Facebook vor dem Aus?

Die Userzahlen wachsen, die Kosten explodieren: eine Million Dollar gibt Facebook im Monat allein für Strom. Hunderte Millionen fließen in den Ausbau der Serverinfrastruktur.

Obwohl erst vor kurzem erfolgreich 500 Millionen „geraised“ werden konnte, muss sich das erfolgreichste Social Network schon wieder auf die Suche nach frischem Kapital machen, und das könnte in Krisenzeiten weit schwieriger werden als gewöhnlich. Ein Leben ohne Attack, Superpoke und Status Updates muss derzeit zwar noch niemand befürchten – in einem halben Jahr könnte die Situation allerdings schon ganz anders aussehen, denn Facebook leidet unter einem Paradoxon des Web 2.0: die explodierenden Userzahlen verursachen Kosten, die durch die Werbeeinahmen nicht mal ansatzweise gedeckt werden können.

„Aufmerksamkeit = Geld“ lautet das derzeitige Credo der Social Web Monetarisierung, doch betrachtet man das Finanzierungsmodell von Facebook aus der Nähe, dann scheint alle Theorie noch grauer als sonst. Denn obwohl Mark Zuckerbergs Vanitas-Spielwiese vor noch nicht einmal einem Jahr auf einen Firmenwert von saftigen 5 Milliarden Dollar geschätzt wurde, fehlen bislang die Realgewinne, die eine solche Bewertung rechtfertigen könnten.

Das ist besonders paradox, weil Facebook seit Mitte diesen Jahres erstmals den Hauptkonkurrenten MySpace in punkto unique Visits überflügeln konnte, und der Aufwärtstrend hält seitdem ungebrochen an, woran Europa einen hohen Anteil hat. Aber User aus der alten Welt sind teure Kunden, denn hierzulande kosten sowohl Bandbreite als auch Manpower eine ganze Latte mehr als in den USA. Die Betreiber kommen kaum mit der Skalierung der Infrastruktur nach, geben 1 Million Dollar im Monat für Strom aus und haben die 500 Millionen der letzten Finanzierungsrunde schon so gut wie verbraucht.

In Zeiten weltweiter Finanzkrisen liegt das Investorengeld aber bekanntlich nicht gerade auf der Straße rum, und CFO Gideon Yu war vorige Woche sicherlich nicht (nur) in Dubai, um auf Kamelen zu reiten. Der teure Erfolg vermittelt einen realistischen Blick auf den Status Quo des Web 2.0: eine aktuelle Studie, die Ernest & Young für Burda Media durchführen, bestätigt, was alle Involvierten längst wissen: klickbasierte Werbung ist nicht der Weisheit letzter Monetarisierungsschluss.

Es steht zu vermuten, dass Facebook neues Investorengeld auftreiben kann, aber zugleich wird der Druck nach höheren Gewinnspannen akut, soll sich dieselbe Geschichte nicht in kürzester Zeit wiederholen. Eines zeigt die Geldnot des Branchenprimus jedoch überdeutlich: die goldene Ära der Start-Up Finanzierung, auch 2. Blase genannt, neigt sich rasant ihrem Ende zu: wer zukünftig sein Internet-Publikum finden und längerfristig entertainen will, wird nicht umhin kommen, sich ernsthaft Gedanken übers Geldverdienen zu machen.

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Ritchie Pettauer

Ritchie Pettauer

arbeitet als selbständiger Berater (p*n*c - pettauer.net consulting) für Online-Marketing & Konzeption in Wien und treibt sich schon im Internet rum, seit Playboy die erste Homepage gelauncht hat. Der passionierte Blogger arbeitet gelegentlich auch als "traditioneller" Journalist und Lektor.

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