famany bastelt an der Zukunft des Employer Branding und Recruiting

Die Arbeitswelt ist im Wandel und somit auch unsere Einstellung zur Arbeit. Familienfreundlichkeit und Work-Life-Balance gewinnen an Bedeutung. famany hat die Zeichen der Zeit erkannt. // von Tobias Schwarz

famanyteam

Famany ist ein Portal zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Arbeitnehmer haben die Möglichkeit, ihren ehemaligen Arbeitgeber auf Familienfreundlichkeit und Work-Life-Balance zu bewerten. So soll mehr Transparenz in den Arbeitsmarkt kommen und Menschen, die sich nach einem familienfreundlicheren Job umschauen, eine Orientierung bieten. Wir haben die beiden Gründer Linda Schuster und Bernd Kopin (rechts im Bild noch Mitgründer Max Roth) zum Interview getroffen und sie zu den Themen Employer Branding, die digitalisierte Arbeitswelt und eine moderne Arbeitsmarktpolitik interviewt.

Netzpiloten: Ihr beide seid die Gründer von famany. Was macht famany und warum macht ihr das?

Bernd Kopin: famany ist ein Employer Branding-Bewertungs- und Präsentationsportal zum Thema Work-Life-Balance und Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Für die Unternehmen ist es die perfekte Möglichkeit, sich als familienfreundliche Firma zu präsentieren – die Maßnahmen und Programme anbietet, um seinen Mitarbeitern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen oder eine ausgeglichene Work-Life-Balance. Das kann im Firmenprofil anhand von Bildern, Imagevideos, Informationstexten oder Interviews erfolgen. Außerdem kann in dem Profil auch auf freie Stellen im Unternehmen hingewiesen werden. Als Nutzer bietet mir famany die Möglichkeit, familienfreundliche Unternehmen zu finden, mich genauer über sie zu informieren und sie miteinander zu vergleichen. Für die Nutzer haben wir ein Bewertungssystem entwickelt, mit dem sie anonym Unternehmen bewerten können. Das heißt, Nutzer sehen nicht nur die Informationen, die das Unternehmen über sich bereitstellt, sondern auch die Erfahrungen und Meinungen anderer Nutzer.

Linda Schuster: Ziel ist es, bei diesem Thema Transparenz reinzubringen. Gerade bei so einem sensiblen Thema wie Familie und Beruf will ich als Nutzer Berichte aus erster Hand haben, auf deren Basis ich eine Entscheidung treffen kann, und nicht nur, was das Unternehmen mir auf der Karriereseite erzählen möchte. Nicht immer kennt man Mitarbeiter, von denen man einen persönlichen Eindruck vermittelt bekommen kann. famany bietet hier eine Lösung an und kann langfristig dafür sorgen, dass die Unternehmenslandschaft familienfreundlicher wird. Die Bewertungen der Mitarbeiter sensibilisieren die Unternehmen für das Thema und lassen sie erkennen, was im eigenen Unternehmen gut funktioniert und was nicht.

Das Problem ist nicht neu, ebensowenig Bewertungsportale. Funktioniert famany aber erst durch die Existenz des Internets?

Linda Schuster: Ja, prinzipiell funktioniert das Bewertungssystem erst durch das Internet, weil wir seitdem als Nutzer den Bewertungsaspekt stärker im Fokus haben und es eine massnehafte Bewertung von Unternehmen ermöglicht. Unternehmen konnten sich auch vor dem Internet bereits präsentieren, aber die Nutzer und ihre Meinungen waren nicht miteinander vernetzt.

Bernd Kopin: Das Internet macht viele Dinger einfacher. Der ganze Prozess, von der Präsentation bis zur Einpflegung neuer Profile, sind mit dem Bewertungssystem kombiniert. In einem Printmedium hätte und würde das nie so schnell und einfach funktionieren. Es gibt ja Printprodukte, die einmal im Jahr z.B. ein Ranking der Top 100 Arbeitgeber in Deutschland veröffentlichen, aber diese Bewertungen sind bei der Veröffentlichung schon nicht mehr aktuell und können nie das ganze Bild eines Unternehmens zeigen. Es fehlt immer das Feedback der Mitarbeiter.

Wie setzt sich die Bewertung eines Unternehmens auf famany zusammen?

Linda Schuster: Nutzer geben zuerst allgemeine Informationen zu dem Unternehmen ab, wie den Namen der Firma oder die Abteilung, in der sie tätig waren oder sind. Nutzer können auch ihre Position im Unternehmen angeben, was anderen hilft, die Meinung besser einzuordnen. Dann werden Fragen zu dem Unternehmen gestellt, wie zum Beispiel die Karrierenchancen sind oder ob Verständnis für ehrenamtliche Tätigkeiten vorherrscht. Unser Fokus liegt aber eindeutig auf Familienfreundlichkeit und Work-Life-Balance. Nutzer können bewerten, was das Unternehmen in den Bereichen macht, aber auch wie das Verständnis dafür im Kollegenkreis ist. Das beste Unternehmen nützt nichts, wenn der eine Abteilungschef, der für einen zuständig ist, dafür bekannt ist, dass er länger arbeiten lässt. Es geht bei den Bewertungen nicht nur um Punkte wie einen Unternehmenskindergarten, sondern auch wie das Arbeitsklima in der Firma ist.

Bernd Kopin: Für die Bewertungen muss man aber kein Nutzerprofil angelegt werden. Jeder kann sofort auf famany.com gehen und ein Unternehmen bewerten. Man kann sich auch via E-Mail über andere Bewertungen zu einem Unternehmen informieren lassen. Hierbei haben wir aber darauf geachtet, dass eine Mailadresse mit keinen Bewertungen in Zusammenhang gebracht werden kann. Die Anonymität ist uns sehr wichtig, weshalb ein Nutzerprofil für eine Bewertung nicht entscheidend ist.

Gibt es bereits Unternehmen, die Interesse daran gezeigt haben, ein Profil auf Famany zu haben?

Bernd Kopin: Ja, wir sind zwar erst seit wenigen Wochen online, es gibt aber bereits acht angemeldete Unternehmen, die sich auf famany präsentieren. Zum Beispiel die REWE Group oder Mister Spex. Es dauert natürlich am Anfang noch etwas, vom ersten Kontakt mit einem Unternehmen, bis sich das dann ein Profil einrichtet. Wir führen dazu aber gerade viele Gespräche, denn das Interesse seitens der Firmen ist groß. Sie haben inzwischen die Bedeutung von Bewertungen im Internet verstanden und können damit umgehen. Auch das Thema familienfreundliche Arbeit spielt eine immer größere Rolle, weshalb famany als interessantes Portal betrachtet wird. Hier können z.B. qualifizierte Arbeitskräfte überzeugt werden, dass nicht nur das Gehalt und der Standort für ein Unternehmen sprechen müssen.

Was ist euer nächster Schritt? Wird famany perspektivisch internationale Unternehmen und Arbeitnehmer ansprechen?

Bernd Kopin: Langfristig ja, denn zukünftig wird das Thema auch in den südlichen Ländern Europas eine ähnlich große Rolle spielen, wie es das jetzt schon in Deutschland und den skandinavischen Ländern tut. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Wir wollen famany erst einmal in Deutschland, Österreich und der Schweiz etablieren. Unser nächster Schritt ist der Aufbau eines Partnernetzwerkes. Die Idee dahinter ist, sollte ein Unternehmen sich als familienfreundlich präsentieren wollen, weiß aber über noch bestehende Schwachstellen Bescheid, z.B gibt es noch keine freien Betreuungsmöglichkeiten für die Mitarbeiter, dann vermittelt famany einen Netzwerkpartner an das Unternehmen, der das Problem lösen kann. Die Bemühungen des Unternehmens und die Leistungen des Netzwerkpartners fließen dann in das Firmenprofil ein und dokumentieren das Engagement für bessere Arbeitsbedingungen.

Linda Schuster: Der Fokus liegt aber erst einmal darauf, sich hierzulande zu etablieren und für Unternehmen Lösungsmöglichkeiten aufzubauen. Unsere Vision ist es, die erste Anlaufstelle für das Thema Work-Life-Balance und Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu werden.

Was für eine Art Arbeitsmarktpolitik sollte die zukünftige Bundesregierung betreiben, um einen stärkeren Fokus auf Themen wie Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu legen?

Linda Schuster: Prinzipiell macht es Sinn, flexiblere Arbeitsmodelle zu fördern. Kann man zeit- und ortsunabhängig arbeiten, stellt das immer eine extreme Erleichterung da, wenn man Familie oder ein Ehrenamt hat. Ein weiterer Fokus muss auf den erfolgreichen Wiedereinstieg von Müttern in die Arbeitswelt gelegt werden. Hält man sie durch falsche Anreize zu Hause, gehen sie dem Arbeitsmarkt verloren.

Bernd Kopin: Die Flexibilität der Arbeitswelt muss in den Vordergrund der Politik rücken. Niemand arbeitet heute mehr 20 oder 30 Jahren in einem Betrieb. Wahrscheinlicher ist, dass man alle 3 bis 5 Jahre den Arbeitgeber wechselt. Dies sollte erleichtert werden, denn noch immer ist beim Thema Rente und Versicherung keine Berücksichtigung der neuen Arbeitsbedingungen erkennbar. In erster Linie müssen aber die Unternehmen ihren Fokus ändern. Die Politik kann da unterstützend einwirken, der Wandel im Denken muss aber bei den Arbeitgebern einsetzen. Zum eigenen Vorteil, denn ein Unternehmen, das nicht auf die Work-Life-Balance und Vereinbarkeit von Familie und Beruf achtet, zieht beim Wettbewerb um Arbeitskräfte langfristig den Kürzeren.


Teaser & Image by famany

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Tobias Kremkau

Tobias Kremkau

ist Coworking Manager des St. Oberholz und als Editor-at-Large für Netzpiloten.de tätig. Von 2013 bis 2016 leitete er Netzpiloten.de und unternahm verschiedene Blogger-Reisen. Zusammen mit Ansgar Oberholz hat er den Think Tank "Institut für Neue Arbeit" gegründet und berät Unternehmen zu Fragen der Transformation von Arbeit. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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