Der Digitale Wandel an den Hochschulen – eine Themaverfehlung?

Ob BWL, Jura, Politikwissenschaft oder Lehramt, nur ein winziger Bruchteil der Akademiker dieses Landes ist nach dem Studium fit für die digitale Welt. Die Curricula in unserem Hochschulsystem sind gnadenlos veraltet und bilden am digitalen Wandel vorbei aus. Besonders fatal ist dies bei Studiengängen, die mehrheitlich die Führungskräfte in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft stellen. Weder der Umgang mit digitalen Technologien noch das gesellschaftspolitische und ökonomische Verständnis der digitalen Transformation ist umfänglich in den Köpfen von Hochschulrektoren, Professoren und Studenten angekommen. Was machen wir dagegen?

Welche Kompetenzen brauchen Führungskräfte?

Es klingt nach einer Plattitüde, aber die heutige Welt ändert sich rasant, und die Digitalisierung durchdringt alle Lebensbereiche. Es gibt ganz einfach keinen Aspekt der Arbeitswelt, der nicht durch Vernetzung und Digitalisierung mittel- bis hochgradig verändert ist oder wird. Das erfordert von Führungskräften ein mindestens grundlegendes Verständnis der Technologien und Entwicklungen, die für unsere Gesellschaft prägend sind.

Es braucht kein Informatikstudium, um grundlegende Funktionsweisen des Internets, der Digitalisierung und Web-Technologien zu verstehen. Genauso ist es relevant, wichtige regulatorische Debatten zu kennen, mit allgemeinen Sicherheitsproblematiken vertraut zu sein und ein Gefühl für den Markt an digitalen Werkzeugen, Hard- und Software zu haben. Von Urheberrecht, Datenschutz und Grundrechten sollte jeder schon einmal gehört haben.

Führungskräfte aller Disziplinen müssen heute die Entwicklungen von Internetregulierung genauso im Auge haben wie Aktienkurse oder Umfragewerte, sie müssen von Open Source genauso gehört haben wie von der DIN-Norm, und man muss von jungen Menschen ganz einfach eine gewisse digitale Grundbildung nach mehreren Jahren des Studiums erwarten können.

Gleichzeitig müssen Führungskräfte grundlegende Fähigkeiten haben, um in einer vernetzten Welt bestehen zu können. Dazu gehört neben dem Wissen über die Digitalisierung auch kollaborative Arbeitsmethoden, ein aufgeklärtes Verhältnis im Umgang mit Maschinen, die Bereitschaft für lebenslanges eigenständiges Lernen, die Arbeit in flachen Hierarchien und agilen Organisationen, sowie der Einsatzfähigkeit in sich rapide wandelnden Branchen.

Wie schlimm steht es um die aktuelle Generation?

Die wenigsten Hochschulen haben heute den Spielraum und die Ressourcen, Themen des digitalen Wandels, adäquat in den Curricula unter zu bringen. Der Bologna-Prozess wurde von den meisten Unis dahingehend umgesetzt, die Studiengänge größtenteils zu verschulen, und mehr Studenten in weniger Zeit zu Abschlüssen zu transportieren.

Auch die Mittelallokation für Hochschulen nach Stichtagsprinzip für das erste Hochschulsemester ist fragwürdig und führt zu falschen Anreizmechanismen, wie Hochschule ihre Resourcen verwaltet. Es bleibt kaum Zeit für Wahlfächer, Projekte oder interdisziplinäre Forschungsvorhaben.

Zum einen gibt es keine Anreize für Studenten, sich nicht-vorgeschriebenen Themen zuzuwenden (vor allem nicht am Anfang von Studiengängen und erst recht nicht in relativ konservativen Studiengängen wie den Rechtswissenschaften), zum anderen fehlt schlichtweg das Angebot.

Methodisch stecken die meisten Studiengänge ebenfalls im letzten Jahrhundert fest. Zu viel Frontalbeschallung und Massenabfertigung, zu viel Individualismus. Es wird wenig in Gruppen, Projekten oder gar im Dialog gearbeitet. Von Anreizen für die Schulen selbst, sich zu optimieren, ganz zu schweigen.

Von den Hochschulführungen bis hinab in die Sekretariate ist man in einer Welt von Papier und Bürokratie verloren, man mag es oft nicht glauben, aber wer an seine Studienzeit zurück denkt, weiß, wie bis auf wenige Ausnahmen so eine Hochschule noch im Vorgestern steckt. Das Resultat sind ganze Absolventenjahrgänge, in denen man Führungskräfte mit digitalen Kompetenzen mit der Lupe suchen muss.

Wo sich was tut

Über die Republik verteilt gibt es vereinzelt Professoren und Dozenten, die versuchen, oft auf Eigeninitiative oder mit Drittmitteln, digitale Themen an die Studenten zu vermitteln. Doch diese Inseln der Hoffnung führen nicht weit. Wir können es uns systemisch nicht erlauben, die Weichenstellung für die Zukunft ein paar Einzelkämpfern anzuvertrauen, die lobenswert gegen die staubige Bürokratie unseres Systems ankämpfen, das nach wie vor so tickt wie in den 50ern, Absolventen ausspuckend, die auf eine Arbeitswelt treffen, der sie fachlich nicht mehr gewachsen sind. Flickschusterei statt Digitalisierungsstrategien sind keine nachhaltige Lösung.

Sowohl Universitäten als auch die sogenannten “Professional Schools” (private oder öffentliche Graduiertenschulen, die zum Beispiel die noch relativ jungen “Public Policy”-Studiengänge oder andere Masterabschlüsse in Spezialfächern anbieten) schneiden schlecht ab. “Irgendwas mit Internet” findet man höchstens in den Bereichen Medien und Kommunikation (hierzu gehört beispielsweise politische Kommunikation oder PR), IT-Recht oder der klassischen Informatik. Aber nicht einmal Letztere ist den Anforderungen der heutigen Branche gewachsen. Oft liest man Beschwerden aus der Wirtschaft, dass junge Informatiker für Startups ungeeignet sind und selbst gar nicht gründen.

Ich selbst unterrichte auch an einer Public Policy School, an der es neben meinem Seminar ebenso kaum digitale Themeninhalte im Curriculum gibt. Kurse dieser Art ziehen zudem meist keine 10 Prozent eines Studienjahrgangs an. Man könnte nun auch das Problem bei der mangelnden Nachfrage suchen, allerdings macht man das bei anderen Themen auch nicht. So gibt es haufenweise Inhalte, die seit Jahren oder Jahrzehnten zum Standard gehören oder vorausgesetzt werden. Ich musste für mein Masterstudium innerhalb weniger Monate meine gymnasialen Mathematikkenntnisse auffrischen, einfach nur, weil es in der Studienordnung stand.

Ein Pflichtkurs in den Fächern Politikwissenschaft oder Demokratie gab es nebenbei bemerkt auch nicht, wohl gemerkt an einer Public Policy School. Aber ich schweife ab, ich will damit nur sagen: die digitalen Themen sind selbstverständlich nicht die einzigen, die vielerorts unterbelichtet bleiben, sie haben aber eine neue Querschnittsqualität.

Der Ausweg ist politisch

Da Universitäten, wie viele andere starre Organisationen, oft nur das Nötigste tun, vor allem angesichts angeblich klammer Kassen (dass Schäuble Steuereinahmen in Rekordhöhe verzeichnet, der Haushalt ausgeglichen ist und die Wirtschaft stark genannt wird, stört die Politik wenig, investiert in die Zukunft wird quasi nicht), muss die Lösung auch dort gesucht werden, wo der Handlungsrahmen gesetzt wird. Doch wenn man mal Menschen aus den Kreisen der Kultusministerkonferenz (KMK) bei Vorträgen zum Thema zugehört hat, will man am liebsten von einer Klippe springen. Es gibt wenige Gremien in diesem Land, die jahrelang so gebremst haben wie dieses. Hier also Fehlanzeige.

Nächster Adressat wären die Hochschulrektoren, auch die treffen sich in einem Gremium (der Hochschulrektorenkonferenz, HRK), aber deren Handlungsspielraum ist auch eher begrenzt, was nicht heißt, dass innerhalb der Hochschulen nicht mehr getan werden könnte. Veränderern und Reformern innerhalb der eigenen Organisation den Rücken zu stärken, würde bereits ein positiveres Klima schaffen, mehr Spielraum bei der Drittmittelakquise könnte potentiell auch viele eigene Schwachstellen ausgleichen.

Letztes Jahr wurden beim “Hochschulforum Digitalisierung” auch eifrig Thesen zur Reform aufgestellt. Das liest sich ganz gut, ist diplomatisch formuliert und sagt wenig Neues. Ein Papier, wie man es auch vor 5 bis 10 Jahren schon hätte verfassen können. Was auffällt ist der minimalistische Ton des Papiers. Es ist eine extrem zaghafte Annäherung an das Thema, auf die Füße treten will man niemandem.

Was ich an der ganzen Veranstaltung vermisst habe,war, dass über die Reform der Systeme selbst und das Verständnis der Digitalisierung gesprochen wurde. Es ging hier immer um das “Wie” der Lehre, nicht um das “Ob und Wie” der Hochschulen oder das “Was” in der Lehre. Das ist fatal. Dazu kommen die eher einseitige Besucherzusammensetzung der Veranstaltung und die Wahrscheinlichkeit, dass im Nachgang nur sehr wenig passieren wird.

Wohin müssen wir uns bewegen?

Die meisten systemischen Probleme in Bezug auf den digitalen Wandel ließen sich eigentlich durch politische Erkenntnis und Veränderungswillen von oben lösen. Doch es fehlt oft sowohl an Erkenntnis als auch Wille (das eine bedingt das andere). Es kann daran liegen, dass diejenigen, die etwas ändern könnten, zu stark den traditionellen Strukturen behaftet sind, denen sie entstammen. Wie auch in der Politik, so hat man die Digitalisierung hier nicht einmal im Ansatz verstanden.

Universitäten sind leider noch immer keine effizienten, modernen Organisationen, sondern zähe Bürokratien und politische Pfründe. Es muss im Kern umgedacht werden. Es braucht umfassende digitale Strategien, die mit dem Föderalismus kompatibel sind, aber den Hochschulen und Bildungssystemen der Länder gleichzeitig eine Richtung vorzeichnen und Anreizsysteme schaffen, um Modernisierung schneller und nachhaltig mitzugestalten.

Es braucht daher Führungskräfte an den Hochschulen und in den Gremien (KMK, Bildungsministerien, etc.) mit mehr Weitblick, Interdisziplinarität, Unternehmergeist und Lösungsorientierung – statt Karrierebürokraten, akademischer Titel oder politischer Verbindungen. Es braucht Reformstrategien für die Hochschulen, die auf Ebene Eins ganzheitlich die Curricula dahingehend anpasst, digitale Themen zu Kernkompetenzen auszubauen, und auf Ebene Zwei die Hochschulen selbst digital besser aufstellt, sowohl personell als auch strukturell.

Hochschulen brauchen Digitalisierungsstrategien, die ihre spezifischen Profile unterstützen. Dies ist in Deutschland quasi noch nicht angekommen, Beispiele gibt es vor allem aus dem Ausland. Hier ist auch mehr Druck auf die Politik gefragt, Bremsklötze wie Urheberrecht, Datenschutz und Föderalismus so zu reformieren, dass es ermöglichende gesetzliche Rahmenbedingungen sind, nicht hinderliche.

Ausblick

Ich hoffe sehr, dass mehr Graduate Schools und andere Studiengänge erkennen, dass am Bedarf vorbei ausgebildet wird. Es muss interdisziplinärer und nachhaltiger gedacht werden, denn gerade die Fachbereiche, aus denen unser System seine Führungselite rekrutiert, müssen eine zukunftsorientierte Ausbildung anbieten, zu der Wissen um den digitalen Wandel im Kern gehören.

Wenn schon die Schule diese Grundlage in einem föderalen Gemeinwesen nicht schafft, muss die Hochschule es versuchen. Das grenzt dann zwar signifikante Kohorten eines Jahrgangs aus, die eben nicht an einer Hochschule ihren Bildungsweg fortsetzen, doch irgendwo muss begonnen werden. Ansetzen müsste man auch schon in den unteren Semestern.

Ein sinnvoller Anfang könnte sein, existierende Pilotprojekte schneller in den Regelbetrieb zu nehmen, digitalen Einzelkämpfern an den Hochschulen den Rücken zu stärken, sowie bei der Besetzung von Professuren digitale Kompetenzen und Themen zu einem Kriterium zu machen.


Image “lecture hall” by Markus Spiske (CC BY 2.0)


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Sebastian Haselbeck

Sebastian Haselbeck

ist ehemaliger Geschäftsführer des Internet & Gesellschaft Collaboratory. Aktuell ist er Gastdozent an der Willy Brandt School of Public Policy, und berät verschiedene Organisationen in digitalpolitischen Fragen. Privat betreibt er eine Vielzahl von Onlineportalen über interessante Filmgenres.

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