Jan Kurz, Dagmar Hirche, Maxi Arland

Dr. Jan Kurz über die Probleme der Digitalisierung

Noch bis zum 15.9.2014 läuft der Wettbewerb „Wir versilbern das Netz“, initiiert von Dr. Jan Kurz und Dagmar Hirche, um Lösungen für Menschen zu finden, die noch nicht den Weg in die digitale Welt gewagt haben. // von Merle Miller

Jan Kurz, Dagmar Hirche, Maxi Arland

Das Internet wird immer mehr zu einem großen Bestandteil des Alltags und für jeden ist es schon fast selbstverständlich, mindestens ein Smartphone zu besitzen. Leider wird dabei aber gerne vergessen, dass zum Beispiel die Generation 65+ technisch nicht so versiert ist wie die meisten heutzutage und so aufgrund ihres fehlenden Know-Hows stärker von der Außenwelt abgeschirmt wird. Mit Dr. Jan Kurz, Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins „Wege aus der Einsamkeit e.V.“ sprachen wir darüber, was dies für die Gesellschaft bedeutet und wie man insbesondere ältere Menschen bei den Herausforderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, unterstützen kann.

Merle Miller: Um was geht es bei dem Wettbewerb „Wir versilbern das Netz“?

Dr. Jan Kurz: Bei dem bundesweiten Wettbewerb „Wir versilbern das Netz“ geht es um die Frage, mit welchen Konzepten und Ideen es uns gelingen kann, Menschen ab 65 in die digitale Welt zu führen. Aktuell nutzen in den Altersgruppen 65+ nur knapp ein Drittel der Menschen das Internet. Aber gerade diesen Menschen, die aufgrund ihrer zunehmenden Mobilitätsbeschränkungen oftmals Stück für Stück aus ihrem vertrauten sozialen Leben ausscheiden, bietet das Netz eine Fülle von Vorteilen und damit einhergehend echte Lebensqualität. In unserem Wettbewerb rufen wir gemeinnützige Organisationen und Initiativen auf, uns ihre aktuellen Projekte und geplanten Wege vorzustellen. Die Gewinner werden im Rahmen der BAGSO Internetwoche „Mit Internet Alter gestalten“ am 30. Oktober 2014 im Haus im Park der Körber Stiftung in Hamburg-Bergedorf ausgezeichnet.

Die Digitalisierung unserer Gesellschaft stellt auch ältere Menschen vor Herausforderungen. Wo sehen Sie die größten Probleme?

Bei Solitär kann man nicht schummeln

Eine uns bekannte 87-jährige Seniorin hat bei ihren ersten Geh-Übungen auf dem iPad herausgefunden, dass sie bei Solitär nicht schummeln kann. Das ist eigentlich die schöne Geschichte gewesen, die uns auf die Idee des Wettbewerbs „Wir versilbern das Netz“ gebracht hat. Die Digitalisierung unserer Gesellschaft verändert die Spielregeln des täglichen Lebens komplett. Viele über Jahrzehnte erlernte und eingeübte Wege der Kommunikation und Beschaffung von Informationen verändern sich und werden in den nächsten Jahren komplett digitalisiert sein. Wer diesen Weg nicht mitgeht, wird aus der Gesellschaft quasi ausscheiden. Allein der Satz: „Mehr Informationen finden Sie auch unter Tagesschau.de“ bedeutet, dass zwei Drittel der +65-jährigen keine Chance haben, an diese Informationen zu gelangen und damit ausgeschlossen sind. Aber auch im privaten Umfeld haben wir immer größere Hürden: Veranstaltungen werden immer stärker online angekündigt; Fotos fürs Album bestellt man online, wenn man keinen Drucker hat; Buchläden kapitulieren vor Amazon & Co. und schließen ebenso wie viele weitere kleine Fachgeschäfte; Kinder und Enkel denken und handeln in sozialen Netzwerken und sind über das Telefon nicht mehr gut zu erreichen… Es sind oft die kleinen Dinge des täglichen Lebens, die zusammen genommen aber zu einer wachsenden Isolation und damit verbunden einer immer größeren Unzufriedenheit bei den Betroffenen führen. Nicht zuletzt führen Isolation und Unzufriedenheit dazu, dass die Menschen früher als nötig pflegebedürftig werden und ihre eigenen vier Wände verlassen müssen zugunsten von Senioren- oder Pflegeeinrichtungen.

Was muss die Politik tun, um solche Probleme in unserer alternden Gesellschaft zu vermeiden?

Die Politik muss auf der einen Seite den Rahmen setzen, damit die Gesellschaft als Ganzes den Sprung in die Digitale Welt schaffen kann. Das bedeutet für uns, dass in den alten und neuen Wohnanlagen kostenfreies WLAN zur Verfügung gestellt wird. So wird vermieden, dass wenig Geld gleich bedeutet, keinen Zugang zur Digitalen Welt zu haben. Das gilt natürlich nicht nur für das Alter. Ferner sollte die Politik Organisationen, Initiativen, Projektgeber, die sich in diesem Bereich vielfältig engagieren, mehr Aufmerksamkeit schenken. Sie sollte Plattformen schaffen, auf denen Angebote interessant dargestellt werden können, sowie Fördergelder und Finanzmittel für diese Projekte zur Verfügung stellen. Die Wohnungsbaugesellschaften müssen verstärkt auf die Herausforderungen einer alternden Gesellschaft hingewiesen werden. Vor Ort müssen Schulungen, Treffpunkte usw. eingerichtet werden, um ein Miteinander von Jung und Alt zu fördern. Jung kann Alt schulen und Alt kann Jung in anderen Bereichen unterstützen.

Gibt es dafür in anderen Ländern Vorbilder?

In Irland finden die Google Silver Surfer Awards 2014 statt und HomeCare Technologies, welches unabhängiges Leben für Senioren fördert, gibt im Blog 4 Tipps, wie man ältere Menschen zu mehr Techniknutzung ermutigen kann. In den USA präsentiert Pew Research Internet Project viele interessante Statistiken über ältere Menschen und deren Nutzung von Technologie. Des Weiteren berichtet dort The Week über Probleme älterer Menschen in Krisensituationen und zeigt zwei Organisationen auf: Kansas City Digital Inclusion Fund und Older Adults Technology Services, kurz OATS. Auch in Australien wird das Thema von The Australian behandelt. In der UK existieren die Age UK sowie ein Grundsatzpapier der britischen Regierung, „Government Digital Inclusion Strategy„. Und nicht zuletzt gibt es in Brasilien ein Projekt, das viel erreicht, das heißt Jung spricht mit Alt, Alt lernt Technik, Jung lernt eine Sprache. Dies wäre gut zu kopieren.

Die „Digitale Agenda“ soll Deutschland fit für den digitalen Wandel machen. Sehen Sie Ihre Thematik darin angemessen vertreten?

Insofern kommt uns die Diskussion um die Digitale Agenda entgegen, als dass das Internet hier ja auch von mancher wichtigen PersonIn als „Neuland“ betrachtet wird. Da ist frau sich einig mit genannten zwei Dritteln der +65-jährigen. Nur haben die Letztgenannten oftmals nicht die nötigen Mittel und das personelle Netzwerk, um eine grundlegende Einführung in die Möglichkeiten der Digitalen Welt zu erhalten. Natürlich kommt die Digitale Agenda unserer Thematik darin entgegen, dass sie schnelles Internet in alle Regionen des Landes bringen möchte. In ländlichen Regionen, in denen die Infrastruktur schlechter wird, werden die analogen Wege für Ältere dadurch immer länger und schwerer. Hier kann das Internet sehr hilfreich sein, z.B. für Medizin und Diagnostik. Nicht abgedeckt durch die Digitale Agenda ist leider der sprichwörtliche letzte Meter; 50 Megabit pro Sekunde nutzen keinem Älteren, wenn er weder die Technik noch das Wissen um deren Nutzung hat. Hier setzt unsere Arbeit letztendlich an.

Welche Rolle kann Ihr Verein „Wege aus der Einsamkeit e.V.“ dabei spielen?

„Wege aus der Einsamkeit e.V.“ möchte dazu beitragen, dass sich alte wie junge Menschen in Deutschland auf eine lange Lebenszeit freuen dürfen und die Möglichkeit haben, ihr Leben dauerhaft selbst zu gestalten. Wir glauben an die positiven Aspekte des Alters, ohne die Ängste und Gefahren des Alt-Seins zu beschönigen. Wir engagieren uns für ein lebenswertes Leben im Alter. Im Netz konzentrieren wir uns darauf, Aufmerksamkeit für das Thema Alter zu schaffen und das Thema positiv zu besetzen. Zum Beispiel ist unsere Seite auf Facebook mit über 3.000 Likes die stärkste Gruppe zum Thema. Über unsere verschiedenen Wettbewerbe, denn „Wir versilbern das Netz“ ist ja nur ein Wettbewerb neben anderen, die wir veranstalten, möchten wir auch in der analogen Welt mehr Aufmerksamkeit und Mut zum Thema Alter wecken. Wir sorgen damit für öffentliches Interesse und bieten anderen Vereinen, Organisationen und Projekten eine Plattform für die Präsentation von guten Ideen, die Vernetzung untereinander und den Erfahrungsaustausch.

Wer kann alles bei dem Wettbewerb mitmachen und was erhoffen sie sich von ihm?

Teilnehmen können gemeinnützige Vereine, Stiftungen und Organisationen, die Projekte durchführen, die aktiv alte Menschen mit in die digitale Welt nehmen. Jede Idee ist uns hier willkommen! Bewerber mit einem privatwirtschaftlichen Interesse werden aber als Gewinner ausgeschlossen, da bei „Wege aus der Einsamkeit e.V.“ die Förderung gemeinnütziger und nicht profitorientierter Initiativen im Fokus steht. Jede Idee, jedes Projekt kann Ansatzpunkt sein für Dritte, dieses auch an anderer Stelle umzusetzen. Sei es die Frage, wie man den Umgang mit den Chancen und Risiken der Digitalen Welt am besten vermittelt, oder die pfiffige Idee, wie man die Mittel auftreiben kann, um zum Beispiel Tablets für den eigenen Verein für die Senioren anzuschaffen. Tablets sind hier eine der Schlüsseltechnologien, denn der Umgang mit ihnen ist leichter zu erlernen und wird, so unsere Erfahrungen, von alten Menschen gerne angenommen.


Mit 87 Jahren der erste Kontakt mit einem Tablet:

Erster Kontakt mit Tablet


Teaser & Images by Dr. Jan Kurz


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Merle Miller

Merle Miller

studiert Medieninformatik an der Fachhochschule Flensburg und schnupperte als Praktikantin bei den Netzpiloten erste Redaktionsluft. Nicht nur das Web 2.0 und Online-Medien begeistern sie, auch das Erlernen von Programmiersprachen findet sie faszinierend. Schon bevor das Internet in jedem Haushalt Einzug gefunden hatte, durchforstete sie das World Wide Web auf einem ruckeligen 56k-Modem und lernte früh die spannende Welt der Online-Medien kennen – von Beepworld bis Wordpress.

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