snapchat

Ephemeral Apps: Löschen sie wirklich, was sie versprechen?

Facebook, Snapchat oder Path wollen Nutzerdaten wieder vergessen – doch das digitale Radiergummi funktioniert noch nicht einwandfrei. // von Jakob Steinschaden

snapchat

Eine geheime Botschaft, die nach dem Lesen zu Asche verbrennt, und kein Beweis übrig bleibt – dieses aus Spionage-Thrillern bekannte Killer-Feature – ist nur sehr schwer auf die digitale Welt übertragbar. Zwar werben Messaging-Apps mit Funktionen zum Vergessen von Nutzerdaten, doch so wie ein sich selbst zerstörender Brief funktioniert das nicht – und zwar gleich auf mehreren Ebenen.


Warum ist das wichtig? Messaging-Apps wollen mit Datenlösch-Funktionen das durch NSA und Big Data erschütterte Vertrauen der User zurückgewinnen, doch garantieren können sie das “digitale Vergessen” nicht.

  • Von Facebook über Path bis WeChat – Kommunikations-Dienste wollen Nutzern selbstzerstörende Nachrichten anbieten.
  • Praxis und Nutzungsbedingungen zeigen, dass das nachhaltige Löschen von Daten gar nicht so einfach ist.
  • “Vergessliche” Apps mögen auf der zwischenmenschlichen Ebene funktionieren – doch NSA und Co. sind nicht primär am Inhalt, sondern an Metadaten interessiert, die sehr wohl längerfristig gesammelt werden.

Wenn es ein neues Hype-Wort im Social-Media-Bereich gibt, dann ist das “ephemeral”. Zu einer Zeit, in der sich Internetnutzer vom Überwachungsstaat und Big-Data-Unternehmen in die Enge getrieben fühlen, sollen Daten mit Ablaufdatum und Selbstzerstörungsfunktion wieder Vertrauen schaffen. “Ephemerality” leitet sich von griechischen Wort “ephemeros” ab, das “etwas, das nur einen Tag anhält”, beschreibt und in Bezug auf vergängliche Dinge in der Geologie (z.B. Korallenriffe, Flussverläufe) oder Biologie (z.B. Eintagsfliege) verwendet wird.

Im digitalen Business groß gemacht hat die Idee die Messaging-App Snapchat, bei der der User festlegen kann, dass ein verschicktes Bild oder Video zehn Sekunden, nachdem es der Empfänger angesehen hat, wieder löscht. Das Konzept dazu lieferte, da ist man als Österreicher ein wenig stolz drauf, vor allem der aus Salzburg stammende Professor und Autor Viktor Mayer-Schönberger, der bereits 2009 das Buch “Delete – Die Tugend des Vergessens im digitalen Zeitalter” veröffentlichte, also zwei Jahre vor der Gründung von Snapchat. Das ewige Speichern von Daten müsse aufhören, es sei “überlebenswichtig”, der Datensammelwut eine Löschung entgegenzuhalten, so Mayer-Schönberger.

Der Erfolg von Snapchat, das heute mehr als 100 Millionen Nutzer hat und mit zehn Milliarden US-Dollar bewertet wird, hat eine ganze Reihe von Internet-Unternehmen dazu bewegt, ebenfalls Funktionen zum Vergessen einzuführen. Allen voran Facebook. Gründer Mark Zuckerberg scheiterte mit seinem Übernahmeversuch von Snapchat und versucht seither, mit eigenen Apps dagegenzuhalten. “Poke” war ein erster, mittlerweile gescheiterter Versuch, Facebook-User Fotos mit Selbstzerstörungsfunktion versenden zu lassen. Die diesen Sommer nachgelieferte App “Slingshot” ist der zweite Versuch, so etwas wie “Vergessen” in die größte Datensammlung über die Menschheit einzubauen. Außerdem experimentiert Facebook mit einem Feature, bei dem auch herkömmliche Postings mit Ablaufdatum versehen werden können.

Neben Facebook gibt es viele andere Messaging-Apps, die “ephemeral” sein wollen und entsprechende Funktionen verbaut haben, etwa Path, Blink, Wickr, Frankly, Gryphn, Confide, Ansa, Line oder WeChat. Die Annahme ihrer Macher: Wenn wir die Daten der Nutzer nicht ewig speichern, dann sind sie im Prism-Zeitalter eher gewillt, unsere Dienste zu nutzen.

Doch kann man den angeblich “vergesslichen” Apps auch trauen? Wer sich näher mit dem Vorreiter der Ephemeral-Welle auseinandersetzt, weiß, dass diese Vergesslichkeit ziemlich löchrig ist. Zum einen können Smartphones Screenshots machen und Bilder, die eigentlich zur Löschung vorgesehen sind, andernorts speichern. Snapchat versucht immerhin, den User zu warnen, wenn ein solcher Screenshot vom Empfänger der Nachricht gemacht wurde. Bei Snapchat und anderen Apps muss man außerdem den Finger aufs Display halten, um die Fotos anschauen zu können, was erschweren soll, dass man nebenbei die Tastenkombination für die Screenshot-Funktion drückt – unmöglich ist es aber nicht.

Snapchat und Co. versuchen letztlich, die Verantwortung an den User auszulagern (“Wenn ich weiß, dass du einen Screenshot machst, dann werde ich dir nie wieder ein Bild schicken”). Denn die tatsächliche Löschung der vielleicht verräterischen Fotos und Videos können sie gar nicht garantieren. Ungeöffnete Snapchat-Nachrichten etwa verbleiben so lange auf den Servern der Firma (verwendet wird dazu übrigens der Google-Cloud-Dienst “App Engine”), bis sie der Empfänger öffnet oder 30 Tage verstrichen sind. Neben den Servern werden die Inhalte aber auch noch auf dem Smartphone des Empfängers gespeichert – auch hier ist eine Löschung nicht garantiert. “It’s sometimes possible to retrieve data after it has been deleted. So… you know… keep that in mind before putting any state secrets in your selfies”, lautet der schulterzuckende Rat des Snapchat-Teams diesbezüglich. Dass ungeöffnete Snaps bereits an die Behörden geliefert wurden, haben die Gründer des Startups ebenfalls eingestanden.

Dass Snapchat zumindest versucht, den Content, den die User verschicken, so gut wie möglich zu löschen, ist aber eigentlich der falsche Weg. Wer den NSA-Skandal mitverfolgt hat, der weiß: Dem Geheimdienst geht es vor allem um Metadaten. Nicht die Nachricht an sich, sondern das Wer, Wann, Wo, Womit und mit Wem interessiert die staatlichen Spione. Und Daten dieser Art speichert Snapchat sehr wohl dauerhaft. Ein Blick in die Privacy Policy zeigt, dass die US-Firma Zeitpunkte, Kontakte, Location, Adressbuch, International Mobile Equipment Identity („IMEI“), Telefonnummer oder MAC-Adresse sammelt – also im Prinzip alles, was die NSA besonders gerne hat. Selbst die auf sehr hohe Sicherheitsstandards setzende App Wickr kommt nicht umhin, die Telefonnummern der Nutzer zu sammeln, um ihnen Verifizierungs-SMS (übrigens über einen Drittanbieter) senden zu können.


Teaser & Image by Maurizio Pesce (CC BY 2.0)


Schlagwörter: , , , ,
Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

More Posts - Website - Twitter - Google Plus