Facebook vs. Google: Der Kampf um unsere Sicht auf die Welt

Daten-Brillen wie Glass und Oculus könnten in Zukunft für Google und Facebook berechnen, welche Werbung wir sehen und wie wir darauf reagieren. Welche Mega-Technologie kommt nach dem Smartphone? Die Hightech-Branche glaubt, eine Antwort darauf gefunden zu haben: Wearables, also am Körper tragbare Computer, ausgerüstet mit allerlei Sensoren zum Datensammeln und stets mit dem Internet verbunden. Während die Welt noch die Auswirkungen des Smartphones verdaut – siehe auch Phubbing -, kämpfen vor allem Google und Facebook bereits um den vermeintlichen Milliardenmarkt der Zukunft, der da heißt: Augmented-Reality-Werbung.

Smartphone-Intensiv-Nutzer wissen es instinktiv: So eine Daten-Brille wie Google Glass macht schon Sinn. Zum Gerät greifen, aufs Knöpfchen drücken, Sperr-Code eintippen, App aufmachen, aktualisieren, lesen, Display wieder abdrehen – dutzende, wenn nicht hunderte Male pro Tag wiederholt man am Smartphone diese Handgriffe. Sich SMS, E-Mails, Tweets oder Facebook-Updates per Sprachbefehl vors rechte Auge beamen zu können, das spart schon Zeit und Mühe. Glass, übrigens hauptsächlich das Werk des deutschen Google-Ingenieurs und Artificial-Intelligence-Spezialisten Sebastian Thrun, ist aber noch kein fixer Erfolg. Dass Menschen mit dem Ding im Gesicht jederzeit Fotos und Videos drehen und online stellen könnten, behagt vielen nicht, Bars verhängten Google-Glass-Verbote, und manche sprechen vom nun endgültigen Ende der Privatsphäre. Google hat deswegen kürzlich versucht, die zehn größten Mhythen über seine Daten-Brille in einem Google+-Post zu widerlegen.

Die nächste Plattform

Keine fünf Tage später betritt niemand Geringerer als Facebook-Gründer Mark Zuckerberg die Wearables-Bühne und verkündet zum Schock vieler Fans, mit Oculus VR die Macher einer ziemlich spektakulären Virtual-Reality-Brille um zwei Milliarden Dollar gekauft zu haben. Ihm geht es dabei aber nicht darum, ein klobiges Kopfgestell an nerdige Gamer zu verscherbeln, die damit per 110-Grad-Blickfeld noch tiefer in 3D-Shooter und andere Computer-Spiele eintauchen können. Nein, Zuckerberg sieht Oculus als die nächste Technologie-Plattform nach dem PC und dem Smartphone. “Das ist eine neue Kommunikations-Plattform”, schwärmt Zuckerberg, damit könne man sich quasi an den Rand eines Spielfelds, in ein Klassenzimmer oder sonstwohin beamen, einfach, indem man sich eine Brille aufsetzt und in die Virtual Reality abtaucht. “Eines Tages wird Augmented Reality zum Alltag von Milliarden Menschen gehören”, ist sich Zuckerberg sicher. Bei einer Brille für Gamer soll es nicht bleiben. Zuckerberg spricht es nicht aus – aber was sonst als eine Daten-Brille ähnlich jener von Google sollte ihm vorschweben?

Google ist derweil einen Schritt weiter mit der Eroberung der neuen Welt der Wearables. Mit “Android Wear” hat man bereits das Fundament geschaffen, eine Plattform, auf deren Software-Basis Partner wie Asus, Samsung, LG, HTC, Intel oder Motorola Hardware herstellen sollen. Analog zu Android-Smartphones wird eine adaptierte Version von Googles mobilem Betriebssystem Smartwatches – und allerlei andere Wearables wie eben Daten-Brillen – antreiben. Als Datensammler sitzt dann Google wieder einmal wie eine Spinne in der Mitte des Netzes, bei der die Daten-Fäden zusammenlaufen.

Die Dinge, die wir sehen

Und natürlich geht es bei Google Glass, Android Wear und Oculus nicht um Hardware, die verkauft wird. Bei immer billigeren Chips und Speichern liegt das große Geschäft nicht im Verkauf von Geräten, sondern im Verarbeiten von Daten, das wissen Facebook und Google (kürzlich wurde Motorola wieder abgestoßen) wohl am besten. Der Brille kommt dabei eine besondere Rolle zu, weil sie sich zwischen dem wichtigsten Wahrnehmungsorgan des Menschen – dem Auge – und seiner Umwelt setzt. Wer in Echtzeit Daten darüber erhält, was Menschen gerade so ansehen, der hat viele Möglichkeiten.

Eine besonders wichtige Möglichkeit heißt Werbung. Google (Jahreswerbeumsatz 2013: 50,6 Mrd. Dollar) und Facebook (Jahresumsatz 2013: 7,9 Mrd. Dollar) sind bei Ads heute auf die Klicks der Nutzer angewiesen: Nach dem immer wichtigeren CPC-Modell (“Cost per Click”) wird heute im Netz das Interesse von Konsumenten an den eingeblendeten Anzeigen und damit der Werbepreis errechnet: Wer klickt (oder, im Falle von Touchscreens: tippt), den hat der Werber überzeugt. Ob die Menschen aber sonst Werbung wahrnehmen oder einen Werbeblocker installiert haben, in der Werbepause aufs Klo gehen, die Printanzeige gleich ins Katzenkisterl legen und auf den nächsten Radiosender weiterschalten, dass ist heute nur in Laborsituationen zu erheben. Mit Hilfe von Datenbrillen aber wissen Google und Facebook vielleicht einmal ganz genau in Echtzeit, wie die Menschen die Welt – und die Werbung darin – sehen und wie sie darauf reagieren.

Welche Rolle wird Apple spielen?

Es wäre also naiv zu glauben, dass es den beiden Werberiesen Google und Facebook beim Thema Wearables nicht um Werbung und ihre Messung geht. Per Augmented Reality haben sie dann auch die Möglichkeit, selbst Informationen Werbebotschaften vor die Augen der Träger zu liefern, die sich über die echte Umgebung legen wie ein digitaler Schleier und damit erheblichen Einfluss darauf haben, wie wir unsere Welt sehen. Fragt sich noch, ob Apple in das Spiel mit einsteigen wird – oder weiter auf den Verkauf von Hardware setzt und iWatch, iGlass und weitere iGadgets zum Premium-Preis verkauft.


Image (adapted) „DIY Augmented Reality, MoMA NY“ by sndrv (CC BY 2.0)


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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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