Buchhandlung (Bild: Sergey Pyatakov [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia)

E-Commerce: Interview mit den Gründern von BuchhandlungVorOrt

Im Interview sprechen die Gründer vom Startup BuchhandlungVorOrt.de über ihre Idee, welche die lokale Wirtschaft stärken und nachhaltiges Einkaufen fördern soll. // von Gina Schad

Buchhandlung (Bild: Sergey Pyatakov [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia)

Den Gründern von BuchhandlungVorOrt.de geht darum, eine E-Commerce-Plattform aufzubauen, die es ermöglicht, Bücher online bei der Buchhandlung meiner Wahl zu bestellen, selbst wenn sich diese nicht in meiner Stadt befindet. Mit dieser Initiative sollen lokale Buchhandlungen gestärkt und dem Trend zu Bestellungen bei Versandmonopolisten entgegengewirkt werden. Die Startup-Unternehmer äußern sich zu neuen gesellschaftlichen Modellen und die Veränderung des Konsumverhaltens in Zeiten des Internets, sowie zu ihren eigenen wirtschaftlichen Interessen, an diesem Geschäftsmodell durch Provisionen partizipieren zu können.

Gina Schad: Wer seid ihr und was macht ihr?

BuchhandlungVorOrt.de: Wir sind ein junges und dynamisches Team bestehend aus fünf Berufseinsteigern mit verschiedenen Erfahrungsintergünden (IT-Branche, Beratung, Bankenwesen, Business Development und Wissenschaft). Vor dem Einstieg ins Berufsleben haben wir alle studiert: Nico und Dirk sind passionierte Wirtschaftsinformatiker, Lars hatte sich voll und ganz der Informatik verschrieben, Janina fokussierte sich im Masterstudium auf das Business Development und Alex absolvierte ein Studium der Wirtschaftswissenschaften. Durch diese Zusammensetzung ergänzen wir uns stark in fachlicher und persönlicher Hinsicht. Außerdem ist das gesamte Team in der Berliner und Hamburger-Start-up Szene aktiv und wir konnten uns auf diese Weise bereits ein hilfreiches Netzwerk aus Gründern, Investoren und weiteren Interessenten aufbauen. Mit Hilfe von diesem Netzwerk wollen wir nun unsere eigene Idee BuchhandlungVorOrt weiterentwickeln und umsetzen, um den lokalen Gedanken und Buchhandel zu stärken.

Euer Startup „BuchhandlungVorOrt.de“ soll eine E-Commerce-Plattform für Bücher werden. Wie seid ihr auf die Idee gekommen?

Wir kaufen unsere Bücher schon seit Jahren lokal. Mit dem Einstieg ins Berufsleben haben sich jedoch nicht nur unsere Lebensmittelpunkte, sondern auch die Lebensgewohnheiten und Tagesabläufe verändert. Wir haben die Städte mit den Buchhändlern unseres Vertrauens verlassen, sind zu handelsüblichen Geschäftszeiten meistens selbst im Büro oder sind auch mal auf Geschäftsreise. Trotzdem wollen wir nicht auf den unnachahmlichen Service der lokalen Buchhändler verzichten und greifen zunehmend ungern auf die Dienste von Amazon und Konsorten zurück. Leider ist die Online-Präsenz der lokalen Buchhändler oftmals wenig ausgebaut und nicht an unsere veränderten Bedürfnisse angepasst. Bislang existierende Weblösungen und E-Commerce-Plattformen, welche Bestellungen bei lokalen Buchhändlern ermöglichen, überzeugen weder uns noch die lokalen Buchhändler selbst. Zahlreiche Diskussionen im Freundes- und Familienkreis haben uns bestärkt, dass der lokale Gedanke wieder einen zunehmend wachsenden Stellenwert hat – ohne ansprechende Internetpräsenz ist dieser allerdings heutzutage nicht mehr tragbar.

Warum brauchen wir eurer Meinung nach diese Plattform?

Veränderte Lebensstile, neue gesellschaftliche Modelle und das Internet haben den Konsumprozess unserer Gesellschaft grundlegend verändert. Die Folgen für lokale Einzelhändler sind allen bekannt, und immer mehr steigt die Unzufriedenheit über das Aussterben unserer Innenstädte. Generationsübergreifend wird in Frage gestellt, ob wir wirklich bei großen Internetgiganten kaufen wollen, die ein Buch einmal quer durch Deutschland schicken, unsere Daten speichern und unklare Arbeitsbedingungen schaffen, während der lokale Buchhändler uns immer treue Dienste leistet und sich in Reichweite befindet. Trotzdem möchte niemand mehr auf die einfachen Bestellprozesse und die bequeme Lieferung der Internetgiganten verzichten, an die wir uns in den letzten Jahren gewöhnt haben und die sich so perfekt an die veränderten Lebensbedingungen anpassen. Nachhaltig bewusstes Einkaufen sieht für viele Menschen jedoch anders aus.

Wollen wir derzeit gezielt Bücher bei lokalen Buchhandlungen bestellen, so müssen wir uns oftmals durch undurchsichtige und optisch wenig ansprechende Bestellprozesse manövrieren oder stoßen auf Internetseiten mit einer lieblos zusammengestellten Übersicht lokaler Buchhändler. Zahlreiche Buchhändler haben uns gegenüber ihre Unzufriedenheit über bestehende Shopsysteme und Weblösungen geäußert. Auf der einen Seite sind die lokalen Buchhändler gezwungen diese zu nutzen, um wettbewerbsfähig zu bleiben, aber auf der anderen Seite sind diese so wenig nutzerfreundlich, so dass viel Zeit und Mühe aufgewendet wird, welche wiederum in keinem Verhältnis zum Ertrag steht. Um beiden Seiten gerecht zu werden, wird unter www.buchhandlungvorort.de eine ansprechende und einfach zu bedienende Plattform entstehen, welche dem lokalen Gedanken gerecht wird und die lokalen Buchhändler in den Vordergrund stellt.

Wie lange hat der Entstehungsprozess gedauert? Wer hat euch bei der technischen Umsetzung geholfen?

Wir waren selbst erstaunt über die kurze Zeitspanne von der initialen Idee bis zur Fertigstellung der jetzigen Webseite. Ende April ist die Webseite online gegangen mit dem Ziel, das Interesse unserer Zielgruppe zu überprüfen. Bereits drei Tage nach dem Launch gab es das erste Medieninteresse auf der Webseite deutsche-startups.de und seitdem sind wir im Entwicklungsprozess. Als Reaktion auf den Beitrag erreichten uns zahlreiche Anfragen von Buchhändlern, potentiellen Kunden, Investoren und interessierten Kooperationspartnern. Uns ist es wichtig gerade in dieser Entwicklungsstufe reflektiert vorzugehen, um keine unnötigen Ressourcen zu verschwenden. Die Informatiker unter uns beraten sich derzeit über Entwicklungsmöglichkeiten der Plattform. Dieser Prozess läuft allerdings nicht im stillen Kämmerlein ab, sondern die Entwicklung wird regelmäßig im Hinblick auf aktuelle Bedürfnisse und Benutzerfreundlichkeit getestet, indem wir Buchhändler und potentielle Kunde in den Prozess einbeziehen.

Euer Ziel ist es, den lokalen Handel zu stärken. Was lässt euch glauben, dass die Idee funktioniert?

Wie bereits beschrieben, verändert sich das Kaufverhalten unserer Gesellschaft. Wir sind es gewohnt unsere Waren einfach und bequem von jedem Ort der Welt online zu bestellen und uns diese liefern zu lassen, aber wir wollen gleichzeitig individuelle Beratung und einen zufriedenstellenden Service. Was unsere Gesellschaft zunehmend nicht mehr will, ist der Verkauf von persönlichen Daten, nicht-nachhaltige und unreflektierte Einkäufe im Internet, während lokale Händler direkt vor unserer Haustür oder im unmittelbaren Umkreis, um ihre Existenz kämpfen.

Warum sollen wir unsere Bücher online bei einer lokalen Lieblingsbuchhandlung kaufen?

Kunden kaufen über unsere E-Commerce-Plattform direkt bei dem Buchhändler Ihres Vertrauens. Damit stärken sie die lokale Wirtschaft und kaufen nachhaltig ein. Ein Umtausch vor Ort ist einfacher als die Rücksendung per Post.

Was passiert, wenn die Buchhändler nicht vor Begeisterung vom Stuhl kippen?

Grundsätzlich gilt, dass Buchhändler mit einem Anschluss an unsere E-Commerce-Plattform keine Risiken eingehen. BuchhandlungVorOrt.de bietet Zugang zum modernen E-Commerce, völlig ohne eigenen Aufwand. Alle von uns angebotenen Bücher stammen aus der Datenbank „Verzeichnis Lieferbarer Bücher“, sodass der Buchhändler jedes Buch über Nacht bestellen und am Folgetag an den Kunden verschicken kann. Die reinen Internetbuchhändler wie bspw. Amazon üben einen enormen Wettbewerbsdruck auf den stationären Buchhandel aus: Sie bieten ein umfassendes Warensortiment, Öffnungszeiten 24/7 die Woche und die bequeme Bestellung von zu Hause oder unterwegs ohne Fahrtwege. Die lokalen Buchhandlungen sind oftmals durch die Komplexität des eigenen Webshops überfordert. Obwohl viele stationäre Buchhändler einen eigenen Webshop haben, finden sie keine Zeit, den Webshop als weiteren Verkaufskanal kosteneffizient auszuspielen.

Was erhofft ihr euch finanziell von der E-Commerce-Plattform? Wie hoch ist die Provision für Buchhandlung vor Ort?

Unser Ziel ist es den lokalen Handel und vor allem lokale inhabergeführte Buchhandlungen zu stärken.Umsätze, die lokale Buchhandlungen durch BuchhandlungVorOrt.de erhalten, sind zusätzlich zu bestehenden Umsätzen zu sehen, die ansonsten ein Internetkonkurrent generiert hätte. Da wir den Zugang zum E-Commerce als Service sehen, möchten wir am Online-Umsatz partizipieren. In welcher Höhe eine Provision fällig wird, ist derzeit eine zentrale Frage, die wir derzeit im Team erörtern. Hierbei gehen wir auch ins Gespräch mit Buchhandlungen.

Kann ich auch eine „Lieblingsbuchhandlung“ in einer Stadt auswählen, in der ich nicht wohne?

Natürlich, dies ist für uns ein wichtiger Vorteil, den wir unseren Kunden bieten wollen. Zieht ein Kunde in eine andere Stadt und will weiterhin den Service seiner Lieblingsbuchhandlung genießen und weiterhin fördern, dann kann er selbstverständlich auch dort bestellen und sich die Bücher zusenden lassen.

Wie viele Buchhandlungen sind bereits mit an Bord?

Insgesamt haben sich in dem kurzen Zeitraum seit Veröffentlichung schon über 20 Buchhandlungen aus ganz Deutschland registriert. Wir denken, dass sich mit weiteren Nachrichten über unsere Seite zeitnah weitere Buchhandlungen anmelden und Interesse zeigen.

Gibt es bereits ähnliche Geschäftsmodelle in anderen Ländern?

In Deutschland gibt es eine starke Bewegung zu lokalem Einkaufen/Konsum. Nicht nur im E-Commerce, sondern auch im direkt Umkreis. Viele Bürger kaufen bspw. bewusst lokale Lebensmittel. Im Bereich Bekleidung wirbt beispielsweise FASHION LOCALS mit der Möglichkeit, im Internet von lokalen Händlern Bekleidung einzukaufen. Außerhalb Deutschlands sehen wir ebenfalls eine Beschleunigung des Trends, bewusstes Einkaufen zu gehen. Das Magazin „The Week“ sieht unter 10 Shopping-Trends in 2014 ebenfalls den „Buy Local“-Faktor.


Teaser & Image by Sergey Pyatakov (CC BY-SA 3.0)


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Gina Schad

Gina Schad

hat Medienwissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin studiert. Ihre Masterarbeit hat sie zum Thema „Risiken und Chancen der Digitalisierung für Gesellschaft und Kultur“ verfasst. Derzeit forscht sie weiter zu den Themen Privatsphäre und Öffentlichkeit in der Digitalen Welt. Auf ihrem Blog medienfische bloggt sie über Menschen, Ideen und Netzkulturdings. Privat schreibt sie mit einem Stift auf Blätter, bei Twitter ist sie unter @achwieschade zu finden.

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