Drei verbreitete Mythen über moderne Städte

Urbanisierung wird häufig als das Heilmittel für die zahlreichen Probleme in der Welt gepriesen. Sie wird als Lösung für Problematiken wie Armut, Völkerwanderung und Klimawandel postuliert. Städte machen unsere Gesellschaften gesünder und produktiver. Städte machen uns glücklich. Städte stellen unsere unausweichliche Zukunft dar – zumindest wird es uns so vermittelt.

Während Städte unsere Art zu leben stark verbessern können und die Auseinandersetzung mit dem Thema wichtig ist, gibt es doch zahlreiche Mythen, die um diesen gegenwärtigen Hype entstanden sind. Behauptungen wie, eine “globale Verlagerung” zu einem Leben in der Stadt, eine urbane Wirtschaft von Produktivität und Vorteilen für alle und eine stetige Vergrößerung der wohlhabenden Städte, sind irreführend. Wenn wir einige dieser Mythen entschlüsseln, erhalten wir eine echte Vorstellung von den Vor- und Nachteilen in Städten und deren Rolle, die sie wahrscheinlich in der Zukunft spielen werden.

1.Wir betreten das urbane Zeitalter

Im Jahr 2008 verkündete die UN, dass zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit, die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten lebe. Seitdem wird diese Statistik immer wieder als Beweis für eine globale Verlagerung in Richtung Urbanisierung zitiert – als der Beginn eines neuen “urbanen Zeitalters”. Diese Verkündung verschleiert jedoch die vielen unterschiedlichen Tendenzen in den unterschiedlichen Regionen der Welt.

Going to Work (Image by George Alexander Ishida Newman [CC BY 2.0] via Flickr)
Going to Work (Image by George Alexander Ishida Newman [CC BY 2.0] via Flickr)

Mehr als 40 Prozent der Länder dieser Welt sind weiterhin eher ländlich als städtisch angelegt und im Vergleich zum Jahr 2000, leben 18 Prozent weniger Menschen in Städten. In Entwicklungsländern sowie Industriestaaten sind die Städte flächenmäßig gewachsen, jedoch sind die Flächen weniger dicht besiedelt. Diese Tatsache deutet darauf hin, dass sich Städte an Orten des urbanen Wachstums nicht nur ausdehnen – sie wandeln sich auch.

2.Städte sind produktiver

Es wird zudem als selbstverständlich erachtet, dass Ökonomien von Städten produktiver sind und uns wirtschaftlich besser dastehen lassen. Das ist wahr im Hinblick auf den Pro-Kopf-Ertrag des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Im Falle von London beläuft sich dieser Aufschlag auf 15 Prozent im Vergleich zum Durchschnitt in Großbritannien.

Das Problem hierbei ist, dass wir nicht Gleiches Gleichem gegenüberstellen. Städtische Firmen sind nicht einfach besser oder produktiver als ihre ländlichen Gegenstücke. Tatsächlich ist es so, dass das Beispiel der Bereitstellung von spezialisierten, hochwertigen Gütern oder Dienstleistungen nur an Orten mit einer großen Populationsdichte überleben kann. Die städtische Ökonomie verfügt also über eine grundsätzlich andere Struktur als die ländliche. Außerhalb der Stadt wären einige urbane Firmen nicht einfach weniger produktiv, sondern müssten sogar schließen.

Going to Work (Image by George Alexander Ishida Newman [CC BY 2.0] via Flickr)
Going to Work (Image by George Alexander Ishida Newman [CC BY 2.0] via Flickr)

Beispielsweise benötigen Anwälte für Unternehmenssteuerrecht eine hohe Anzahl an lokalen Firmen, um ausreichend Aufträge in ihrem spezifischen Bereich zu erhalten. Nischengeschäfte, ich nenne mal ein Beispiel wie “Cereal Cafes” [dt.:“Frühstücksflocken-Cafés”], können nur auf großen Märkten mit einer hohen Anzahl potentieller Konsumenten überleben.

Und nicht alle Sektoren profitieren gleichermaßen von dem urbanen Bonus. Bildungseinrichtungen, Notdienste und der Einzelhandel können sich nicht im gleichen Maße wie wissensbasierte Bereiche spezialisieren. Daraus ergibt sich, dass die Angestellten in diesen entscheidenden Bereichen keinen großen Anteil an der zusätzlichen Bereicherung, die als Teil einer städtischen Ökonomie gilt, erhalten.

3. Großstädte bleiben erhalten

Die Geschichte hat gezeigt, dass Städte keine stabilen Systeme darstellen. Städte sehen sich, anstelle von langfristiger Stabilität, aufgrund ihres Kampfes mit Rezessionen und Konflikten , vielmehr einem Auf- und Abschwungs-Zyklus ausgesetzt. Ein eindeutiges Beispiel hierfür wäre Nordamerika: Von den zehn größten US-Städten im Jahr 1950, haben im Jahr 2010 acht Städte mindestens 20 Prozent ihrer Einwohner verloren. Aufgrund, da sie es nicht schafften, sich an die wirtschaftlichen und politischen Veränderungen anzupassen.

Sogar erfolgreiche Städte sehen sich regelmäßig Problemen gegenübergestellt. Einige der weltweit “lebenswertesten” Städte wie Sydney, Vancouver und Auckland haben mit einem überhitzten Immobilienmarkt zu kämpfen, da sich das Eigentum in Städten zu einer attraktiven finanziellen Investition entwickelt hat.

Die gestärkte Widerstandsfähigkeit gegenüber wirtschaftlichen Krisen, politischem Wandel und neuen Technologien, stellt heutzutage eine der härtesten Herausforderungen für Regierungen und Großstädter dar. Sicherheit und Wohlstand können nur mit umsichtigen Investitionen und gründlicher Planung, im Zusammenspiel mit starken Gemeinden und robusten Ökonomien, gewährleistet werden.

Die Mythen rund um das Thema Urbanisierung aufzudecken ist entscheidend, wenn wir die vielschichtigen Antriebskräfte des Städtewachstums verstehen und die Zukunft unserer Städte positiv beeinflussen möchten. Lassen Sie uns den blinden Enthusiasmus eintauschen gegen eine klare Vorstellung davon, wie sich unsere Welt verändert. Im Folgenden können wir uns dann Gedanken darüber machen, was Regierungen und Bürger tun müssen, um eine funktionierende urbane Zukunft für alle zu gestalten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image “View from the Peak” by Simon (CC BY-SA 2.0)


The Conversation

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Jenny McArthur

Jenny McArthur

ist angehende Doktorandin an der UCL. Sie forscht derzeitig an der Funktion der Investition im Bereich Infrastruktur zur Erhöhung der Bevölkerungsdichte. Allgemein liegen ihre Interesse in der urbanen und politischen Ökonomie sowie die Finanzen und Regelung von der Infrastruktur.

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