Wie die Digitalisierung kurzen Prozess mit kulturellen Klischees gemacht hat

Löcher in der Zeitung, geheime Gespräche am Münztelefon und falsch gehaltene Landkarten sind Vergangenheit – die Digitalisierung beraubt die Kultur um Klischees. Es gibt seit Jahrzehnten bestimmte Kniffe, die Regisseure und Autoren benutzen, um einer Szene Spannung zu verleihen, einen Dreh in die Handlung zu bringen oder bestimmte Personengruppen abzubilden. Die fortschreitende Digitalisierung hat dazu beigetragen, dass diese klischeehaften Handlungsoptionen mehr und mehr verschwinden. Mittlerweile wird dieser Agententrick wohl nur noch scherzhaft angewandt: Kein ernsthafter Geschichtenerzähler wird seinen Detektiv noch ein Loch in die Zeitung schneiden lassen, damit dieser eine Person beschatten kann. Doch das Schema ist bekannt. Am besten trägt der Protagonist dazu noch einen langen Trenchcoat und Hut. Wer damit angefangen hat, ist nicht mehr zu ermitteln, doch das Prinzip hat sich über Jahrzehnte gehalten. Wer sich beim Trierer Informationsbüro für Kinder einen der Spielekoffer in Detektiv-Ausführung sichert, bekommt sogar direkt eine Zeitung mit Loch. Die Zeitungskrise mit schwindenden Auflagen wird wohl irgendwann (lieber später als früher) dazu führen, dass gedruckte Nachrichten nur noch von Exoten gelesen werden. Wer dann mit einer Zeitung in der Gegend rumsteht oder in einem Café sitzt und sich das Blatt vor das Gesicht hält, fällt unweigerlich auch ohne Loch darin auf. Wer liest heute noch gedruckte Zeitungen? Pff, niemand, wird die Antwort früher oder später heißen. Zeit für neue Überwachungsmethoden. Doch ein Loch ins Tablet oder Smartphone bohren und durch dieses blinzeln, wird keine Lösung sein. Wenn Drohnen erst einmal Einzug in jeden Haushalt gefunden haben, wird sich kein Verbrecher mehr wundern, wenn eine Drohne über ihm surrt. Ist ja vollkommen normal geworden, oder? Der Detektiv von morgen steuert die Beschattung mit dem Smartphone.

Münzzelefon (Image by Hendrik Geisler)
Münztelefon (Image by Hendrik Geisler)
Münzzelefon (Image by Hendrik Geisler)
Münztelefon (Image by Hendrik Geisler)

Das Münztelefon ist ein weiterer Stereotyp, der dem Rezipienten zeigt: „Hier passiert was Geheimes.“ Der Held auf der Flucht muss einen wichtigen Anruf machen? Entweder bricht er bei jemandem ein und benutzt dessen Telefon (siehe „Die drei Tage des Condor“ mit Robert Redford) oder, klar, der Klassiker: Ein Münztelefon. Und wenn ein Bösewicht verhindern möchte, dass er geortet wird, benutzt er auch einen der Fernsprecher. Hier natürlich ganz wichtig: Bloß nicht länger als 15 Sekunden telefonieren, so lange brauchen die Ermittler nämlich, mal länger, mal kürzer. In der klassischen Detektiv-Serie „The Lone Wolf“ wird eine Telefonzelle auch schon mal als klandestines Versteck benutzt. Man könnte meinen, dass Münztelefone bloß noch als Zeugen des Verfalls und der fortschreitenden Digitalisierung als mahnende Beispiele in Städten hängen, die den Passanten sagen wollen: „Auch ich war früher unersetzlich. Jetzt seht mich an!“ In Köln hängt ein besonders schönes Exemplar. Der Hörer ist mitsamt Schnur abgerissen worden, ein paar rote Kabel kommen aus der Verkleidung, und an der Seite hängt ein Schild: Öffentlicher Fernsprecher. Ganz ehrlich: Wer hat das letzte Mal eine Telefonzelle benutzt außer als Schutz vor Regen (klassische, gelbe Ausführung) oder weil sie einen Hot Spot hat (pinke Telekom-Version)? Ein direkter Ersatz für das Münztelefon als Mittel des Erzählens ist aber nicht in Sicht. Für geheimes Telefonieren reicht es auch nicht, die Nummer auf dem Handy zu unterdrücken. Wer schon einmal erlebt hat, wie detailliert Ermittler heutzutage den Standortverlauf eines Handys nachvollziehen können, weiß, dass sie dafür keine 15 Sekunden in der Leitung sein müssen. Der Verbrecher muss dafür nicht mal telefonieren. Dass das Handy angeschaltet ist, reicht schon aus. Eine Handlungsoption, die auch immer wieder in Stories eingebaut wurde, war das falsche Halten einer Landkarte. Ein Roadtrip endet im Nirgendwo, eine Familie im Urlaub landet am falschen Ort und die Schatzsucher sind auf dem Holzweg. Da hat doch wieder einer die Landkarte auf dem Kopf gelesen. Wer als Geschichtenerzähler glaubhaft die Gegenwart abbilden will, wird auf andere Mittel zurückgreifen müssen. Landkarten sind noch immer ein gutes Mittel – halt dann, wenn der Handy-Akku leer ist. Natürlich kann das Orientieren mit einer Landkarte noch etwas Abenteuerliches und Aufregendes an sich haben, aber Navigationsdienste auf dem Smartphone sind so viel praktischer. Allein die Aufgabe, eine Karte wieder richtig zu falten, ohne dass man sie zerreißt, kann eine schwierige Aufgabe sein. Und dann erst mal herauszufinden, wo man eigentlich ist. Viel zu umständlich. Puristen werden mir widersprechen, aber ich meine: Papierlandkarten werden wieder wichtig, wenn die Zombie-Apokalypse kommt und das Internet zusammenbricht. Selbst eigenstehende Navigationssystem sind schon überflüssig geworden. Es gibt noch mehr Beispiele für das Verdrängen erzählerischer Klischees durch die digitalisierte Gegenwartstechnik. Zum Beispiel der Polizist, der Cop, der nachts durch das schrille Klingeln seines Telefons geweckt wird. 2016 stellt er mit einem Handgriff das Smartphone lautlos und schläft ohne Unterbrechung. Oder der Haufen von Papierkugeln, den ein Schriftsteller oder Journalist produziert, weil der von ihm gewählte Ansatz wohl doch nicht der richtige war. Hat er einen Einstieg geschrieben, der ihm kurz darauf nicht mehr gefällt, löscht er ihn heute einfach und schreibt einen anderen. Der Cursor, der die Wörter frisst, ist das Motiv, das als Ersatz gewählt werden kann. Kultur ist immer ein Spiegel der Realität. Und die Realität ist heute, dass das Digitale zum Alltäglichen geworden ist. Jeder trägt sein Telefon mit sich rum und ebenso die Landkarte. Wir sind leichter zu verfolgen und das, was wir mit unseren Geräten produzieren, schlechter greifbar. Kulturmacher haben auch die Aufgabe, Wege zu finden, unsere Lebenswirklichkeit zu zeigen. Es ist eine andere geworden. Auch Stereotype ändern sich.


Image (adapted) „she spy“ by Kangrex (CC BY 2.0)


Schlagwörter: , , , , , ,
Hendrik Geisler

Hendrik Geisler

hat Anglistik, Amerikanistik und Geographie studiert. Er volontiert beim Kölner Stadt-Anzeiger und schreibt für die Netzpiloten die Kolumne "Zurückgeblättert" und Texte über die Entwicklung der Medien.

More Posts - Twitter - Facebook