Check-up Ireland: Von Kurzsichtigkeit und Kernkompetenzen


Seit 1997 lebe ich nun schon in der irischen Hauptstadt Dublin. Mein erster Job bei AOL hatte auch ein wenig mit Tech zu tun – wenn man die berüchtigten Freistunden-CDs als “Tech” ansieht oder das Verbinden an die technische Hotline durchgehen lässt. Im November habe ich damit begonnen, die “Tech-Insel” ein Jahr lang aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Heute geht es mal wieder um Jobs.


Der Minister für das Digitale verliert seinen Job und Dublin wankt in der Talentschlacht

Irland hat einen neuen Taoiseach = Ministerpräsidenten. Und die Fakten, dass Leo Varadkar der Sohn eines indischen Einwanderers und homosexuell ist, sprechen für einen Staat, der sich offen gibt. Leo ist auch jung (38) und zahlreiche Beobachter hatten eine Kabinettsumbildung erwartet, die verstärkt junges politisches Talent mit Ministerwürden belohnt. Das mag zwar bei “Senior”-Positionen wie Justiz oder Wirtschaft nicht immer möglich sein, sollte aber doch zumindest bei der zweiten Garde der “Junior”-Minister möglich sein. Oder? Nun ja …

Widmen wir den folgenden Absatz doch einmal Pat Breen (60). Sein Titel: “Minister of State across the Departments of Enterprise and Innovation, the Department of Employment and Social Protection, the Department of the Taoiseach and the Department of Justice and Equality with special responsibility for Trade, Employment, Business, EU Digital Single Market and Data Protection”. Und – Ausatmen! Das ganze ist ein Witz und zwar nicht nur, weil sein Titel gerade mal 15 Worte kürzer ist als die irische Nationalhymne.

Der Mann mag zwar in seinem Alter generell viel Erfahrung in der Politik besitzen, aber wie soll er denn irgendeinen Teil seiner übergroßen Gesamtverantwortung so wahrnehmen, dass er Spuren hinterlässt, die bemerkenswert sind? Besonders bedauerlich ist auch die Tatsache, dass der Bereich Data Protection (ich sage nur Facebook, Schrems & Co.), der hier mit allen möglichen Bereichen zusammengewürfelt wurde, unter Leo Varadkar’s Vorgänger Enda Kenny ein eigenes Ministerium mit klaren Kompetenzen hatte. Dara Murphy war der erste Minister in einem EU-Mitgliedsstaat für Data Protection. Die Entscheidung des neuen Ministerpräsidenten, diesen wichtigen Bereich mit anderen zusammen zu schmeissen, zeugt von Kurzsichtigkeit. Dara Murphy arbeitslos zu machen, ist zwar engstirnig (Murphy hatte im Kampf um den Vorsitz von Fine Gael, die den Ministerpräsidenten stellen, Leo Varadkar’s Konkurrenten Simon Coveney unterstützt), aber parteipolitisch nachvollziehbar. Aber Data Protection so abzuwerten, ist alles andere als clever.

Der ehemalige Minister Dara Murphy, der seinen Job verlor, weil er den falschen Bewerber um einen anderen Job unterstützt hat, wird seinen Nachfolger wohl beneiden, weil der zumindest Junior Minister sein darf. Pat Breen, der wegen seiner Anhäufung von Kompetenzen auch schon als “Jared Kushner Irlands” verspottet wurde, darf sich im Verlaufe seiner 20-Stunden-Tage (anders ist es nicht zu machen) auch mit dem Thema Jobs beschäftigen. Ein Gig, der dabei fast in jeder Woche anliegt, ist eine Pressekonferenz der staatlichen Wirtschaftsförderung “IDA”, in der der Ruf zur “Schlacht ums Talent” erhallt. Und wenn es nach einem wichtigen Experten geht, dann ist Dublin dabei, diese Schlacht zu verlieren.

Dublin lockt nur kurzfristiges Talent

Dublin beherbergt neben zahlreichen anderen Europazentralen auch die von Indeed – und deren Senior Vice-President for Product Raj Mukherjee sorgte bei seinem Besuch dafür, dass der zweite Teil seines Nachnamens in aller Munde war. Seine klare Warnung an die politischen Entscheider (Yes, you, Mr. Breen) war die, dass schlicht und einfach nicht genug getan werde, um “Senior Tech Talent” (da ist das S-Wort schon wieder, Herr Junior Minister) nach Dublin zu locken. Eine Schlacht ohne Plan also um Talent mit Kernkompetenzen.

Dublin werde nicht auf einmal am nächsten Morgen als Global Tech Hub aufwachen. Man sei hier zwar sehr erfolgreich damit, Talent anzulocken, es handele sich dabei aber um Junior Talent: “Wenn Du Dich für einen kurzfristigen Gig interessierst, ist Dublin ideal.” Langfristig müsse man jedoch die Art von Talent mit Kernkompetenzen und Erfahrung anlocken, um die sich auch andere Städte prügeln. Und das funktioniere nur mit Erfolgsgeschichten von Senior Talent mit 10 bis 15 Jahren Erfahrung, das den Umzug nach Dublin vollzogen habe. Allzu viele dieser Geschichten habe der Indeed-Manager aber bis dato noch nicht gelesen. Mr. Breen braucht also dringend ein neues Narrativ. Ob Mr. Murphy bereits fleissig nutzt, ist mir nicht bekannt.


Image (adapted) „Irland“ by fsHH (CC0 Public Domain)


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Rainer Kiebat

Rainer Kiebat

arbeitet als freier Journalist in der irischen Hauptstadt Dublin. Nach einem Rundflug über multinationale Unternehmen wie AOL und Google landete er 2013 wieder bei der “alten Liebe” Journalismus und berichtet seitdem für deutsche Medien wie die “Rheinische Post” und “Spiegel Online” aus Irland und Nordirland. Irische Medien wie die “Sunday Business Post”, der “Irish Independent”, sowie die “Sunday Times” & “The Times” (Irish Editions) gehören ebenfalls zu seinem Portfolio. Für die Netzpiloten wird Rainer von den Dubliner “Silicon Docks” - wo Google, Facebook, Twitter und zahlreiche Tech-StartUps sitzen – und aus anderen Tech-Clustern wie Cork, Galway oder Limerick berichten.

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