Duke-Team testet eine neue Methode des Journalismus

In diesem Sommer will eine Gruppe Studenten testen, ob das Modell des datenbasierten, strukturierten Journalismus bei Themen wie Stadtpolitik und Uber funktionieren kann. Bill Adair und sein Team vor ein paar Wochen ihre erste strukturierte Story angingen, brauchten sie 40 Minuten, um einen einzigen Satz einzugeben. Bedenkt man, dass die meisten Artikel mehrere hundert Sätze – oder “Events” – beinhalten, fragt man sich, wie diese neue Form des Journalismus sich je durchsetzen will. Und es ist auch ziemlich neu. Das Konzept des strukturierten Journalismus gibt es erst seit ein paar Jahren.

“Traditioneller Journalismus besteht im Wesentlichen nur aus zwei Bereichen: einer Überschrift und dem Text selbst”, teilte mir Adair, Leiter des Duke Reporter’s Lab, mit. “Seit über 100 Jahren haben Journalisten ihre Arbeit so präsentiert.” Man füge diesem Datensatz noch mehr Kategorien hinzu, die den Journalismus noch strukturierter erscheinen lassen: Namen, Daten, Zitate, Objekte und bestimmte Themenfelder, und die Leser werden viel mehr auf die Arbeit des Journalisten eingehen können.

Das ist das Argument, auf das sich zumindest der strukturierte Journalismus stützt. “Wenn wir die Artikel [und] die täglichen Aufgaben richtig strukturieren, können wir etwas aufbauen, was zusammengerechnet größer als seine Einzelteile sein kann und zudem einen Anreiz gibt, die tägliche Berichterstattung weiterzuführen”, schrieb Reg Chua, ausführender Leiter des Verlagswesens, Daten und Innovation bei Reuters, bereits im Jahr 2010 .

Adair ist als Gründer von PolitiFact bekannt geworden. Das Unternehmen war eine Initiative der Tampa Bay Times und gewann den Pulitzerpreis im Jahr 2007 für die Auswertung von Politikeraussagen. Als die Seite gelaunched wurde, nannte Adair es noch nicht “strukturierter Journalismus”. Er wusste nur, dass dies eine neue Möglichkeit war, den Lesern Informationen zu präsentieren. Nach einiger Zeit lernte er andere Journalisten kennen, beispielsweise Laura und Chris Amico von Homicide Watch. Sie experimentierten mit ähnlichen Ansätzen.

Was genau kann man zu strukturiertem Journalismus zählen? Dies beinhaltet “alles, was mehr Struktur als eine altmodische Nachrichtenmeldung hat, und was daher immer mal wieder upgedated wird”, erklärt Adair. Beispielsweise zählen hier die winzigen Elemente von Circa dazu. Die App wurde allerdings neulich abgeschaltet. Auf der anderen Seite gibt es die stack cards von Vox. Was ist mit denen? Sie werden laut Adair nicht zum strukturierten Journalismus gezählt, weil sie “untereinander nicht gut verlinkt sind”. Sobald eine Nachrichtenorganisation eine Datenbank voller Informationen besitzt, “ist das Datenjournalismus<7em>”, qualifiziert sich jedoch nicht als strukturierter Journalismus, sofern es nicht ständig mit den neuesten Informationen versorgt wird.

Nachrichtenevents werden in ihre Bestandteile aufgespalten

Wenn man in der Form des strukturellen Journalismus arbeiten möchte, braucht man einen Ort, an dem man seine Informationen speichern kann. Im vergangenen Herbst hat David Caswell, ein ehemaliger Produktmanager von Yahoo, auf der ONA-Konferenz in Chicago seine Plattform namens Structured Stories präsentiert. Structured Stories ist eine Datenbank, die ausschließlich für die journalistische Arbeit mit Nachrichten erstellt wurde. Reporter können ihre Nachrichten als Datensätze einpflegen und sie zu einem Artikel zusammenbauen, oder, wie es jetzt eben heißt, einer “Structured Story”.

Adair war voller Bewunderung dafür, wie [Caswell] die Nachrichten auf seine Grundelemente reduziert hat. Das Duke Reporters Lab bekam einen Zuschuss von 35.000 US-Dollar der ONA, um auf Caswells Plattform einen New Yorker Ableger der Structured Stories zu erstellen und damit die Berichterstattung über die Regierung in New York City abzudecken.

Adair leitet das Projekt, das den ganzen Sommer über laufen wird und auf einem Coworking Space im Financial District basiert. Mit ihm arbeitet der 22-jährige Ishan Thakore, der im Frühling seinen Uniabschluss machte, und mit ihm zwei Studenten, die 21-jährige Nathalie Ritchie und die 20-jährige Rachel Chason. Thakore kümmert sich um die Wohnungssituation in New York City, Ritchie untersucht die Belastung der Regierung durch die Uber-Thematik und Chason schreibt über das Polizeipräsidium und Bürgermeister Bill de Blasio.

Es ist eine “völlig andere” Art der Berichterstattung, sagt Ritchie, und man braucht eine kleine Weile, um die richtige Handhabe für die Artikel zu finden. Auf dem Blog des Projektes hat Thakore darüber geschrieben.

Ein strukturierter Artikel ist in seiner unbearbeiteten Form, die nur aus Verben und Substantiven besteht, nicht dazu gedacht, dass ein normaler Mensch ihn liest. Und die meisten Leser werden diese Form nicht erkennen können, wenn sie sich auf Structured Stories umschauen. Sie lesen die Hauptaufzählungspunkte oder Zusammenfassungen, die Rachel, Nathalie und ich schreiben. Aufzählungspunkte und Zusammenfassungen bestehen aus ‘normalen’, menschlichen Sätzen nach einem bestimmten Ereignis. Diesem Ereignis liegt ein Netzwerk aus Kommunikationen und formbaren Daten zu Grunde, die dem Leser neue Informationen geben werden. Das konnten sie so vorher nicht. Dieses Projekt sorgt dafür, dass ich mich fühle, als würde ich wieder neu schreiben lernen. Ich bin bei Substantiven besonders aufmerksam und die Verben brechen alles auf ihre Grundbedeutung herunter. Hier scheint es beim Aufschreiben einen immer wieder kehrenden Ruck zwischen der Sprache und der Struktur zu geben. Am Besten ist es, wenn man sich hierbei etwa in der Mitte befindet.

Das sagt Ritchie:

Die Eventframes herzustellen bedeutet, dass man sich mit der Abgrenzung zwischen Spezifizierung und Vereinfachung herumschlagen muss. Wir diskutieren ständig darüber, ob ‚einen Plan zu präsentieren‘ auch ‚Kommunikation‘ beinhalten sollte, oder einen Rahmen, in dem man ein ‚Dokument einreichen‘ müsse. Der Unterschied ist minimal, aber er ist der Schlüssel zu einem größeren Thema: Die Sprache in die Struktur zu übersetzen.

Die Vorgänge werden mit der Zeit schneller, aber am Anfang war es ziemlich mühsam. Adair schrieb über die erste Woche des Projekts:

Ein paar Mal hatte ich den Eindruck, als wären wir Wissenschaftler, die kurz davor waren, die Essenz der Nachrichten zu entschlüsseln. Ich fasste den ersten Tag zusammen: ‚Ich bin total überwältigt!‘ Es gab aber ebenso Zeiten, in denen ich mich fragte, ob wir vielleicht zu viel Struktur in unserer Herangehensweise hatten und dass wir damit letztendlich eine riesige Datenbank aufbauen, mit Hunderten von unnützen Einträgen über die städtische Regierung. Wir mussten sicher gehen, dass wir, auch wenn wir eine besondere Arbeitsweise hatten, dennoch wertvollen, interessanten Journalismus produzieren.

Zunächst dachte ich, wir würden viel reportagenlastiger arbeiten”, sagte Thakore. “Stattdessen fanden viele unserer Recherchen auf den Computer und mit Google statt, und nicht so sehr auf dem Weg des klassischen Journalismus.

Adair merkt an, dass im traditionellen Journalismus auch viel Langeweile herrschen kann. Sobald die Geschehnisse einmal in der Datenbank waren, “muss man ökonomisch denken und braucht nicht alles neu zu beschreiben, was bereits passiert ist”, sagt er. “Es ist schwierig nachzumessen, wie viele Stunden ein Reporter bereits damit verbracht hat, einen Absatz über Dinge zu schreiben, die man bereits formuliert hat. Wenn wir uns daran gewöhnt haben, glaube ich, dass das den Reporten und Lesern eine Menge Zeit ersparen wird.” Die Reporter müssen nicht erneut die Hintergründe aufbereiten (weil die Artikel ja ständig aktualisiert werden), und die Leser, die mit der Thematik nicht vertraut sind, können einfach von vorn anfangen zu lesen, während diejenigen, die bereits besser informiert sind, sich ihre Stelle zum Weiterlesen suchen können und die Hintergründe überspringen können.

Das ist ein Experiment, sagt Adair, und eventuell funktioniert es nicht.

Am Ende kann es sein, dass wir herausfinden, dass wir eine tolle Möglichkeit haben, die Lokalberichterstattung abzudecken”, sagt er. “Es könnte sein, dass wir genau das entdecken, und dass es nur ein bisschen angepasst werden muss. Wir sind uns auch im Klaren, dass es überhaupt nicht funktionieren könnte. Wir versuchen, mit ganz realistischen Erwartungen heranzugehen.

Immer, wenn jemand etwas ausprobiert, das sich so sehr auf Daten stützt, oder so reduziert ist, kann das für den traditionellen Journalismus ziemlich bedrohlich aussehen”, sagt Ritchie. “Es ist nicht so beabsichtigt und es soll auch kein Ersatz sein. Ergänzung, das ist das richtige Wort. Es eröffnet uns einen neuen Blick auf die Dinge.

Dieser Artikel erschien zuerst auf NiemanLab. Übersetzung von Anne Jerratsch.


Image (adapted) “Just one click away…” by Matthias Ripp (CC BY 2.0)


 

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Laura Hazard Owen

Laura Hazard Owen

ist stellvertretende Chefredakteurin des Niemanlab an der Harvard University. Vorher arbeitete sie als Redaktionsleiterin bei GigaOm.

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