Was treibt Irlands Aushängeschild Web Summit aus Dublin?

Der Web Summit gehörte zu Dublin wie Guinness und James Joyce. In dieser Woche nehmen 30.000 Delegierte Abschied von der irischen Hauptstadt. Warum geht der Web Summit nach Lissabon? Im September hatte Paddy Cosgrave, der Gründer des Web Summit, das offiziell gemacht, was schon seit dem Abbau der Stände des Web Summit 2014 nach Problemen mit Staus in der Dubliner Innenstadt und kollabierendem WiFi im Veranstaltungszentrum RDS diskutiert wurde – Cosgrave verkündete den Abgang nach Lissabon. Sowohl der Gründer des Web Summit als auch das “offizielle” Dublin müssen sich nun zu Recht Fragen gefallen lassen.


Warum sind diese Fragen wichtig? Der Web Summit ist innerhalb von fünf Jahren von einer kleinen Konferenz mit 400 Teilnehmern (nur Iren) zu einer der bedeutendsten Tech-Konferenzen, mit 30.000 Teilnehmern aus über 100 Ländern, gewachsen.

  • Sind die angedeuteten Probleme mit Verkehr und WiFi, Grund oder Symptome für den Abgang des Web Summit nach Portugal?

  • Kann der Erfolg in Portugal wiederholt werden oder werden zu viele Delegierte Dublin nachtrauern und Lissabon meiden?

  • Wie wird sich der Standort Dublin in Zukunft ohne eine seiner bedeutendsten Trumpfkarten bestehenden wie potentiellen Tech-Investoren gegenüber präsentieren?


Der Web Summit wurde nicht in einer Garage geboren. Ein frustrierter Paddy Cosgrave saß vielmehr eines Tages nach einer Konferenz, die ihm als Gründer so gar nichts gebracht hatte, auf der heimischen Couch in Dublin und sagte sich: “Es muss doch einen besseren Weg für eine Konferenz für Startups geben.”

Statt Veranstaltungs-Manager zu beschäftigen, heuerten Cosgrave und sein Team Ingenieure und Daten-Wissenschaftler an. “Wir waren fixiert darauf, wie Daten die Effizienz von Zusammenkünften von Menschen verbessern können und dachten wie Besessene über das Design von Gäste-Pässen, Theorien über Warteschlangen, den Fluss von Besucherströmen oder Wegweiser-Systeme nach.”

Der erste Web Summit hatte 400 Teilnehmer, die alle aus Dublin kamen. 2014 flogen 22.000 Teilnehmer aus über 100 Ländern ein. Der Web Summit 2015 ist mit 30.000 Besuchern seit Wochen ausgebucht. Von Paddys Couch aus hat sich das Team in drei Büros ausgebreitet (davon 140 Mitarbeiter in der Dubliner Zentrale) und organisiert Konferenzen in Europa, den USA und Asien.

30.000 ist eine riesige Zahl. Sie zeigt, wie bedeutend und erfolgreich der Web Summit geworden ist. Zu erfolgreich? Wurde Web Summit in Dublin Opfer des eigenen Erfolges, weil der Veranstaltungsort Royal Dublin Society (RDS) zu klein wurde? War der Weggang aus Dublin daher unvermeidlich?

Paddy Cosgrave verneint das. Ja, es habe im letzten Jahr Probleme mit dem WiFi gegeben. Ja, der Verkehr brach rund um das RDS derart zusammen, dass viele der Delegierten zu Fuss zurück ins Hotel mussten. Web Summit selbst hat in diesem Jahr die Verantwortung für WiFi vom RDS übernommen und an eine erfahrene Spezialfirma übertragen.

Verbesserung der Bedingungen

Zudem hat Vodafone als Partner rund um das RDS 4G-Kapazitäten massiv aufgestockt. Auch in Sachen Verkehr hat man seit Ende des Web Summit 2014 versucht, gemeinsam mit der Dubliner Stadtverwaltung und der irischen Regierung eine Lösung zu finden. Die Regierung wurde auch im Hinblick auf ein weiteres Problem angesprochen – extreme Erhöhungen von Hotelpreisen.

Paddy Cosgrave führt Web Summit HQ immer noch wie ein Startup. Gewinne werden re-investiert und es gibt einen nie endenden Lernprozess. Demnach ist man auf Seiten der Organisatoren zuversichtlich, dass der Web Summit weiterhin auch mit fünfstelligen Besucherzahlen im RDS über die Bühne zu bringen wäre.

Probleme wurden rechtzeitig erkannt und den Entscheidern im RDS und in der Regierung mitgeteilt. Jüngst veröffentlichte Emails zwischen Paddy Cosgrave und Regierungsvertretern beweisen das. Die Regierung muss sich angesichts der Korrespondenz aber Nachlässigkeit vorwerfen lassen. Man werde schon Lösungen finden heißt es da viel zu oft und viel zu lange. Konkrete Lösungsansätze ließen auf sich warten. Bis es zu spät war. Dabei hatte die Regierung genug Zeit.

Die ersten Emails von Paddy an Enda Kenny, den irischen Ministerpräsidenten, gingen unmittelbar nach Beendigung des Web Summit 2014 raus. In der Zwischenzeit flatterten Angebote verschiedener Standorte ein. Im Sommer fragte Paddy Cosgrave dann seine knapp 32.000 Twitter-Follower nach ihrer Meinung. Wo könnte der nächste Web Summit stattfinden?

Lissabon bildete 8 von 140 Zeichen in einem Tweet, der Meinungsbildung für Paddy und zugleich eine Drohung für Enda bedeutete. Da jedoch in den kommenden Monaten keine konkreten Lösungsvorschläge von der Regierung kamen, wurden die Anfragen anderer Städte sorgfältig geprüft und schließlich das Angebot von Lissabon angenommen.

Die Reaktionen von Enda Kenny und von wichtigen Ministern sprachen Bände: “Eine Entscheidung eines Privatunternehmens können wir nur zur Kenntnis nehmen.”“Wir wünschen Paddy und seinen Leuten alles Gute in Portugal.”“Die Hotels in Dublin sind eh immer gut gebucht. Da spielt so eine Konferenz keine wichtige Rolle.”“Es ist doch toll, dass ein irisches Unternehmen so erfolgreich ist, dass es im Ausland Geschäfte machen kann.”

Ein Abgang mit Folgen für Dublin?

Man muss schon den Eindruck haben, dass den Regierungsvertretern nicht klar ist, dass der Web Summit weit über die drei Veranstaltungstage hinaus eine wichtige Rolle für den Tech-Standort Irland spielt.

Die Bewerbung Lissabons wurde in jedem Fall auch von der portugiesischen Regierung unterstützt. Ob der Erfolg des Web Summits in Lissabon wiederholt werden kann, muss sich erst zeigen. In jedem Fall hat Web Summit HQ schon bewiesen, dass man weltweit Tech-Konferenzen erfolgreich organisieren kann. “Collision”, mit 7,500 Teilnehmern in Downtown Las Vegas, die im April parallel zum Jazz Fest in New Orleans stattfinden wird, ist nur ein Beispiel.

Was wird aus Dublin? Kann der Tech-Standort den Abgang des Web Summit verkraften? Eine höchst interessante Antwort kommt von Niamh Bushnell, die Dublins Startup-Kommission leitet. Sie hat lange in den USA gearbeitet und sowohl dort als auch in Irland selbst Firmen gegründet. Sie spricht von der Kirsche auf der Torte, wenn es um den Web Summit und seine Bedeutung für Dublin geht.

Egal, ob sie den Web Summit besuchen oder nicht, sehen die meisten Investoren aus den USA laut Bushnell Irland als eine Steueroase für multinationale Unternehmen wie Google oder Apple: “Das ist ein Ruf, den wir unter Aufwendung von viel Zeit und Geld ändern müssen!”

“Also bitte, lasst uns dem Web Summit alles Gute wünschen und lasst uns auf die Prioritäten konzentrieren”, fährt Niamh Bushnell fort. In Dublin herrsche eine positive Grundhaltung, mit der schon tausende von Startup-Jobs geschaffen worden seien. Dies sei das ideale Fundament für die sichere Zukunft des globalen Tech-Hubs Dublin.

Kooperation zwischen Multinationals und Startups, eine starke Angel-Investment-Community und ein Steuer-System, das Startup-Kultur unterstützt sowie Unternehmer fördert, seien die Pfeiler, die Dublin über 365 Tage hinweg attraktiv machen.

Das mit den 365 Tagen kann ich aus eigener Erfahrung als Dubliner nur bestätigen. Ich muss aber gleichzeitig zugeben, dass ich sehr neugierig auf die drei Tage Power Networking beim letzten Dubliner Web Summit bin. Ich hoffe, dass ich ein paar gute Eindrücke im Netzpiloten-Liveblog und auf Twitter @kiebatman vermitteln kann.


Teaser & Image “Sportsfile (Web Summit)” (adapted) by Web Summit (CC BY 2.0).


Schlagwörter: , , , , , , ,
Rainer Kiebat

Rainer Kiebat

arbeitet als freier Journalist in der irischen Hauptstadt Dublin. Nach einem Rundflug über multinationale Unternehmen wie AOL und Google landete er 2013 wieder bei der “alten Liebe” Journalismus und berichtet seitdem für deutsche Medien wie die “Rheinische Post” und “Spiegel Online” aus Irland und Nordirland. Irische Medien wie die “Sunday Business Post”, der “Irish Independent”, sowie die “Sunday Times” & “The Times” (Irish Editions) gehören ebenfalls zu seinem Portfolio. Für die Netzpiloten wird Rainer von den Dubliner “Silicon Docks” - wo Google, Facebook, Twitter und zahlreiche Tech-StartUps sitzen – und aus anderen Tech-Clustern wie Cork, Galway oder Limerick berichten.

More Posts - Twitter