Eine multimediale Flüchtlingsgeschichte

Der Schweizer Journalist Simon Krieger reist mit seiner Kamera den Weg eines Flüchtlings nach. Über Griechenland über die Türkei bis in den Iran – am Ende soll eine Multimediareportage entstehen. Das abstrakte Flüchtlingsthema wird bei Simon Krieger durch die Reportage Ozra konkret: Es erscheint in Form von Yaved, ein junger Mann aus Afghanistan, der als kleiner Junge von zu Hause weg ist. Mit der Reportage geht das neue multimediale Onlinemagazin WHY ISSUE an den Start.

Die Geschichte von Javed – beispielhaft für viele Flüchtlinge in Europa

Javed wollte eine bessere Zukunft, ein besseres Leben. Und sitzt jetzt in der kleinen griechischen Hafenstadt Patras mit anderen Flüchtlingen zusammen um ein Feuer. Das Leben hier ist nicht leicht für Javed, er hofft, von Griechenland weiter nach Italien zu kommen. Aber das hofft jeder hier. „Ich kann mich nicht mehr an das Gesicht meiner Mutter erinnern“, sagt er zu Krieger, als dieser ihn besucht. Zu lange sei es schon her, als er sie das letzte mal gesehen hat. Plötzlich ist er aus seinem normalen Leben herausgerissen worden. Das Sirren von Bomben ist bei ihm zu Hause Alltag, die Angst allgegenwärtig.

Javeds Geschichte reizt mich, weil sie mich bewegt. Das hat unter anderem damit zu tun, dass Javed gleich alt ist wie ich und ich versuchte mich in seiner Lage vorzustellen. Dass Javed sich nicht mehr an das Gesicht seiner Mutter erinnern kann ist zugleich unfassbar und doch für alle verständlich, sagt Krieger.

Ozra – suche nach der Mutter from Simon Krieger on Vimeo.

Anhand Javeds Geschichte konkretisiert Krieger das komplexe Thema Flüchtlingspolitik: Er geht seinen Fluchtweg rückwärts nach, über Griechenland, die Türkei bis in den Iran zu Javeds Mutter. Drei Monate wird die Reise dauern. Er will mit einem Foto von ihr wieder zu Javed zurück kehren. Nach elf Jahren soll er seine Mutter wieder sehen, wenigstens auf einem Bild. Das ist der rote Faden von Kriegers Geschichte: das Foto der Mutter.

Die Situation von Flüchtlingen ist für uns schon sehr viel abstrakter als die Mutter zu vermissen. Schließlich macht es der emotionale Rahmen der Geschichte auch leichter, Hintergründe einfliessen zu lassen„, sagt Krieger. Die Flüchtlingsthematik beschäftige ihn schon seit längerem. „Es ist ein komplexes und relevantes Thema, das sich nicht in News erklären lässt. Dass das Thema von gewissen Parteien auf eine sehr vereinfachte und gefährliche Art politisch instrumentalisiert wird, macht es umso relevanter.

Sein Ziel sei es, die Situation von Flüchtlingen in Europa und insbesondere in Griechenland nachhaltig zu vermitteln. „Deswegen suche ich nach Methoden, wie gehaltvoller Journalismus überleben und doch zeitgemäß funktionieren kann.

Die Reportage wird im Onlinemagazin WHY ISSUE veröffentlicht

Simon Krieger interessiert sich besonders für neue Wege im Journalismus und möchte mit seiner Arbeit unabhängig sein: „Das Warum statt nur das Was ist mir wichtig. Tiefe, Qualität und Klarheit ist mir wichtig. Kritischer Journalismus ist mir wichtig.

Die Multimediareportage dient als Paradebeispiel für das neue Magazin WHY ISSUE, das mit der Veröffentlichung von Ozra online geht. Er versteht es als Label für qualitativen und innovativen Journalismus, weshalb es Krieger wichtig, mit WHY ISSUE alle Möglichkeiten auszuschöpfen, die sich online für Journalisten bieten. Dass das seiner Meinung nach zu selten gemacht werde, sehe er als eine Ursache für die Medienkrise.

Ein großes Thema bei WHY ISSUE wird auch die Datenvisualisierung sein und die Weiterentwicklung von Datenjournalismus, erklärt Krieger: „In der Kombination von Datenvisualisierungen und Reportagen sehe ich eine Möglichkeit, ein Thema sowohl in der Breite und Tiefe zu behandeln.“ Neben der Funktion als Magazin sollen die Inhalte mitsamt der technischen Umgebung lizenziert werden. Das hat zwei Gründe: Zum einen können so Journalisten bezahlt werden, da das Magazin werbefrei ist. Zum anderen erreicht WHY ISSUE auf diesem Wege eine breitere Masse, da etablierte Medien Inhalte nutzen.

Auf der Crowdfunding-Plattform wemakeit sammelt Krieger Geld für seine Start-Reportage Ozra: https://wemakeit.com/projects/ozra


Image (adapted) „Darfurians refugees in Eastern Chad“ by European Commission DG ECHO (CC BY-SA 2.0)


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Anna-Maria Landgraf

Anna-Maria Landgraf

studiert Philosophie und Politikwissenschaft im Master und hat während ihres Journalistik-Bachelors Erfahrungen im Print-, Online- und TV-Bereich gesammelt. Seit Juni 2014 schreibt sie für die Netzpiloten vor allem über Medien und Gesellschaft.

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