Was Fachärzte in Zeiten von Wikipedia wissen müssen

Fachleute im Gesundheitswesen haben die Aufgabe, die zahlreichen medizinischen Einträge auf Wikipedia zu verbessern – zumindest, wenn man nach einem Brief der Lancet Global Health geht, der heute veröffentlicht wurde. Das liegt vor allem daran, dass die Wikipedia eine der ersten Quellen ist, die aufgerufen wird, wenn man nach medizinischen Begriffen sucht.

In unserer Korrespondenz habe ich mich mit einer Gruppe internationaler Studenten an verschiedene medizinische Fachzeitschriften gewendet, um ihnen klarzumachen, dass man mehr tun muss, damit Experten die Wikipedia nützlicher und präziser machen können. Zudem sollte die medizinische Community diese Verbesserungen zu einem ihrer wichtigsten Punkte erklären.

Rund um die Welt in Benutzung

Wikipedia steht auf Platz Fünf der am meisten besuchten Webseiten der Welt und ist auch die am häufigsten gelesene Quelle, wenn es um medizinische Informationen geht. Zudem greifen auch viele Ärzte, Medizinstudenten, Gesetzgeber und Professoren auf sie zu. Das Aufrufen der Seite ist kostenfrei und läuft über das Programm Wikipedia Zero. In Entwicklungsländern ist die Seite damit zu einer der am meisten benutzten Quellen für Gesundheitsthemen geworden. Während des Ebola-Ausbruchs im Jahr 2014 wurde die Seite über das Ebola-Virus täglich über 2,5 Millionen Mal aufgerufen.

Anfang des Jahres startete die Seite die kostenlose Medical Wikipedia Offline-App in sieben Sprachen. Die Android-App hatte fast 100.000 Downloads in den ersten Monaten und ist in Ländern mit sehr knappem und mittlerem Einkommen, wo der Internetzugang meistens langsam und vergleichsweise teuer ist, extrem nützlich.

Wegen all dieser Punkte müssen die Einträge in die Wikipedia sehr präzise formuliert sein, denn jeder Eintrag kann potentiell zu gesundheitlichen Konsequenzen in der wirklichen Welt führen.

Eine Frage der Prioritäten

Obwohl die Wikipedia es jedem ermöglicht, die Einträge zu bearbeiten, ist die Genauigkeit erstaunlich und konkurriert sogar mit der Encyclopedia Britannica. Aber obwohl sich die Enzyklopädie weiterentwickelt, ist die Genauigkeit der medizinischen Inhalte nicht stetig. Die Plattform hatte schon immer Schwierigkeiten damit, Expertenmeinungen von Forschern einzuarbeiten. Bei den Ärzten und anderen Experten im Gesundheitswesen hatte eine Aufarbeitung der Themen in der Wikipedia bisher einen eher unwichtigen Stellenwert.

Das unbezahlte Schreiben in einem unbekannten Format verliert leider schnell an Reiz, wenn man es unmittelbaren Karriereentscheidungen entgegenstellt. Die Ärzte haben oft mehrere Stunden täglich mit Patienten zu tun und die Forscher sind oft noch zusätzlich damit beschäftigt, sich für Stipendien zu bewerben oder in akademischen Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Der Eintrag zu Stillgeburten zeigt deutlich, warum Wikipedia mehr Experten beim Erstellen der Artikel braucht. Jeden Tag gibt es auf der ganzen Welt 7000 Stillgeburten, aber bevor meine Kollegen und ich die Wikipedia-Seite aktualisiert hatten, haben dort noch einige wichtige Informationen gefehlt.

Wichtige Faktoren, wie beispielsweise Malaria als Krankheitsauslöser, waren nicht aufgelistet, aber auch häufige Komplikationen wie Depressionen fehlten. Man benötigt das gesamte Bild einer Erkrankung, um eine wirksame Behandlung angehen zu können. Und für die Patienten ist es ebenso wichtig, zu wissen, dass Depressionen eine normale Nebenwirkung der Totgeburt ist. Wenn sie sich dessen bewusst sind, können sie mit dem Gefühlschaos einer Stillgeburt besser umgehen lernen.

Vergleichbar ist dies mit detaillierteren Informationen über die medikamentöse Behandlung, die ärztliche Verschreibung derer, den Wünschen des Patienten und dem Wissen der angehenden Medizinstudenten – solche wichtigen Themen verlangen einfach nach Genauigkeit.

Mögliche Lösungen

Während man relativ einfach sagen kann, woran es mangelt, ist es umso schwieriger, die Probleme auch vollends zu lösen. Der Einsatz vieler mit verschiedenen Stärken ist hier vonnöten. Ärzte und Fachleute bringen ein enormes Wissen über komplexe Themen mit, medizinische Fachzeitschriften können ihre Infrastruktur für starke Kollegenkontrolle und Indizes aushebeln. Wikipedianer können ihr Wissen über Enzyklopädisches Schreiben und ihre technische Expertise einbringen und medizinische Lehranstalten können ihre Studenten dazu auffordern, mitzuhelfen.

Das gleichzeitige Veröffentlichen von überprüften Arbeiten auf Wikipedia und in akademischen Journalen würde eine Verbesserung für alle bedeuten. Das heißt, dass man bereits existierende Einträge überprüfen, aber auch passende Einträge aus Fachzeitschriften in Wikipedia-Einträge umwandeln muss. Die offizielle Anerkennung für die Mühen des Autors durch zitierfähige Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Fachzeitschriften ist eine wichtige Belohnung für die Community-Mitglieder, die unter Zeitdruck stehen. Kontrollen durch die Peer Group würden die Qualität entsprechend sicherstellen. Die Wikipedia ist zudem ein wunderbares Werkzeug für Fachzeitschriften, die einen Einfluss auf die öffentliche Gesundheit nehmen wollen.

Mehrere wissenschaftliche Fachzeitschriften haben sich in die akademische Kontrollvariante der Wiki-Einträge eingearbeitet, andere wollen bald dazu stoßen. Beispiele für diese gemeinsamen Veröffentlichungen sind die Einträge über das Dengue-Fieber und das Kleinhirn, die von den Zeitschriften Open Medicine und WikiJournal of Medicine überprüft und veröffentlicht wurden.

Um mehr Einfluss zu nehmen, folgte PLOS Computational Biology diesem Beispiel und hat auch gemeinsam erstellte Artikel in ihrem Journal und auf Wikipedia veröffentlicht. Die Fachzeitschrift RNA Biology verlangt von den Forschern, die eine neue RNA-Gruppe beschrieben, einen zusätzlichen Wikipedia-Eintrag dazu.

Die neue Herangehensweise verankern

Der Fortschritt kommt nur langsam voran, aber mehrere unabhängige Projekte zeigen, wie sich die Einstellungen von wichtigen Akteuren im biomedizinischen Bereich nach und nach verschieben und wie sie beginnen, Wikipedia ernster zu nehmen. Cochrane erstellt medizinische Richtlinien nach Forschungsdaten und nutzt nun Partner der Wikipedia für ihre Review-Gruppen, um ihre Informationen auf Wikipedia zu verbreiten.

Medizinische Lehranstalten beteiligen sich jetzt auch daran, die Wikipedia-Einträge zu verbessern. Medizinstudenten der University of California in San Francisco können Creditpunkte erlangen, indem sie vernachlässigte Wikipedia-Einträge unter Aufsicht verbessern.

Solche und ähnliche Pläne können die Bearbeitung der Wikipedia in der medizinischen Community der Zukunft hoffentlich selbstverständlicher werden lassen. Von diesen Umständen werden vor allem die Patienten profitieren, denn wenn es um gesundheitliche Inhalte geht, kann die Deadline nicht früh genug gesetzt werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Computer“ by Unsplash (CC0 Public Domain)


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Thomas Shafee

Thomas Shafee

ist Biochemiker und Bioinformatiker, der darauf spezialisiert ist, wie sich evolutionäre Erkenntnisse auf Protein-Engineering auswirken können. Außerdem ist er leidenschaftlicher Wikipedianer und schreibt hauptsächlich über seine wissenschaftlichen Expertengebiete. Da Wikipedia immer größer wird, braucht sie Fachautoren, um die Richtigkeit der Inhalte zu gewährleisten.

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