Das Café, in dem Sascha Lobo die E-Mail für tot erklärte


Dieser Beitrag ist Teil einer Artikelserie in Kooperation mit Microsoft, die sich mit der Digitalisierung in kleinen und mittleren Unternehmen auseinandersetzt:


Das St. Oberholz am Rosenthaler Platz in Berlin ist das wohl bekannteste Café der deutschen Startup-Szene. Hier wurde fast (aber auch nur fast) Coworking erfunden, mit SoundCloud Berlins einziges Unicorn-Startup gegründet, Zalando traf sich im ersten Stock mit ihren ersten Investoren und in dem Coworking Space des St. Oberholz haben einst Startups wie Deliveroo und HelloFresh angefangen.

Aber auch ein Ort wie das St. Oberholz hat inzwischen eine fast zwölf Jahre lange Entwicklung hinter sich. Was sich in dieser Zeit alles veränderte, wie digital die Gastronomie heute arbeitet und was noch immer besser auf die altmodische Art und weise klappt, erklärt Ansgar Oberholz, Gründer und Namensgeber des St. Oberholz, im Interview mit den Netzpiloten.

Ansgar-Oberholz_middle_by_Carolin-Saage
Der Gastronom der Berliner Startup-Szene: Ansgar Oberholz.

Wie viel Digitales steckte schon im Sommer 2005 im St. Oberholz, als du zusammen mit deiner heutigen Frau Koulla Louca das Café eröffnet hast?

Wir verschickten unsere wöchentliche Lunchkarte per E-Mail an die umliegenden Agenturen. Und gaben Ihnen den Rat, eine Mailadresse mittagessen@agenturxyz.de einzurichten, damit alle Mitarbeiter diese Mail abonnieren konnten. Das war damals ziemlich weit vorne. Denn Gastronomie und Digitales waren nicht wirklich miteinander verwandt. Aber natürlich war das freie Wifi für die Gäste digitale Herzstück des Unternehmens.

Heutzutage gibt es für fast alles eine App. Wurde im Jahr 2005 wirklich alles noch auf Papier und dem Fax-Gerät organisiert oder ging es „moderner“ zu?

Lieferanten wollten Bestellungen gefaxt haben und haben ihre Angebotslisten auch wöchentlich per Fax verteilt. Aber das wichtigste Tool für Gastronomen im Jahre 2005 war das Telefon. Die meisten Bestellungen und sonstigen Abläufe organisierte man mündlich darüber.

Wie habt ihr beispielsweise Schichtpläne für die Belegschaft im Café organisiert?

Ursprünglich wollten wir die Schichtpläne per E-Mail als PDF verschicken. Es gab damals noch kaum Kalenderdienste wie heutzutage, die wurden erst später gestartet. Aber es gab zu viele Mitarbeiter, die entweder keine E-Mailadresse hatten oder aber das Abrufen ihrer Mails sogar nicht als Push-Dienst verstanden und nur alle paar Tage mal E-Mails in einem Internet-Café abriefen. Manche hatten auch einfach keinen Internetzugang.

Somit schwenkten wir zum guten alten Dienstplan zurück, der im Keller an der Wand hing und auf dem die Mitarbeiter ihre Schichten ablesen konnten. Auch hier war das Telefon wichtig, denn man rief die Kollegen während ihrer Schicht an, damit sie mal auf dem Plan im Keller schauen konnten, wann die nächste Schicht sein würde. Immerhin war das Festnetztelefon im Café bereits drahtlos, sonst hätte das Kabel gar nicht bis in den Keller gereicht.

Wann und was haben eigentlich eure Gäste an digitalisierten Diensten von euch eingefordert und was habt ihr von euch aus angeboten?

Auf dem Tresen hatten wir eine Liste ausliegen, auf der Gäste ihre E-Mailadressen hinterlassen konnten, um unseren Newsletter zu empfangen. Im Sommer 2007 hatte Sascha Lobo, der damals Stammgast war, quer über die Liste geschrieben: „twitter.com/saschalobo checkt das aus. E-Mail ist tot.“ Spätestens da haben wir begonnen, uns mit Social Media zu beschäftigen.

Nach kurzer Zeit hatten wir zwei Stammgäste, die ein starkes Eigeninteresse entwickelten, unser WiFi stabil und schnell zu machen. Beides waren Systemadministratoren von Beruf. Sie brachten ungefragt getunte Router mit, die wir dann gemeinsam verkabelten und in Betrieb nahmen. Der Linksys WRT54 war beliebt, da man die Firmware durch Open-Source-Software ersetzen konnte. Mit OpenWrt konnte man dann beispielsweise viele wechselnde Nutzer besser organisieren als mit den handelsüblichen Geräten. Da die beiden sowieso täglich zu Gast waren, hatten wir auch einen super Support. Ein organischeres Crowdfunding, ist mir seitdem nicht mehr untergekommen.

Welchen Digitaldienst der letzten Jahren fandest du aus Sicht eines Gastronoms am besten und was funktionierte überhaupt nicht?

Aus gastronomischer Sicht sind sicherlich die iPad-Kassensysteme, die sich über das Internet steuern lassen, die wichtigste und mächtigste Neuerung. Was nach wie vor verbesserungswürdig ist, sind alle Online-Schichtverwaltungssysteme. Vor allem bei der Vergabe von offenen Schichten an die „Mitarbeiter-Community“ scheint die analoge Welt recht resistent zu sein. Das Telefon als effektivstes Gerät schlägt noch lange alle halbautomatischen Prozesse einer Schichtplansoftware.

Du warst Juror beim Gastro-Gründerpreis 2016 gewesen. Wie ist dein Eindruck vom Status Quo der Digitalisierung der Gastronomie? What’s next?

Business Intelligence wird immer wichtiger, denn die Branche hat sich selbst bei kleineren Betrieben professionalisiert. Es geht gar nicht mehr anders. Aber immer öfter habe auch ich das Gefühl, dass vor lauter Technikgläubigkeit das eigentliche Produkt vernachlässigt wird. Dann nützt auch die beste digital Strategie nichts.

What’s next? Ich glaube, die größte Veränderung im Foodbereich findet im Zusammenhang mit sich rasant entwickelnden Lieferservices, deren Akzeptanz und der daraus veränderten Märkte, statt. Unter anderem glaube ich, dass genau deshalb aber der Restaurantbesuch wichtiger wird und der Kunde neben dem Vorgang der Nahrungsaufnahme immer dringender noch andere, eher weiche Effekte konsumieren will. Das wird die Gastronomie indirekt verändern. Im besten Fall verlässt der Gast mit einem gefühlten Distinktionsgewinn das Lokal. Und bestellt am nächsten Tag die Produkte zu sich nach Hause.


Image (adapted) „St. Oberholz am Rosenthaler Platz in Berlin“ by Tobias Schwarz


Schlagwörter: , , , , , , ,