Evernote Context

Was Evernotes Nachrichtenempfehlungen über Privatsphäre aussagen

Evernote Context bezieht den Suchverlauf nahtlos in den Arbeitsablauf der Nutzer mit ein, was nicht allen Nutzern gefällt. // von Caroline O’Donovan

Evernote Context

Kennt jemand noch Clippy? Die freundliche, aber hartnäckige Büroklammer namens Clippy („Anscheinend wollen Sie einen Brief schreiben. Brauchen Sie Hilfe?„, eigentlich: Clippit, dt. auch als Karl Klammer bekannt), war eine echte Neuerung bei Microsoft: die Idee, dass ein Stück Software vorraussagen kann, an welcher Art Text man gerade arbeitet und darauf basierend vorraussagt, was man gerade eintippt, war eine geradezu bestürzende Neuerung für den Nutzer.

Aber Clippy war auch lästigziemlich lästig sogar. Die Büroklammer tauchte ständig ungefragt auf und war zugleich nicht besonders hilfreich und außerdem schwer wieder loszuwerden. Im Laufe der Zeit wurde Clippy zu einem Meme und zugleich zum Synonym für das Unterbrochenwerden durch die digitale Welt.

Die Gegenreaktion gegen die muntere, aber auch verwirrende kleine Animation war umfassend und vernichtend. Clippy wurde im Jahr 2001 schließlich getötet. Microsoft veröffentlichte im Folgejahr sogar einen Werbefeldzug gegen Clippy, um Office XP zu bewerben. Im Jahr 2010 wurde Clippy vom Time-Magazine zu einer Liste der „50 schlimmsten Erfindungen“ hinzugefügt. Die Reaktion auf den animierten Algorhythmus war so heftig, dass sie ihre eigenen Gegenreaktion hervorrief. Im Jahr 2012 programmierten die Entwickler von Smore einen Clippy auf Javascript-Basis. Jetzt kann die hüpfende kleine Büroklammer auf ewig weiterleben.

Die Erfindung von Clippy leuchtet in der Theorie durchaus ein, aber in der Praxis fühlten sich die Nutzer von der Office-Anwendung bedrängt. Heute ist der typische Konsument eher daran gewöhnt, von der Technologie an sich beobachtet zu werden. Wir wissen, dass Google unsere Mails liest, um unseren Flugstatus zu errechnen und wir wissen, dass Facebook unsere Suchanfragen verfolgt, um Werbeanzeigen verkaufen zu können. Aber nur weil die Nutzer sich daran gewöhnt haben, bedeutet dies noch nicht, dass sie die Werbung schätzen. Die Frage, die hier an Technologiefirmen gestellt wird, war durchaus verzwickt – wie viel Einblick in ihr persönliches und berufliches Leben würden die Nutzer der Software zulassen?

Dies ist eine der Fragen, mit der Evernote, die App für Notizen und Arbeitsvorgänge, in letzter Zeit gerungen hat. Im Frühherbst veröffentlichte Evernote das Programm Context, ein neues Produkt, das die Suchvorgänge nahtlos in den Arbeitsablauf einbinden soll. Während man eine Notiz einträgt, sucht Evernote nicht nur innerhalb der eigenen Quellordner und denen der Kollegen, sondern bietet auch Material aus Drittquellen wie Nachrichtenorganisationen an.

Man muss sich die Notizfunktion von Evernote wie eine große Eingabemaske vorstellen„, sagt Andrew Sinkov, Vizepräsident der Marketingabteilung von Evernote. „Wenn man einen Satz schreibt, und dieser enthält das Wort ‚Evernote‘, so sorgen wir dafür, dass auch gleich ein Artikel über Evernote auftaucht. Schreibt man aber zwei Absätze, und es geht um spezifische Funktionen wie den Evernote Web Clipper, verfügen wir über sehr viel mehr Informationen, mit denen fortgefahren werden kann; alles wird zugeschnitten auf die spezielle Suchanfrage, die gerade erfolgt ist. Wenn TechCrunch in den vergangenen Monaten einen Artikel über unseren Safari Web Clipper verfasst hat, wird dieser Artikel angezeigt.

Screenshot von Caroline O'Donovans Notebook

Um Context konstruieren zu können, brauchte Evernote eine Möglichkeit, den aktuellen, nutzereigenen Projekten einen passenden Inhalt zuordnen zu können. Um dies zu ermöglichen, wurde ein Team aus ‚augmented intelligent researchers‘, also eine Gruppe zur ‚erweiterten Intelligenzforschung‘ angestellt. Diese schuf einen Algorithmus, der mit Hilfe von Schlagworten, die die Nutzer aufrufen, außenstehende Quellen zuzuordnen versucht.

Um diese Quellen aufrufen zu können, musste Evernote Medienpartner finden, die ihnen bereitwillig Zugang zu einigen oder allen Archiven der Nachrichtenagenturen ermöglichte. Der erste Partner war das Wall Street Journal. Hier sind die jeweils letzten 90 Tage im Archiv aufrufbar – und mit Hilfe von Context auch durchsuchbar. Diesen Monat wird Factivia, die Datenbank des Dow Jones, hinzugefügt. In Zukunft soll das Programm auch Videos und Bilder in Artikel einfügen können.

Diese Zusammenarbeit ist für Evernote sehr sinnvoll, denn der größte Teil der Nutzer sind ‚Wissenschaftsarbeiter‘- Geschäftsinhaber, Existenzgründer – und interessieren sich für Wirtschaftsjournalismus, während das Wall Street Journal Zugang zu der Führungsschicht der Nutzer erlangt. So erhalten ausschließlich Mitglieder von Evernote Premium und Business einen Zugang zu Context. Damit vervielfacht sich die Wahrscheinlichkeit, den Wiedererkennungswert der Marke auch auf andere Gebieten jenseits der Basis der üblichen Zeitungsabonnenten auszuweiten.

Wir konzentrieren uns überwiegend darauf, unseren aktuellen Abonnenten ein noch besseres Erlebnis zuteil werden zu lassen„, sagt Edward Roussel, Leiter der Produktentwicklung bei Dow Jones. „Außerdem wollen wir neue Abonnenten anwerben.

Das Wall Street Jounal veröffentlichte im September ein Feature mit dem Namen WSJ+. Hier wurden für Premiummitglieder diverse Vergünstigungen angeboten, beispielsweise ein Abonnement bei Evernote Business. Dies war einer der Gründe, wieso das Blatt der Partnerschaft zugestimmt hatte. Ein anderer Grund war der Zuwachs, hier besonders im internationalen Bereich.

Mittlerweile haben sich über 100 Millionen Nutzer die App heruntergeladen oder sich registriert, aber nur ein Viertel der Nutzer von Evernote sind auch in Nordamerika ansässig. Der Rest lebt vorwiegend in Asien, hier vor allem in China, und in Südamerika. Für das Wall Street Journal bedeutet diese Entwicklung eine internationale Ausweitung der Marke, die durch Evernote gestützt wird. Roussel sprach darüber bereits in einem Interview mit Digiday. Er habe ausdrücklich darauf hingearbeitet, eine Zusammenarbeit mit Firmen wie Evernote zu erreichen.

Evernote selbst ist hierbei ebenso auch an seinen ausländischen Kunden interessiert. Derzeit arbeitete das Unternehmen mit Firmen wie TechCrunch, Fast Company, Inc., Pando Daily und LinkedIn zusammen. Als letztes wurde Nikkei, ein englischsprachiges Wirtschaftsmagazin aus Japan, in die Liste der Medienpartner von Context eingetragen. (Der Nikkei ist Teil des übergeordneten Medienunternehmens gleichen Namens, das Evernote mit einer Anlage in Höhe von 20 Millionen US-Dollar ausgestattet hatte). Mit zunehmender Präsenz von Evernote in Japan könnte die Plattform auch für das Wall Street Journal ein Vordringen in neue Märkte bedeuten, um sich hier ebenfalls breiter aufstellen zu können. Beispielsweise bietet Evernote fürs Erste die Inhalte nur auf Englisch an, jedoch könnten später die Nutzer auch mit einer japanischen Version der Inhalte des Wall Street Journal versorgt werden.

Evernote ist erfolgreich in Japan, wir sind efolgreich in Japan – wir haben eine große Leseranzahl und eine stabile Abonnentenbasis. Dies ist die Art von Experiment, die uns interessiert, außerdem können wir hierbei unsere Bevölkerungsstatistik konket bestimmen„, sagt Roussel.

Für Herausgeber ist Context eine einmalige Möglichkeit, ihre Inhalt vor einem professionellem Publikum zu präsentieren, auch wenn das Unternehmen noch ein Nischendasein fristet. Evernote hofft, diesen Nutzern mit fachmännisch geschultem Hintergrund, eine leistungsfähige, vorausschauende Arbeitsmöglichkeit anzubieten, die ihresgleichen sucht und mit nichts Vergangenem vergleichbar ist.

Das Problem dabei ist, dass nicht alle Nutzer von Evernote Permium und Evernote Business die Dienste von Context als besondere Zusatzoption sehen.

Die Beschwerden und die Abneigung gegenüber Context waren bei der Veröffentlichung so umfassend, dass sich sogar einige Nutzer darüber austauschten, wie man die Funktion wieder abschalten könnte.

Die negative Reaktion auf Context hat zwei Ursachen. Die Erste ist, dass die optische Aufteilung in quadratische Kacheln an der Seitenleiste dem Aussehen von Werbeanzeigen ähneln. Dadurch bekommen besonders die Nutzer der Pemium-Version das Gefühl, es würde in ihren privaten Arbeitsbereich eingegriffen.

Slinkov sagte, die Vermutung der Context-Nutzer, dass die empfohlenen Links wie Werbung wirken, hätte die Programmierer überrascht: “Context befindet sich ganz am Ende des Dokuments. Es befindet sich´ nicht an der Seite, auch nicht am oberen Ende, es gibt keine Pop-Ups, es blinkt nicht. Warum diese Reaktion? Woher kommt dieser tief sitzende Hass gegen ein Rechteck, das kurz zwischen den Notizen erscheint, noch dazu in einem erheblichen Abstand vom Mauszeiger?

Trotz all der Mühe, die in die Entwicklung eines Produktes geflossen sind, bei dem niemand sich belästigt oder gestört fühlen sollte, ändert dies nichts daran, dass viele Nutzer ein Logo am Bildschirmrand sehen und dies für Werbung halten. Sowohl das Wall Street Journal als auch Evernote selbst betonten, dass kein Geld zwischen den beiden Partnerfirmen geflossen sei. Dennoch scheitn diese Tatsache nicht auszureichen, um gegen die festgefahrenen Annahmen, wie Webseiten ihre Leser behandeln, anzukommen. “Unglücklicherweise sehen Werbeanzeigen heutzutage so vielfältig aus, dass es schwer ist, einen leeren Kasten zu designen, der nicht nach Werbeplatzhalter aussieht”, sagt Sinkov. “Dieser Herausforderung müssen wir uns stellen.

Aber Evernote Context wird noch mehr Herausforderungen überstehen müssen als nur ein zugemülltes Interface. Obwohl die Publizisten von dritter Seite laut Sinkov keinen Zugang zu den internen Daten von Evernote haben, ist dies nicht zwangsläufig auch für die Nutzer ersichtlich. Der Gedanke, dass Evernote den Zugang zum kompletten Inhalt der Notizen besitzt, also ebenso persönliche und berufsbedingte Notizen, und die Tatsache, dass diese Daten dennoch verwendet werden, um den Algorithmus zu verbessern, ohne dass der Nutzer gefragt wird oder diese Funktion einstellen kann, erscheint für viele durchaus besorgniserregend.

Die Angst, dass die Notizen, welche auch beispielsweise geschütze Informationen über das eigene Geschäfte beinhalten könnten, irgendwie an die publizierende Öffentlichkeiten, beispielsweise im Journalismus, gelangen könnten, ist geradezu greifbar und viele zeigen sich davon verstört.

@viticci Um ehrlich zu sein, ich möchte raus aus dem Algorithmus.
— Nate Boateng (@nateboateng) October 31, 2014

Laut Sinkov ist sich Evernote dieser Befüchtungen bewusst und gerade dabei, diese mit den Nutzern zu besprechen. “Wir haben drei Grundsätze im Datenschutz, die wir sehr ernst nehmen: die Privatsphäre, das Eigentumsrecht und die Übertragbarkeit von Daten”, sagt Sinkov. Sicherlich wäre es für Evernote zwar in der Theorie äußerst zweckdienlich, die verfügbaren Inhalte für die Programmierung von Evernote zu nutzen, um mehr über die Demografie der Nutzerbasis lernen zu können, beispielsweise über den Arbeitsplatz, die Altersangaben, die Wohnsituation, dennoch werden diese Informationen nicht benutzt.

Von jetzt an, verkündet Sinkov, muss Evernote besser darin werden, über die Schritte aufzuklären, die unternommen werden, um die Nutzer zu schützen. Er nimmt an, dass wenn die Arbeitsprozesse innerhalb von Context ersichtlicher gemacht werden könnten – beispielsweise, dass die Daten nur in eine Richtung gesendet werden oder dass hier Geld keine Rolle spielt – würde man den Vorteilen des Produkts offener gegenüber stehen. Solange diese Informationen nicht unzweideutig ausgesprochen werden, befürchten die Nutzer oft genug das Schlimmste bezüglich Medienunternehmen. Schaut man sich die jüngsten Schlagzeilen (CNN, The Guardian) an, ist diese Angst durchaus verständlich.

Wir wurden zum Teil von Befürchtungen geradezu überrollt, dass ‚das Unternehmen die Daten verkauft und man es nie erfahren werde. Und alles wird noch viel, viel schlimmer‘. Darauf fußen viele dieser unerfreulichen Reaktionen”, sagt Sinkov.

Natürlich gibt es trotzdem Nutzer von Evernote, die auch Context gern anwenden. Diese Tatsache sollte einleuchten. Die Idee, Verknüpfungen und Hintergrundinfomrationen zu präsentieren, die in dem Moment des Schreibens verfügbar gemacht werden, klingt bequem und praktisch. Man muss sich nicht mehr die Mühe machen, einen neuen Reiter zu öffnen, um den Namen eines Firmenchefs, den korrekten Titel einer Quelle oder ein Veröffentlichungsdatum zu suchen. Eine reibungslose Weitergabe der Informationen, die man zum Arbeiten braucht, ohne dass extra danach gesucht werden muss, fühlt sich für mich nach Zukunft an. Dennoch braucht man für diese Vision einen nicht unerheblichen Teil an privaten Informationen, um die entsprechenden Hilfsprogramme versorgen zu können. Oft genug ist es nicht ersichtlich, welchen Firmen man in Hinblick auf diese Informationen trauen kann. Unsere digitale Welt wird immer mehr eingegrenzt durch die Maschinen, die uns bei unserer Arbeit beobachten und in unserer Freizeit begleiten. Wir werden in Zukunft noch öfter als bisher vor Entscheidungen gestellt, wen oder was diese Lücken ausfüllen soll.

Die Algorithmen, die wir gerade betreiben, sind genau für eine Sache zuständig. Wenn hier eine Erschöpfung einträte, die sich gegen diesen Algorithmus wendet, wäre das ungünstig”, meint Sinkov. “Es gibt gute Algorithmen, und es gibt weniger gute Algorithmen. Wenn wir in einer Welt leben wollen, in der es eine buchstäbliche Verbindung zwischen Kopf, Fingern, Tastatur und einem Bildschirm gibt, sind wir dort längst angekommen. In dieser Welt leben wir bereits. Was kommt als nächstes?

Der Artikel erschien zuerst auf niemanlab.org. Übersetzung von Anne Jerratsch.


Teaser & Image by Evernote


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Caroline O’Donovan

Caroline O’Donovan

ist Senior Tech Reporter bei Buzzfeed. Vorher schrieb sie für das Nieman Journalism Lab über Technologien und die Zukunft der Medienbranche. Außerdem ist sie in der Sendung "All Things Considered" des öffentlichen Radiosenders National Public Radio (NPR) und auf CBS Radio zu hören. Davor war sie Fellow bei Chicago Public Media und machte Lokalnachrichten für Chicao und Umgebung.

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