Susanne Liechtenecker

Digitalista: “Frauen in der IT müssen sichtbarer werden”

Die junge Wiener Initiative „Digitalista“ will die weibliche Seite der Online-Branche stärken.

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“Connecting digital women”: Unter diesem Motto versucht die Wiener Initative Digitalista, Frauen in der Online-Branche besser zu vernetzen. Die Mitgründerin Susanne Liechtenecker erklärt im Interview, warum man zuerst das Selbstbewusstsein der Frauen stärken muss, warum Yahoo-Chefin Marissa Mayer ein Vorbild für sie ist und warum man die Mitglieder nicht in der Opferrolle sehen sollte.

Was war der Auslöser, Digitalista zu gründen?

Unsere Obfrau, die Elisabeth Oberndorfer (IT-Journalistin, Anm.), hat Interviews bei Unternehmen angefragt, und die Frauen dort öfters gezögert haben oder sich nicht getraut, etwas zu einem Medium zu sagen. Anders als Männer haben Frauen oft Selbstzweifel, ob sie das überhaupt können. Es sind so kleine Zustände, etwas, dass das Netzwerken unter Frauen schwierig ist. Für Frauen ist es notwendiger, zu netzwerken, und das hat uns in der Online-Branche gefehlt. Vor Digitalista hab ich mir gedacht, Mann oder Frau, alles das Gleiche. Aber wenn man sich genauer damit auseinandersetzt und die Augen aufmacht, sieht man, dass viele Dinge sehr subtil sind.

Was sind die drei großen Ziele von Digitalista?

Ein großes Ziel von uns ist, dass Frauen selbstbewusster werden und etwa auf Panels und Konferenzen sichtbarer werden. Es gibt ja viele Frauen in der Online-Branche, aber es gibt nicht so viele, die auf der Bühne stehen. Weiters wollen wir das Auftreten von Frauen verbessern und ab nächsten Jahr Persönlichkeits-Coachings anbieten. Außerdem wollen wir die Vernetzung der Frauen und ihren Austausch fördern.

Wie kann man die Sichtbarkeit denn erhöhen?

Wir wollen unsere Mitgliederinnen aktiv anstoßen, dass sie sich selbst als Expertinnen sehen. Wenn jemand Know-how hat, kommt sie in unsere Speakerinnen-Datenbank, und auf die kann jeder zugreifen. Außerdem wollen wir aktiv auf Veranstalter zugehen und ihnen unsere Expertinnen empfehlen.

In der jungen Start-up-Szene Österreichs gibt es kaum Frauen. Warum nicht?

Die Finanzierung hängt immer stark von der Qualität der Technologie ab, und es sind eben immer die “technical guys”, die das können. Wenn du dir die Unis anschaust, da ist klar verteilt, wer was studiert. Das gehört unbedingt geändert. Deswegen haben wir eine Kooperation mit der Lern-Plattform Treehouse. Unsere Mitglieder bekommen dort Online-Kurse zu Web-Design und Programmierung günstiger.

Sind Frauen wie Arianna Huffington, Facebook-COO Sheryl Sandberg oder Yahoo-CEO Marissa Mayer Vorbilder für euch?

Ja sehr. Marissa Mayer ist für mich eine sehr spannende Frau, allein, wie sie mit Yahoo kürzlich beim Traffic Google übertrumpft hat. Vor einem Jahr hätte sich niemand erträumt, dass das noch möglich ist, und ich glaube, das allein die PR rund um ihre Person viel möglichgemacht hat. Sheryl Sandberg ist auch super spannend, und im deutschsprachigen Raum fehlt es an den Frauenvorbildern.

Was ist mit Angela Merkel, die wohl mächtigste Frau der Welt?

Die finde ich auch super spannend, aber wird sie wirklich weiblich wahrgenommen? Oder ist sie nur deshalb so akzeptiert, weil sie als sehr männlich wahrgenommen wird? Und nur, wenn sie ein zu tiefes Dekolleté hat, wird ihre weibliche Seite diskutiert?

Angenommen, die Tech-Branche hat 50 Prozent weibliche Führungskräfte – würde etwa das Internet anders aussehen als es aussieht?

Es würde nicht mehr so sehr um die technische Innovation gehen, sondern mehr um den Content. Die meisten Gründer im Silicon Valley sind Männer, und denen geht es darum, was die neueste App am besten kann. Bei Frauen geht es mehr um Content-Plattformen. Es geht uns aber sehr wohl darum, dass sich Frauen mit dem technischen Background auseinandersetzen. Zumindest, wie HTML funktioniert, sollte man wissen, weil man sich sonst in Zukunft schwertun wird. Außerdem würde sich der Arbeitsmarkt ändern, weil mehr Frauen in Führungspostionen heißt auch, mehr Führungspositionen mit Kindern. Die Zeiteinteilung würde sich ändern, und Frauen würden nicht in männliche Rollen gedrängt werden.

Ihr habt euch vor einem halben Jahr formiert. Wie ist das Feedback?

Der Zuspruch ist unglaublich positiv. Unser Ziel war, im ersten Jahr hundert Mitglieder zu haben, und das haben wir binnen zweieinhalb Monaten geschafft. Die Vernetzung bei den Events und Stammtischen entwickelt sich gut, und wir bauen viel neues Wissen auf, das wiederum dem Selbstbewusstsein der Mitgliederinnen zuträglich ist. Weil wer mehr weiß, kann selbstbewusster auftreten. Es gab aber auch einige negative Reaktionen: Einige Männer haben sich angegriffen gefühlt, die sagten: Warum ist das notwendig, in der Online-Branche sind wird doch alle gleich.

Besteht nicht die Gefahr, dass sich Frauen mit Digitalista selbst ghettoisieren?

Wir sagen nicht, wir sind die armen Frauen und werden dauernd diskriminiert, müssen uns jetzt zusammenrotten und auf die feministische Art sagen, es reicht. Ich will nicht, dass wir in dieser Opferrolle gesehen werden, weil das bin ich nicht und das sind alle Gründerinnen nicht. Aber sobald man sich organisiert, wird es so wahrgenommen. Deswegen wollen wir, dass der Netzwerkgedanke im Vordergrund steht, und alle interessierten Männer sind genauso willkommen bei uns und können Mitglieder werden.

Es ist derzeit Wahlkampf – ist die Politik an euch herangetreten?

Nein, aber das würden wir auch ablehnen. Wir sehen das nicht politisch im Sinne einer Quotenregelung. Es ist besser, wenn die Frauen sich alleine stärken und sich gegenseitig helfen.

Und die Wirtschaft, würdet ihr die Hilfe von großen Unternehmen annehmen?

Das ist noch nicht passiert, darf aber gerne passieren. Das fänden wir viel spannender, etwa, wenn eine Konzernchefin ihre Erfahrungen an unsere Mitglieder weitergibt.

Welche Unterstützung würdet ihr euch aus der Männerwelt wünschen?

Weniger Kritik an der Sache an sich, mehr Verständnis und gerne auch den Austausch. Ich habe nichts dagegen, wenn sich die Digitaleros gründen, und wir machen eine Kooperation mit ihnen. Es ist kein Gegeneinander, und diesen Grundgedanken anzunehmen, das würde ich mir wünschen.

Wie profitierst du persönlich von Digitalista?

Ich habe dadurch viele interessante Leute mit spannenden Lebensläufen kennengelernt, das hat mir am meisten gebracht.


Teaser & Image by Privat (via Susanne Liechtenecker)

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Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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