Freaks, Geeks, Normen und Sitten: Warum wir den Status Quo als moralischen Kompass ansehen

Die Binewskis sind keine gewöhnliche Familie. Arty hat Flossen statt Gliedmaßen, Iphy und Elly sind siamesische Zwillinge und Chick hat telekinetische Kräfte. Diese reisenden Zirkus-Künstler sehen ihre Andersartigkeit als Talent, andere jedoch betrachten sie als Freaks ohne Werte und Moral. Das Erscheinungsbild kann jedoch täuschen: Der wahre Schurke der Binewski-Geschichte ist wohl Miss Lick, eine physisch „normale“ Frau mit niederträchtigen Absichten. Ähnlich wie die fiktiven Charaktere aus Katherine Dunn’sGeek Love“ missverstehen „gewöhnliche“ Menschen Normalität oft als Maßstab für Moral. „Freaks“ und „Normalos“ befinden sich jedoch gleichermaßen irgendwo auf dem schmalen Grat zwischen Gut  und Schlecht. Trotzdem werden immer noch die Dinge, die typisch sind, als Maßstab für das Gute gesehen. Verhalten, das gegen die Norm geht, wird weiterhin kritisch beäugt. Warum ist das so? In einer Reihe von Studien haben der Psychologe Andrei Cimpian und ich untersucht, warum Menschen den Status Quo als einen moralischen Kodex sehen. Wir haben versucht, einen Weg zu finden, um richtig von falsch und gut von schlecht zu unterscheiden. Unsere Inspiration für dieses Projekt war der Philosoph David Hume, der darauf aufmerksam machte, dass Menschen dazu neigen, sich vom Status Quo („Was ist?“) bezüglich ihres moralischen Ermessens („Was soll sein?“) leiten zu lassen. Nur weil ein Verhalten oder eine Praxis existiert, bedeutet das nicht, dass diese gut ist – aber genauso begründen Leute ihre Taten häufig. Zum Beispiel waren und sind Sklaverei und Kinderarbeit in manchen Teilen der Welt noch immer verbreitet. Deren reine Existenz macht sie aber noch lange nicht richtig oder in Ordnung. Wir wollten die Psychologie hinter der Argumentation verstehen, dass die Verbreitung Grundlage für moralisch gutes Handeln ist. Um die Wurzeln solcher „Was ist – Was soll sein?“ Schlussfolgerungen zu untersuchen, haben wir zu Grundelementen der menschlichen Wahrnehmung gegriffen: Wie erklären wir, was wir in unserer Umgebung wahrnehmen? Von klein auf versuchen wir zu verstehen, was um uns herum abläuft. Oft geschieht dies durch Erklären. Erklärungen liegen oft tief verwurzelte Glaubensansätze zu Grunde. Beeinflussen Erklärungen also auch den Glauben der Menschen in Bezug auf die Frage nach einem Richtig oder Falsch?

Mit Vereinfachungen die Welt erklären

Wenn man sich Erklärungen ausdenkt, um die Welt um uns herum zu verstehen, sticht der Bedarf nach mehr Effizienz oft den Bedarf nach Präzision aus. (Die Leute haben weder Zeit noch kognitive Kapazitäten, um nach Perfektion bei jeder Erklärung, Entscheidung oder Beurteilung zu streben.) In den meisten Fällen muss getan werden, was zu tun ist – wenn man es mal kognitiv ausdrücken möchte. Wenn ein effizienter Kriminalbeamter mit dem Unbekannten konfrontiert wird, nutzt er Abkürzungen und vertraut auf einfachste Informationen, die ihm spontan einfallen. Was einem als erstes einfällt, geht tendenziell mit eigenen oder intrinsischen Eigenschaften des Gegenstands einher, der erklärt wird. Wenn man zum Beispiel erklären möchte, warum Männer und Frauen getrennte öffentliche Toiletten haben, könnte man zunächst sagen, dass es an den anatomischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern liegt. Die Tendenz, etwas zu erklären, indem man solche anhaftenden Merkmale benutzt, bringt uns oft dazu, andere relevante Informationen über die Umstände oder die Geschichte des besagten Phänomens zu ignorieren. In der Realität wurden die öffentlichen Toiletten, nach Geschlechtern getrennt, erst im späten 19. Jahrhundert in den USA eingeführt – nicht als Anerkennung der anatomischen Unterschiede zwischen Mann und Frau, sondern als Teil verschiedener politischer Veränderungen, die die Idee stärkten, dass sich der gesellschaftliche Stellenwert von Frauen, zu dem von Männern unterschied.

Die Verbindung ausprobieren

Wir wollten wissen, ob die Tendenz dazu, Dinge basierend auf deren inneren Qualitäten zu erklären, auch dazu führt, dass man das Alltägliche wertschätzt. Um zu testen, ob die eigene Präferenz für anhaftende Erklärungen in Bezug zu „Was ist – Was soll sein?“ Schlussfolgerungen steht, haben wir zuerst unsere Teilnehmer befragt. Sie sollten bewerten, wie sehr sie mit einer Anzahl an inhärenten Erklärungen übereinstimmen: Zum Beispiel dass Mädchen gern Pink tragen, weil es eine zierliche, blumige Farbe ist. Dies dient als Maßstab für eine Präferenz des Teilnehmers für anhaftende Erklärungen. In einem anderen Teil der Studie sollten die Leute spöttische Pressemitteilungen über Statistiken, die normales Verhalten beschrieben, lesen. Eine der Mitteilungen gab zum Beispiel an, dass 90 Prozent der Amerikaner Kaffee trinken. Die Teilnehmer wurden dann befragt, ob sie diese Verhaltensweisen als „gut“ oder „wie es sein sollte“ einstufen würden. Das gab uns ein Maß über die „Was ist – Was soll sein?“ Schlussfolgerungen der Teilnehmer. Diese beiden Messungen waren eng miteinander verbunden: Die Leute, die inhärente Erklärungen bevorzugten, dachten meist auch, dass das typische Verhalten das ist, was man tun sollte. Wir tendieren dazu, das Alltägliche als gut und „so, wie die Dinge sein sollten“ zu empfinden. Wenn man also zum Beispiel denkt, dass öffentliche Toiletten wegen der inhärenten Unterschiede zwischen Mann und Frau getrennt sind, denkt man meist auch, dass diese Praxis angemessen und gut (also ein Werturteil) ist. Diese Beziehung war sogar präsent, wenn die Zahlen durch eine Anzahl anderer  kognitiver oder ideologischer Tendenzen statistisch bereinigt wurden. Zum Beispiel kam die Frage bei uns auf, ob die Verbindung zwischen Erklärung und moralischer Beurteilung durch die politische Einstellung der Teilnehmer erklärt werden kann. Vielleicht sehen politisch eher Konservative den Status Quo als gut an und neigen beim Erklären zu anhaftenden Erklärungen? Diese Variante wurde nicht durch die gesammelten Daten unterstützt, wie auch keine der anderen Varianten, denen wir Beachtung schenkten. Unsere Ergebnisse offenbarten eher eine eindeutige Verbindung zwischen Erklärungslenkungen und moralischer Beurteilung.

Toilettes (image by Antonio Ortega [CC by 2.0] via Flickr)
Image (adapted) „Toilettes en el lago salado de Chott el Jerid, Túnez. 1994“ by Antonio Ortega (CC BY 2.0)

Eine innere Neigung, die unsere moralische Beurteilung beeinflusst

Wir wollten außerdem herausfinden, in welchem Alter man die Verbindung zwischen Erklärung und moralischer Beurteilung entwickelt. Je früher diese Verbindung im Leben präsent ist, desto größer kann ihr Einfluss auf die Entwicklung der Vorstellung eines Kindes in Bezug auf Richtig und Falsch sein. Aus früheren Projekten wussten wir, dass die Neigung, mithilfe von inhärenten Erklärungen zu erklären, bereits bei vierjährigen Kindern vorhanden ist. Vorschüler denken also zum Beispiel eher, dass Bräute bei der Hochzeit weiß tragen, weil es etwas mit der Farbe an sich zu tun hat – und nicht etwa egen eines Modetrends, dem die Leute folgen. Es stellt sich die Frage, ob diese Neigung die moralische Beurteilung der Kinder beeinflusst. Und tatsächlich: Wir haben herausgefunden, dass vier- bis siebenjährige Kinder, die inhärente Erklärungen bevorzugten, auch eher typische Verhaltensweisen (wie zum Beispiel, dass Jungen Hosen und Mädchen Kleider tragen) als gut und richtig ansehen. Wenn unsere Behauptungen korrekt sind, sollten Veränderungen in der Weise, wie Leute erklären, was typisch ist, auch Änderungen in der Art, wie sie über Richtig und Falsch denken, hervorrufen. Wenn die Leute mehr Zugang zu Informationen haben, wie die Welt funktioniert, mag es für sie einfacher sein, sich die Welt anders vorzustellen. Wenn man Ihnen Erklärungen bietet, die sie vorher noch nicht bedacht haben, werden sie weniger davon ausgehen, dass das „Was ist?“ und das „Was soll sein?“ das Gleiche bedeutet. Damit stimmen unsere Ergebnisse überein, dass, wenn wir die Erklärungen der Leute subtil manipulieren, wir auch ihre Tendenz verändern, die Schlussfolgerungen nach dem Modell „Was ist? – Was soll sein?“ zu ziehen. Wenn wir Erwachsenen ein eher extrinsisches statt intrinsische Denkweise vermitteln, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass sie denken, dass das normale Verhalten definitiv jenes ist, das man anstrebt. Selbst die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder den Status Quo (Bräute tragen weiß) als gut und richtig ansehen, war geringer, wenn diese eine externen Erklärung erhielten (Wie zum Beispiel: Eine berühmte Königin trug weiß an ihrer Hochzeit und dann fing jeder an, sie zu kopieren).

Eine Folgerung für die soziale Veränderung

Unsere Studien offenbaren einen Teil der Psychologie hinter der menschlichen Tendenz, eine direkte Verbindung von einem „Ist“-Zustand zu einem „So soll es sein“-Zustand zu machen. Obwohl es natürlich viele Faktoren gibt, die diese Tendenz einleiten, scheint eine davon eine einfache Eigenart unseres kognitiven Systems zu sein: Die frühe Neigung zu inhärenten Verbindungen, die in unseren alltäglichen Erklärungen vorhanden ist. Diese Eigenart mag einer der Gründe sein, warum Menschen – sogar die Jüngsten unter uns – solche starken Reaktionen gegen Verhaltensweisen aufweisen, die gegen die Norm gehen. Bezüglicher sozialer und politischer Belange könnte es hilfreich sein, zu betrachten, wie solche kognitiven Faktoren die Menschen beeinflussen, sich gegen soziale Veränderungen zu wehren.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Ballon“ by Mysticsartdesign (CC0 Public Domain


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Christina Tworek

Christina Tworek

erforscht an der Universität Illinois die Entwicklung von moralischen Glaubensansätzen. Sie interessiert sich dafür, wie Wahrnehmung den Glauben von Kindern und Erwachsenen beeinflusst.

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