns gesagt, wenn wir die nächste Kampagne machen, dann kann man vielleicht etwas Wahnsinniges tun, etwas Verrücktes tun und einfach glauben, dass diese Idee von der Demokratie auch so funktioniert, dass man als Bürger hingeht und etwas bewegt in der Art, wie es legislativ funktioniert. Und wir hatten eine einfache Idee: Wir fordern ein ganz spezifisches Gesetz oder eine Gesetzesänderung, welche auf der Arbeit basiert, mit welcher seit 25 Jahren Datenschützer und Liberale – also verschiedene Gruppen  dafür gekämpft haben, dass ich Zugriff auf meine Daten habe.

Da gibt es ja schon viele Möglichkeiten, und wir haben uns gesagt, der einzige Schritt, der da noch fehlt, ist, dass es auch praktisch funktioniert. Denn wie funktioniert es heute? Ich muss irgendwelche Briefe an ein Unternehmen schreiben, dann kriege ich erst mal keine Antwort, dann schreibe ich noch einen Brief, wieder keine Antwort. Dann hole ich meinen Anwalt, dann kriegt der nach zwei Monaten eine Antwort, nach 12 Monaten habe ich dann meine Daten in Aktenform zugesandt bekommen. Praktischer Nutzen? Null.

Und da gibt es auch interessante Studien vom Landesdatenschutzzentrum Schleswig-Holstein. Die haben dazu eine These geschrieben – sehr spannend. Praktisch funktioniert es auf jeden Fall nicht. Wir sagen, was wäre, wenn man an jedes Unternehmen eine Bürgerschnittstelle – wie wir sie politisch nennen – hinzufügt – eine API – wo ich sehen kann, was dieses Unternehmen über mich weiß? Die können weitermachen mit dem, was sie tun, aber ich weiß, was sie über mich wissen. Dann haben wir angefangen zu überlegen, wie man damit anfangen kann, so etwas umzusetzen. Wir haben ja keine Politikerfahrung, wir haben eine relativ klare Haltung dazu und haben uns etwas überlegt.

Wir haben uns überlegt, da wir nicht genau wissen, wie das funktioniert, machen wir das wie eine Fernsehserie, mit Staffeln und Episoden und jede Episode arbeitet daran, uns zum nächsten Schritt zu kriegen. Und jede Episode, das haben wir verbunden mit der Petition auf Change.org, die gerade Online geht, jede Episode soll in diese Petition einspielen und jede Petitionsunterschrift spielt in die ganze Kampagne ein. So können wir imperativ vorgehen und wir können immer wieder gucken, wie wir das an die richtigen Leute kriegen. Es fließt alles in die Petition ein, denn so kann man das Interesse der Leute sehen. Wir haben Medieninhalte vorbereitet, das erste sehr provokative Video geht am Montag raus, wir haben viele politische Kontakte aufgebaut, die uns unterstützen. Wir haben uns drei Wege gedacht, wie man diese einbringen kann.

Einmal über die Senatskanzlei, denn die Hamburger Politik kann Sachen beim Bundesrat einreichen, mit denen sich befasst werden muss. Der zweite Weg ist, das wir über Berliner Politiker im Bundestag und in verschiedensten Parteien arbeiten, die diese ganzen Sachen unterstützen. Wir haben auch viele bekannte Politiker schon für uns gewonnen, die uns wiederum über ihre Kanäle und über ihre Büros helfen können. Und der dritte Weg geht über die EU-Kommission, wo wir mit EU-Abgeordneten sprechen, die unser Projekt total unterstützen wollen und die zum Beispiel Möglichkeiten haben wie ein Event, dass demnächst stattfinden wird, wo auch Kommissionsmitarbeiter vorhanden sein werden, die für die Vorschläge verantwortlich sind, die dort eingereicht werden. Das sind die verschiedenen Aspekte.

Die Petition ist gerichtet an Heiko Maas und an Thomas de Maizière. Heiko Maas im Verbraucherschutzministerium, weil wir glauben, dass das eine Verbraucherschutzgeschichte ist und weil der Heiko sehr gute Arbeit dort macht, und De Maizière, weil das Thema Datenschutz eigentlich in seinem Ministerium angesiedelt ist. Das Projekt ist relativ umfangreich, wir haben deswegen die Kampagnenseite so aufgebaut, dass man das alles mitverfolgen kann. Man kann es einmal in der Change.org-Petition und in der Freeyourdata.org verfolgen. Dort kann man auch sehen, wie der Mechanismus funktioniert und welche Folgen gerade aktiv sind. Man ist quasi wie in einer Live-Action Politikserie, House of Cards in echt.

Das klingt auf jeden Fall sehr interessant. Wer steckt den hinter dieser ganzen Initiative?

Wir sind quasi die Initiatoren, also ich und die Jungs im Team bei Protonet, und wir haben sehr schnell erkannt, dass das Interesse sehr groß ist, über mehrere verschiedene Parteien hinweg, über Aktivisten hinweg, über die Gesellschaft und über politische Personen, sodass es alleine einfach nicht geht.

Wir haben als volle Unterstützer zum Beispiel Konstantin von Notz, der auch im NSA-Ausschuss sitzt, wir haben Lars Klingbeil von der SPD, der sehr aktiv ist in netzpolitischen Dingen – guter Mann. Wir haben Jimmy Schulz, der für die FDP netzpolitischer Sprecher ist, der auch in der ICANN tätig ist, einer der Regulierungsbehörden des Internets. Wir haben den Andreas Gebhard, der die re:publica macht, wir haben Nico Lumma, der extrem aktiv ist in diesen netzpolitischen Sachen, der im D64-Vorstand sitzt und eine Kolumne auf BILD.de hat. Außerdem haben wir Hannes Grassegger, der Autor ist und Bücher darüber schreibt, wie die Zukunft aussehen könnte, in der wir unsere Daten besitzen und in der wir diese Datenhoheit haben. Es sind schon sehr interessante und namhafte Leute dabei. Es ist schon cool, Wahnsinn!

Prominente Unterstützer von "Free Your Data", allerdings ausschließlich Männer.
Prominente Unterstützer von „Free Your Data“, allerdings ausschließlich Männer.

Soll denn diese von euch geforderte EU-Richtlinie für die sozialen Netzwerke innerhalb der europäischen Unternehmen gelten, oder von ihnen global umgesetzt werden, wenn sie in der EU aktiv sein wollen?

Wir würden sagen, um in der Europäischen Union aktiv zu sein, muss man sich an diese Richtlinien halten. Es hat ja auch schon wegen dieser Löschungsgeschichte funktioniert. Löschung ist ja nochmal deutlich schwieriger, da man in die Daten eingreift, hier geht es ja nur um lesenden Zugriff. Das heißt, die technische Schwelle ist deutlich geringer. Es gibt Fragen, welche beispielsweise die Identitätsprüfungen betreffen, die wir zum Beispiel mit Marit Hansen aus dem Datenschutzzentrum Schleswig Holstein besprechen, die schreibe ich immer an wenn ich solche technischen Detailfragen habe, denn selbst für mich als Techniker gehen solche Fragen sehr sehr tief.

Und da ist uns klar, die EU-Richtlinien gelten für alle Unternehmen, die auch in der EU operieren. Außerdem geht es nicht nur um die sozialen Netzwerke, viel wichtiger oder genauso wichtig ist es, dass ich an die Daten meines Mobilfunk-Providers in Echtzeit rankomme. Es geht uns darum, dass sie kostenlos sind, dass sie in Echtzeit zugänglich sind und dass sie von Maschinen lesbar sind, sprich eine API haben, denn erst dann kann ich diese ganzen Daten vermengen, sie vielleicht einem Datenanwalt geben, einem Datenagent, der sie für mich optimiert, verkauft oder was auch immer damit macht. Die Idee ist, mehr Raum für Möglichkeiten zu schaffen und geile neue Sachen zu erfinden, die nur dadurch möglich sind, dass wir diesen Datendamm gebrochen haben und wir alle plötzlich Zugriff auf unsere Daten haben. Dort kann wirklich eine Industrie drumherum entstehen, in der nicht nur die großen Player gewinnen, sondern auch wir als einzelne Personen, als Bürger.

Kritiker von Regulierungen argumentieren ja, dass niemand dazu gezwungen wird soziale Netzwerke oder eben den Service von Mobilfunk-Providern zu benutzen. Wie siehst du das?

Ich würde sagen, dass sind zwei verschiedene Gespräche. Ich rede nicht von kleinen Tante-Emma-Läden, sondern von großen Unternehmen mit über einer Million wiederkehrender Nutzer. Kleine Anbieter wie Mobilfunk-Provider würden die Richtlinien ja gar nicht betreffen, da sie niemals eine Million Kunden haben werden. Was bedeutet eine Million Nutzer? Das bedeutet, dass über ein Prozent der deutschen Bevölkerung dazu gehört. Das ist Power.

Ich bin der Meinung, dass du in so einem Verhältnis von dir zu einem dieser Unternehmen wissen solltest, was sie über dich wissen. Um mehr geht es nicht. Außerdem mussten die Provider für soziale Netzwerke schon wegen der bestehenden Richtlinien Schnittstellen anbieten, zur Echtzeit wäre es also nur eine Leistungsveränderung. Also sollte es dort die geringsten Schwierigkeiten geben. Interessant wird es bei den anderen Playern, die sich im Moment noch ein bisschen verstecken.

Besteht denn ein öffentliches Interesse daran, mit seinen eigenen Nutzerdaten zu handeln?

Ich glaube, dass wir kaum ein Gefühl dafür haben, was unsere Daten wirklich sind und was für Daten über uns überhaupt da draußen existieren. Wir haben auch kein Gefühl dafür, was damit möglich wäre, aber wen man bedenkt, das für eine Email-Adresse aus dem Travel-Bereich bis zu 300 US-Dollar gezahlt werden, und dass man vielleicht mehrere 100 Euro im Monat mit seinen Daten verdienen könnte, die man nun nicht verdienen kann, dann möchte ich gerne wissen, welche Möglichkeiten dort bestehen.

Außerdem würden die großen Unternehmen meine Daten mit mehr Respekt behandeln, wenn sie wüssten, dass ich jederzeit auf diese Daten zugreifen könnte. Darum denke ich, dass dadurch ganz neue Dinge entstehen werden. Ein paar davon haben wir in unseren Utopien auf unserer Seite aufgezeichnet, aber von den meisten wissen wir noch sehr wenig.

Das klingt auf jeden Fall sehr spannend. Was sind denn die nächsten Schritte ihrer Initiative „Free Your Data?“

Das ist eine sehr spannende Frage. Ich habe ja erklärt, wir haben das Projekt wie eine Serie aufgebaut, also in Episoden unterteilt, und wir haben diese gerade erst gestartet. Wir haben jetzt die erste Pressemitteilung rausgegeben, die ersten Interviewanfragen beantwortet. Natürlich haben wir die nächsten Episoden schon vorbereitet. Wir sind grade in einer Art Zwischenepisode. Wir bereiten uns auf etwas vor, dass wir Videobomb nennen. Dabei handelt es sich um ein sehr provokatives Video, welches wir zeitgleich über alle Kanäle streuen wollen. Das wird die Episode Zwei sein und sie wird am Montag mit diesem Video starten.

Durch dieses Episodenformat haben wir die Möglichkeit zu navigieren. Wenn also ganz viel Presse oder Kritik in eine bestimmte Richtung läuft, können wir eine Episode schaffen, die sich mit dieser befasst. Und sollte zum Beispiel gar nicht so viel kommen, haben wir ein Video vorbereitet, welches großes Potential hat. Wir spielen also gerade ein bisschen mit diesem Prinzip. Das Highlight oder auch eine Art Finale der ersten Staffel wird es auf der re:publica 2015 geben. So ist der aktuelle Plan.

Vielen Dank und viel Erfolg.


Teaser & Images by Free Your Data


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Alexandra von Heyl

Alexandra von Heyl

ist Management Studentin und immer auf der Suche nach Herausforderungen! In ihrem Leben dreht sich alles um Marketing, besonders POS & Online. Ehemalige Praktikantin bei den Netzpiloten und Hobby-Photographin.

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