Über die Existenz der Generation Y

Keine Gruppe der Gesellschaft ist in den Medien zurzeit so präsent wie sie. Die einen schwärzen sie an, die anderen verteidigen sie und die dritten bezweifeln, dass sie überhaupt existiert: die Generation Y. Das Y im Namen bezeichnet sie als Nachfolger der Generation X und wird zudem von vielen als „Why“ gelesen. Die Generation, die ständig hinterfragt und ganz spezielle Vorstellungen vom Leben und der Arbeitswelt hat, wird auch als Facebook-Generation, iGeneration oder Millenials betitelt. Ob diese Beschreibungen für ihre Vertreter wirklich passend sind, sei zunächst dahingestellt. Fest steht: Die junge Generation sorgt momentan für so viel Diskussion wie keine andere.

Das Profil einer Generation

Um sich näher mit der Generation auseinanderzusetzen, sollte einem zunächst bewusst sein, mit wem man sich im Einzelnen befasst. Grob werden der Generation Y alle zugeordnet, die zwischen den 80er Jahren und Mitte der 90er Jahre geboren wurden. Allerdings zählen zu den Ypsilonern längst nicht alle 20- bis 30-Jährigen. Das Phänomen beschreibt einen Teil dieser Generation, den man als eine Art Elite bezeichnen könnte, da seine Mitglieder mit dem Privileg finanzieller Absicherung und einer guten Bildung aufgewachsen sind. Er macht gerade einmal 25 Prozent dieser Altersgruppe aus. Zudem zeichnet die Generation vor allem auch eine spezielle Lebenseinstellung aus.

Hannah Bahl, Generation-Y-Expertin und selbst Ypsilonerin, nennt vier wesentliche Begriffe für die Generation, die gleichzeitig die wichtigsten Thesen über sie formulieren: Balance, Netzwerk, Serendipity und Resilienz.

  • Mit ihrem Wunsch, im Privatleben, aber dazu vor allem auch im Beruf glücklich zu sein, geht die Generation große Risiken ein. Wenn auch finanziell abgesichert, ist sie in einer Welt voller Arbeits-, Terror- und Umweltkrisen aufgewachsen. Sie steht so der Herausforderung gegenüber, in einem Leben voller Risiken und Unbeständigkeit, ihre Balance zu finden.
  • Die ständige Erreichbarkeit und starke Vernetzung der heutigen Gesellschaft zeichnet auch die Generation Y aus. Sie wird deshalb gerne auch als Digital Natives oder Internet-Generation bezeichnet, wobei ihnen in dieser Hinsicht die nachfolgenden Generationen schon ein ganzes Stück voraus sind.
  • Mit Serendipity bezeichnet Hannah Bahl eine Art Lebensgefühl der Generation. Es beschreibt die Offenheit und Neugier, die für die Suche nach etwas Unerwartetem nötig sind. In der Welt der unendlichen Möglichkeiten auf beruflicher Ebene und im Privatleben sei die Generation von der Hoffnung gekennzeichnet, trotzdem irgendwann ein Ziel zu erreichen.
  • Mit all dem geht auch der vierte Begriff einher, den Bahl mit ihrer Generation assoziiert: Resilienz. Sie beschreibt die Fähigkeit, flexibel mit Veränderungen und Instabilität umzugehen und bietet die Voraussetzung dafür, seine Balance zwischen Freiheit und Sicherheit zu finden.

Ansprüche an das Leben

Durch ihren Hang zur Selbstreflexion und dem Hervorheben der eigenen Wünsche, wird die Generation Y gern als egoistisch bezeichnet. Es dürfte eigentlich überflüssig sein, anzumerken, dass eine solche Pauschalisierung in keiner Generation greifen kann. Dennoch lässt sich der Vorwurf erklären, so Bahl:

Wenn wir fallen, klopfen wir uns kurz ab, rappeln uns wieder auf und machen weiter. Das spannende daran ist, denke ich, dass, wenn nichts mehr sicher ist, das Selbst im Umkehrschluss das Einzige ist, auf das man sich noch verlassen kann, was natürlich erklären würde warum diese Generation manchmal durchaus auch etwas egozentrische Tendenzen hat. Das Rückbesinnen auf sich selbst und das In-Balance-bleiben, das der Generation Y häufig als Egoismus vorgeworfen wird, ist somit wahrscheinlich einfach eine Methode, um die weitere eigene Handlungsfähigkeit im Netzwerk zu garantieren.

Es stellt sich die Frage, ob eine solche Rückbesinnung auf das eigene Ich nicht auch Vorteile mit sich bringt. Die hohen Ansprüche der Millenials und der beispielhafte Wunsch nach weniger Hierarchie im Job erwecken nicht den Anschein egoistischer Forderungen. Eine Veränderung der Strukturen könnte sich positiv auf die gesamte Arbeitswelt auswirken. „Gerade wenn es um die Frage, wie wir arbeiten und leben wollen geht, sind die Themen ja immer über-generational und ich glaube, dass auch ein 55-jähriger Mitarbeiter Lust hat, ein Sabbatical zu nehmen, das aber vielleicht nicht so vehement einfordern würde wie Generation Y es tut.“ , so die Generation-Y-Expertin.

Das Generationenkonstrukt

Bei all der Diskussion um die Generation Y, stellen sich einige die Frage, ob sie überhaupt existiert und ob sie den ganzen Medienwirbel wirklich wert ist. Der Grund dafür ist vor allem die Tatsache, dass die Generation Y neben ihrer realen Erscheinung auch ein Konstrukt ist, ein Modell für die Gesellschaft. Und auch für Unternehmen, die versuchen, Zielgruppen besser zu verstehen und sich diesen anzupassen. Wiederum bedeutet das nicht, dass die Generation in der Gesellschaft nicht existiert. Bei all der Analyse und den Zuordnungen sollte bloß vor allem nicht außer Acht gelassen werden, dass die Generation der Ypsiloner – wohl noch mehr als ihre Vorgänger – auch eine sehr vielseitige Generation ist. Das ist es auch, was beispielsweise der Komiker Adam Conver in seiner Präsentation „Millenials don’t exist“ auf etwas überspitztere Weise vermittelt. Die zunehmende Heterogenität der Gesellschaft und so auch der Generation Y wird in der ganzen Debatte oft hinter stereotypischen Charakterisierungen versteckt.

Die Herausforderungen der Zukunft

Worauf muss sich die Generation Y in Zukunft einstellen und wie wird sie diese selbst mitgestalten? Oder wird ihr in den Medien gar zu viel Aufmerksamkeit geschenkt? Die Generation der Millenials hat bereits einen Teil zur gesellschaftlichen Veränderung beigetragen. Ihre Herausforderung besteht jetzt darin, ihre Ziele weiterhin zu verfolgen und sich nicht von der Welle der Kritik aufhalten zu lassen. Daneben sieht Bahl auch eine Aufgabe darin, trotz der zunehmenden Vernetzung einen gewissen Abstand zur Beschleunigung zu finden:

Kämpferisch und fordernd zu bleiben und nicht den Fokus auf die Dinge, die man verändern möchte zu verlieren (in der gesamten Masse der Möglichkeiten, die sich so auf tun) ist, glaube ich, eine der großen Herausforderungen. Außerdem die große Frage, wie man sich Ruhepunkte schafft in einer Gesellschaft, die im Netzwerk einfach durch eine unfassbare Schnelligkeit geprägt ist.

Was ihre mediale Präsenz angeht, ist die Generation Y nicht die einzige, der eine derartige Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Durch die Beschleunigung der Gesellschaft und der Verbreitung von Nachrichten in den Medien ist eine so lebhafte Diskussion allerdings erst in dieser Generation möglich geworden. Der Meinung ist auch die Expertin: „Ich denke, dass man die Aufmerksamkeit wieder in eine intergenerationale Diskussion in der Gesellschaft zurückbringen müsste, um die Frage zu beantworten, wie wir alle gemeinsam zusammen leben wollen.“ Vielleicht ist genau das der richtige Ansatz, die Diskussion um die Generation Y zu betrachten. Denn schließlich besteht die Gesellschaft nicht ausschließlich aus Ypsilonern. Zudem wartet die nächste Generation bestimmt schon auf ihren eigenen großen Auftritt: Die wirklich wahren Digital Natives der Generation Z.

Der Artikel beinhaltet Ausschnitte eines Interviews mit Hannah Bahl. Die kompletten Antworten der Generation-Y-Expertin gibt es hier.


Image „Wandern“ by Unsplash (CC0 Public Domain)


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Jannika Liesenberg

Jannika Liesenberg

kommt aus Hamburg und studiert derzeit in Bremen Germanistik und Frankoromanistik. Seit Februar 2016 arbeitet sie als Praktikantin bei den Netzpiloten.

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