„Wenn Journalisten etwas nicht zeigen dürfen, macht mich das wütend!“

Beim Lumix Festival für jungen Fotojournalismus in Hannover zeigt derzeit der preisgekrönte Fotoreporter Dominic Nahr (33) Südsudanesen auf der Flucht vor der Gewalt. Er dokumentiert die Ereignisse, weil es fast niemand sonst tut, und die Welt sehen soll, was auf ihr passiert. Geschönte Bilder lehnt er ab. Journalisten Aufnahmen vorzuenthalten – wie derzeit bei der EM – geht für ihn gar nicht. Im Interview sprachen wir mit ihm darüber, was Bildjournalisten zeigen müssen und was sie nicht dürfen.

Berti Kolbow-Lehradt (BK): Du kommst gerade aus dem vom Bürgerkrieg geschüttelten Südsudan zurück. Im Fernsehen wird gerade die Fußball-EM zelebriert. Ist dieser Kontrast für dich seltsam?

Dominic Nahr (DN): Ich schaue praktisch nie fern und lese auch kaum Zeitung oder Internet. Das mache ich ganz bewusst. Sonst wäre es wohl sehr frustrierend, wenn ich mitkriegte, wie wenig Interesse die Menschen am Not anderer haben. Dass die EM läuft, habe ich bislang nur am Rande wahrgenommen.

BK: Hast du auch von dem Streit um die TV-Bildauswahl bei der EM erfahren, die deutsche Journalisten kritisieren?

DN: Von den nicht gezeigten Hooligan-Ausschreitungen im Stadion? Ja. Das ist krass! Meinungsfreiheit ist mir heilig. Ob das Zeigen der Bilder zu Aggression bei Trittbrettfahrern beigetragen hätte, ist eine Frage für sich. Die Entscheidung sie zu veröffentlichen oder nicht, sollte Journalisten überlassen werden. Wenn Journalisten etwas nicht zeigen dürfen, macht mich das wütend!

BK: Laut einem Zeitungsinterview hast du selbst schon mindestens einmal entschieden, sehr brutale Bilder nicht der Redaktion zu übergeben. Was lässt du weg? Nach welchen Kriterien entscheidest du das?

DN: Wenn ich im Einsatz bin, fotografiere ich immer das komplette Ereignis in all seinen Facetten – ob grausam oder nicht. In dieser Hinsicht schon während des Fotografierens die Schere anzusetzen, ist in der Hektik der Situation kaum möglich. Das mache ich hinterher. Bei der Darstellung von Gewalt ist die Wahrung der Menschenwürde für mich das oberste Auswahlkriterium. Werden Opfer bloßgestellt, zeige ich die Bilder nicht.

BK: Du nimmst als Foto-Produzent also gewisserweise auch inhaltlichen Einfluss. Wie sehen deine Auftraggeber das?

DN: Die meisten sind damit einverstanden. So funktionieren Fotoreportagen. Ich achte darauf, dass meine Bilder im Rahmen einer Serie eine authentische, unverfälschte, aber geschlossene Geschichte erzählen. Dafür muss ich die aus meiner Sicht passendsten Bilder auswählen und andere weglassen. Es gibt nur wenige Redaktionen, die das komplette Rohmaterial sehen wollen. National Geographic zum Beispiel möchte immer alles von mir haben. Und das bereits seit dem Beginn unserer Zusammenarbeit im Jahr 2010. Nicht erst, seit der Debatte um Steve McCurrys Arbeit für die Zeitschrift.

BK: Fotojournalisten-Legende McCurry steht in der Kritik, weil er einige seiner Bilder stärker bearbeitet hat als angenommen. Inwiefern bearbeitest du deine Bilder?

DN: Es gibt zu Recht strenge ethische Regeln rund um den Wahrheitsgehalt von Pressefotos. Daher mache ich nur das Nötigste. Zum Beispiel die jeweiligen Unzulänglichkeiten eines Bildsensors bei Licht- und Farbwidergabe hinterher am Computer zu korrigieren, ist unverzichtbar. Einen eigenen Bildstil zu kreieren, finde ich ebenfalls legitim. Ich mag kontrastreiche Bilder mit tiefen Schwarzwerten.

BK: Veränderst du damit nicht schon die Bildaussage?

DN: Nein, ich lenke nur den Blick des Betrachters auf die zentralen Bildbestandteile. Die Dramatik der Situation durch die Bildästhetik zu betonen, ist wichtig. So kann ich Leser von Publikumsmedien für Teile des Weltgeschehens interessieren, zu denen sie sonst keinen Bezug haben. Schwierig wird es erst, wenn man das Bild am Rechner zu stark beschneidet. Manchmal muss Cropping sein, etwa wenn ich mit einer weitwinkligen Festbrennweite fotografiert habe. Dann schneide ich für die Bildaussage unnötige Bereiche rund um das Motiv weg. Hingegen bewaffnete Kämpfer wegzuschneiden, damit das Bild friedlicher wirkt, geht zu weit, um mal ein Negativbeispiel zu nennen. Man muss die ganze Geschichte zeigen.

BK: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Der 33-jährige Dominic Nahr zeigt noch bis zum Sonntag, den 19. Juni, beim Lumix Festival für jungen Fotojournalismus in Hannover Fotos vom Leben während des Bürgerkriegs im jüngsten Land der Welt, dem ostafrikanischen Südsudan. Sein Beitrag ist einer von 60 Fotoreportagen und Multimedia-Essays talentierter Nachwuchsfotografen. Sie werden bei der fünften Festivalauflage voraussichtlich wieder rund 35.000 Menschen auf das ehemalige Expo-Gelände in Hannover locken.
Dominic Nahr hat rund 30 Länder in Afrika bereist und wurde für seine Dokumentationen unter anderem bei den World Press Photo Awards und als Schweizer Fotograf des Jahres ausgezeichnet. Er arbeitet für Time Magazine, National Geographic, Stern und andere.


Image by Berti Kolbow-Lehradt


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Berti Kolbow-Lehradt

Berti Kolbow-Lehradt

ist Freier Journalist und Texter. Für die Netzpiloten sowie unsere Geschwisterseiten Androidpiloten und Applepiloten befasst er sich mit Technik-Themen. Die Dissertation zur Geschichte der Fotoindustrie hat der Wirtschaftshistoriker erfolgreich abgebrochen, um sich der Digitalen Fotografie und vielen anderen Bereichen der Consumer Electronics und IT in der Gegenwart zu widmen. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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