Ello

Ello: Dank Datenschutz zum neuen Netzwerk?

Das neue soziale Netzwerk Ello verspricht guten Datenschutz und Verzicht auf Werbung. Wie groß sind seine Chancen? // von Björn Rohles

Das neue soziale NEtzwerk Ello setzt auf Datenschutz

Wer Ello aufruft und nach unten scrollt, wird mit wenigen Zeilen konfrontiert, die aufzeigen, was Ello einzigartig machen soll: „Dein soziales Netzwerk gehört den Werbetreibenden. … Wir glauben, es gibt einen besseren Weg. … Wir glauben, dass die Betreiber und die Nutzer Partner sein sollten. … Du bist kein Produkt.“ Ein werbefreies Netzwerk, das auf Datenschutz setzt – das ist ungewöhnlich, aber die Ello-Macher haben gute Ideen.


Warum ist das wichtig? Ello hat mit Datenschutz und Transparenz echte Alleinstellungsmerkmale, scheint aber auch zu wissen, dass das nicht reicht.

  • Ellos Manifest hilft dabei, dass die Nutzer das Netzwerk auch in ihr Leben integrieren.
  • Mit intelligentem Design setzen die Macher auf starke Emotionalisierung.
  • Mit den Special Features könnte Ello ein funktionierendes Business-Modell entwickeln, wenn sie ihren Nutzern ausreichend Mehrwert bieten.

Datenschutz als Alleinstellungsmerkmal

Ello – empfohlen bei Morpheus

Tatsächlich hat Ello beim Datenschutz einiges richtig gemacht: Die Datenschutzerklärung hinterlässt nach Einschätzung der Juristin Nina Diercks jedoch einen guten Eindruck.

Immer wieder rangiert Datenschutz bei Umfragen unter den wichtigsten Werten. Aber reicht das als Hauptargument für ein soziales Netzwerk? Der Messenger WhatsApp konnte seine Nutzerzahl seit dem Kauf durch Facebook um ganze 100 Millionen Menschen steigern und ist auch in Deutschland extrem beliebt – trotz der Datenschutz-Bedenken und verschlüsselter Alternativen wie Threema. Gerade bei sozialen Netzwerken scheint Nutzern die Sicherheit ihrer Daten verhältnismäßig unwichtig. Und: Zwischen dem, was Menschen sagen, und dem, was Menschen tun, klaffen oft Lücken.

Das stellt Ello vor große Herausforderungen: Sie schreiben sich ein wichtiges Thema auf die Fahnen – wie schön wäre es, wenn es endlich ein nennenswertes Netzwerk gäbe, das Datenschutz wirklich wichtig nimmt? Nur: Wie überbrückt Ello den Graben zwischen Meinung und Handeln?

Teil einer Bewegung sein

Ello möchte die Zeilen zum Datenschutz nicht als simples Statement, sondern als Manifest verstanden wissen. Wer auf „I disagree“ klickt, landet bei den Datenschutzeinstellungen von Facebook. Wer jedoch zustimmt, darf das Manifest in anderen öffentlichen Netzwerken teilen lässt. Das ist kein Zufall: Wer die Menschen dazu bekommt, sich öffentlich zu einem Manifest zu bekennen, hat größere Chancen, sie auch zu aktiven Nutzern zu machen.

Von einem entsprechenden Experiment berichtet Stephen Anderson in seinem Buch „Seductive Interaction Design“: Die Wissenschaftler Jonatham Freedman und Scott Fraser wollten testen, ob sich Hauseigentümer Schilder in ihre eigenen Vorgärten stellen. Die Botschaft: „Fahr vorsichtig“ – da kann man schwer dagegen sein, noch dazu in einem Wohngebiet, in dem Kinder leben. Aber deshalb ein riesiges Schild in meinen Vorgarten stellen? Eher nicht – jedenfalls für 83 Prozent der befragten Hauseigentümer.

Ganz anders jedoch waren die Ergebnisse in einem folgenden Experiment: Die Forscher fingen mit einer trivialen Bitte an und fragten, ob sich die Menschen einen kleinen Sticker mit der Aufschrift „Fahr vorsichtig“ an ihre Autos kleben würden. Fast alle Befragten stimmten zu – warum auch nicht, es ist nur ein kleiner Aufkleber, der niemandem schadet. Als die Forscher einige Tage später noch einmal zu den Teilnehmern zurückkehrten, stimmten 76 Prozent zu, sich auch das große Schild in den Vorgarten zu stellen.

Streng genommen sind beide Entscheidungen unabhängig voneinander: Wer einen Aufkleber am Auto hat, muss nicht zwangsläufig auch ein entsprechendes Schild im Vorgarten aufstellen. Und zwingen kann man die Menschen schon gar nicht. Aber: Haben wir uns einmal öffentlich zu etwas bekannt, tendieren wir dazu, unser Verhalten anzupassen. Wir möchten konsistent zu dem bleiben, wozu wir uns vorab verpflichtet haben. Dies kann man als die „Fuß-in-die-Tür“-Technik bezeichnen.


Im Screencast stellt Johannes Schuba von t3n das neue soziale Netzwerk vor:


Fortlaufende Entwicklung im Beta-Stadium

Schön, und in dieser Form ungewöhnlich für soziale Netzwerke: Die Feature-Liste, die den Nutzer über geplante Erweiterungen aufklärt. Diese Transparenz hilft, denn Ello ist noch beta – sehr beta. Schnittstellen zu anderen Diensten oder gar zu IFTTT sucht man vergeblich, und es scheint keinen View zu geben, in dem man Nachrichten und alle Antworten darauf auf einen Blick sehen und so ein Gespräch verfolgen kann. Wer einen Link postet, bekommt nicht automatisch eine Vorschau des entsprechenden Beitrags, wie man es von Facebook oder Google+ gewohnt ist – das lädt die eigenen Leser nicht unbedingt zum Klicken ein. Ein Pendant zu Facebooks Like gibt es auch noch nicht. Aber: Viele dieser Funktionen sollen bald folgen, und wie jedes Produkt im Beta-Stadium benötigt auch Ello noch Zeit zum Reifen.

Trotzdem zeigt Ello schon heute an vielen Stellen, dass man mitgedacht hat. Zum Beispiel beim Eingabefenster, das sie Omnibar nennen. Beiträge lassen sich mit mehreren Medien ergänzen, die frei angeordnet werden können. Außerdem unterstützt Ello Markdown, die leicht zu erlernenden Formattierungen aus der Feder von John Gruber. Beiträge lassen sich bearbeiten und teilen mit, wie oft sie gesehen wurden. Auf diese Weise lassen sich mit Ello durchaus einfache Blogeinträge realisieren.

Gelungen ist auch die intuitive Einteilung von Nutzern, denen man folgen möchte: Man kann sie in die Kategorien „Friends“ und „Noise“ einteilen und erhält so zwei getrennte Streams, die sich auch in der Darstellung unterscheiden: Beiträge von Freunden erscheinen größer. Auch hier setzt Ello gleichzeitig auf Transparenz und Datenschutz: Die anderen Nutzer erfahren nicht, wie man sie einsortiert hat; und die Sortierung ist selbst bestimmt und nicht von undurchschaubaren Algorithmen.

Emotionalisierung über ein durchdachtes Design

Gut durchdacht ist auch das Design von Ello. Das Logo? Ein Smiley, der stark stilisiert wurde: Er ist schwarz und hat nichts außer einem weißen, lächelnden Mund. Spielerisch greift man das Logo bei Zustandsänderungen auf: Beim Laden des Streams wird es zu einem drehenden Lade-Indikator, und landet man auf einer 404-Seite, wird aus dem Lächeln ein trauriges Gesicht.

Ein ähnlich nettes Gimmick ist der Ello Facemaker: Bild hochladen, den Ello-Smiley in beliebiger Position und Größe darüberlegen und speichern – das Bild erscheint anschließend bei den Ello-Faces. Hier zeigen sich interessante Experimente, bei denen Ellos Bildsprache aufgegriffen und ausprobiert wird, wo man den Smiley noch alles hinsetzen könnte. Das hat durchaus Kultpotenzial: Der Smiley hat eine lange Tradition in der Popkultur. Vielleicht begegnet er uns ja bald in Form von Stickern auf verschiedenen Barcamps und Konferenzen.

Was das Logo vorgibt, wird von der restlichen Optik aufgegriffen: Ellos Design ist reduziert und lädt gerade deshalb dazu ein, seine Kreativität auszuleben. Da ist zum Beispiel das riesige Headerbild – zu sehen ist davon zunächst nichts als ein schmaler Streifen, bis man einmal im Profil weiter nach oben scrollt. In meinem persönlichen Umfeld ist das Design dennoch nicht durchweg positiv angekommen – vielen erschien es zu avantgardistisch und technisch, was nicht so gut zur Emotionalisierung passen würde. Hier wird Ello sicher im Lauf der Zeit herausfinden, wie die eigene Zielgruppe tickt.

Björn Rohles auf Ello

Auf der Suche nach dem Durchbruch

Und wie möchte sich ein Netzwerk finanzieren, das kostenlos bleiben und auf Werbung verzichten möchte? Florian Blaschke berichtet für t3n von „Special-Features“, die sich Nutzer für einen geringen Betrag hinzukaufen können. Eine zurechtgestutzte Basis-Funktionalität mit wenigen Möglichkeiten – das hat schon beim sympathischen App.Net nicht genügt, um das Projekt zu finanzieren. Ein durchdachtes Freemium-Modell könnte jedoch durchaus funktionieren, wie der Erfolg von Modellen wie Apples In-App-Purchases zeigen.

Dazu muss Ello seinen Nutzern zunächst einen echten Mehrwert liefern, besonders auch denen, die (noch) nicht zu zahlenden Kunden geworden sind. Die Grundlage dafür ist mit dem Datenschutz und dem durchdachten Manifest gelegt – einmal für sich gewonnen, muss Ello seine Nutzer anschließend jedoch halten. Noch wirkt Ello stark wie ein Kunstprojekt, das die Chancen eines sozialen Netzwerks ausloten möchte, das vor allem anders ist. Im Augenblick ist es noch ein experimentelles Netzwerk, bei dem die Nutzer die Möglichkeiten erforschen.

Ob das für den großen Durchbruch reicht, kann man noch nicht abschätzen. Aber vielleicht muss es das gar nicht – es wäre nicht das erste Projekt, das zunächst langsam im Untergrund heranwächst – auch das mächtige Facebook war zunächst auf die Studenten weniger Universitäten beschränkt, bevor es (allerdings recht schnell) aus der Nische herausgewachsen war.

Wer Ello nutzen möchte, benötigt derzeit noch einen Invite – ich vergebe fünf davon an die ersten, die ihre E-Mail-Adresse in den Kommentaren hinterlassen.

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Björn Rohles

Björn Rohles

ist Medienwissenschaftler und beobachtet als Autor („Grundkurs Gutes Webdesign“) und Berater den digitalen Wandel. Seine Themenschwerpunkte sind User Experience, anwenderfreundliches Design und digitale Strategien. Er schreibt regelmäßig für Fachmedien wie das t3n Magazin, die Netzpiloten oder Screenguide.

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