Facebook und Instagram machen uns irgendwie glücklich

Konsum macht nicht glücklich, Erlebnisse dagegen schon – ausgerechnet Facebook, Instagram und Co. beschleunigen diesen Sinneswandel immer mehr. Wir alle sammeln über die Jahre Dinge an, obwohl diese uns nicht glücklich machen. Zumindest nicht dauerhaft – die anfängliche Freude hält nicht lange an und dann liegen die meisten Dinge vernachlässigt in der Ecke. Experientialismus, also die Fokusverschiebung von Konsumgütern hin zu Erlebnisse ist ein Gegenentwurf zur schnöden Konsumgesellschaft, findet immer mehr in sozialen Netzwerken eine Plattform. Doch auch wenn die ständigen Status-Updates und Fotos auf allen Kanälen durchaus sozialen Stress mit sich bringen, helfen Facebook, Instagram und Co. uns letztendlich dabei, glücklicher zu werden.


Warum ist das wichtig? Facebook, Twitter und Instagram sind nicht nur Prokrastinationsfallen, sondern auch für sozialen Neid verantwortlich – dabei machen sie uns eigentlich doch sogar glücklich.

  • Experientialismus beschreibt die Fokusverschiebung weg von materiellen Gütern und Statussymbolen hin zu Erlebnissen.

  • Social Networks erzeugen allerdings großen sozialen Stress durch das konstante Bombardement mit Fotos und Statusupdates von Freunden, die gerade auf tollen Events oder im Urlaub sind.

  • Trotzdem machen Erlebnisse und auch Facebook und Instagram letztendlich glücklicher als materielle Dinge.


Kein Konsum ist guter Konsum

Noch vor dem Aufkeimen der Städte lebten die Menschen in kleinen Dorfgemeinschaften, in denen jeder jeden kannte und daher auch jeder von jedem wusste, was der andere mit seiner Zeit anfängt, was er besitzt und wie viel dies Wert ist. Daraus ließ sich schnell der soziale Status in der Dorfhierarchie ablesen. Mit den Städten hat sich das geändert – in Städten ist man anonym und kennt meistens nicht mal seine Nachbarn, denen es daher auch herzlich egal ist, was man mit seiner Zeit anfängt. Dementsprechend wurden materielle Güter immer effektiver für die Zurschaustellung des eigenen Status. Doch jetzt stellen die sozialen Netzwerke dies gehörig auf den Kopf – nur sehr wenige Menschen aus dem direkten Umfeld sehen die neue Couch oder das neue Auto. Während man früher dagegen erst ein paar enge Freunde zum Essen eingeladen hat, um sie dann zum Nachtisch mit den Urlaubsfotos zu langweilen, kann man den Urlaub nun nahezu in Echtzeit mit allen Freunden und Bekannten teilen. Dank der sozialen Netzwerke wissen also alle, was man gerade erlebt – und die Leute dort gehören zudem noch zur eigenen Bezugsgruppe, deren Meinung interessiert einen ohnehin mehr, als die der anonymen Großstadtmitbewohner.

Materielle Güter kann letztendlich jeder kaufen und vor sich her tragen, aber nicht jeder kann bei dem gleichen Event sein, von dem aus du gerade über Twitter und Instagram Fotos postest. Ein Erlebnis scheint also mehr Wert zu sein, als Besitztümer und entwickelt sich immer mehr zur wertvolleren sozialen Währung. Zumindest unter den sogenannten Experientialists, die Autor James Wallman in seinem Buch Stuffocation als Menschen beschreibt, für die Erlebnisse in den Fokus rücken und das Wettrüsten der materiellen Statussymbole mit den Nachbarn oder Bekannten verdrängen. Das macht sie allerdings nicht weniger Status-gierig als den durchschnittlichen Materialisten. Sie konsumieren aber weniger Güter, dafür aber Erlebnisse, über die sie dann bei Facebook oder Instagram berichten und sich Anerkennung erhoffen. Auf diesem Weg wollen und können wir im Wettrüsten mit unseren Nachbarn und Bekannten um den sozialen Status dann plötzlich doch wieder mithalten.

Social Media, das zweischneidige Schwert

Unproblematisch ist diese neue Form des sozialen Wettrüstens aber nicht. Eine häufige Frage, die wir uns stellen ist, gehe ich auf genug Konzerte/Konferenzen/Events, so wie unsere Bekannten und Freunde? Und plötzlich haben wir Angst, etwas zu verpassen, da wir dann nicht dazugehören. Diese Angst, auch Fear Of Missing Out (FOMO) genannt, ist sehr problematisch für Experientialists – denn wenn der neue Lebensstil genau so viel Neid, Angst und Stress erzeugt, wie der gute alte Materialismus, stellt er doch keine Verbesserung dar. Und der in den sozialen Netzwerken erzeugte soziale Stress wird zudem noch zu dem bereits bestehenden Stress in der realen Welt addiert. Je öfter wir also Facebook und Twitter checken, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass uns die Statusupdates unserer Freunde und Bekannten stressen, ängstlich oder sogar depressiv machen. In der realen Welt begegnen wir zudem Menschen mit schickeren Autos und teureren Armbanduhren, aber auch Menschen mit billigeren, abgenutzteren und älteren Dingen, als wir sie besitzen – dadurch fühlten wir uns früher beruhigt, da wir zwar nicht zu den Oberen gehörten, aber eben auch nicht zu denen ganz unten. Doch in den sozialen Netzwerken sieht dies anders aus. Dort postet niemand Fotos von sich, beim alleinigen Abendessen der Tiefkühlpizza vom Discounter auf der leeren Couch, vor laufendem Fernseher und in ausgewaschener Jogginghose. Man will den eigenen Status ja nicht beschädigen.

Dass das Leben der Facebook-Freunde aber gar nicht so perfekt und glamourös ist, wie es oft erscheint, wissen zwar die meisten, allerdings fällt es sehr schwer, sich dessen ständig bewusst zu sein, denn von den vielen Facebook-Freunden ist immer irgendjemand gerade auf Reisen, in einem Sterne-Restaurant oder einem tollen Konzert. Wir haben durch dieses konstante Bombardement also ständig das Gefühl, am unteren Ende der sozialen Leiter herumzudümplen, was wiederum großen Stress auf uns ausübt, da wir ja schließlich mithalten wollen. Das bringt Facebook und Co. wiederum in eine schwierige Position, einerseits unterstützen und befeuern sie den Experientialismus gewaltig, andererseits untergraben sie gleichzeitig seine Vorzüge. Wenn man also auf Erlebnisse statt materielle Güter setzt, kann man ironischerweise also ebenso gestresst, neidisch und depressiv werden – doch auch wenn man sich diesem Stress aussetzt, sind Erlebnisse letztendlich doch besser als Besitztümer. Erlebnisse machen letztendlich glücklicher, da sie nicht langweilig werden und wir sie zudem in unserer Erinnerung verklären. Es ist zudem wahrscheinlich, dass wir sie als Teil dessen definieren, was uns ausmacht. Sie lassen sich zudem deutlich schwerer vergleichen, als es mit materiellen Gütern möglich ist, dafür kann man mit ihnen aber mindestens genauso gut in den sozialen Netzwerken imponieren. Auf lange Sicht machen sie also glücklicher und sind daher die bessere Wahl.


Teaser & Image by Ildar Sagdejev (GFDL)


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Daniel Kuhn

Daniel Kuhn

ist Wahl-Berliner mit Leib und Seele und arbeitet von dort aus seit 2010 als Tech-Redakteur. Anfangs noch vollkommen Googles Android OS verfallen, geht der Quereinsteiger und notorische Autodidakt immer stärker den Fragen nach, was wir mit den schicken Mobile-Geräten warum anstellen und wie sicher unsere Daten eigentlich sind.

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