Digitale Lösungen für analoge Probleme – Reloaded

Vor nunmehr 4 Jahren hatte ich an dem spannenden Buchprojekt Reboot_D von Ulrike Reinhard und Hendrik Heuermann mitgewirkt, in dem es darum ging, die analoge Welt mit digitalen Vorzeichen neu zu denken. Unter der Überschrift „Digitale Lösungen für analoge Probleme“ hatte ich mich gefragt, in welcher Weise bis dato die Digitalisierung zur Lösung politischer Probleme beigetragen hatte und warum dies in analogen Zeiten vorher nicht möglich gewesen war.

Mit Blick auf die fehlende Nachhaltigkeit unserer Lebensweise, den Klimawandel und die Änderung nicht-nachhaltiger Geschäftspraktiken skrupelloser Alt-Unternehmen, die mit Hilfe von manipulierter Software unserer aller Lebensgrundlage zerstören helfen, ergibt sich erneut die Frage, wie man mit digitalen Tools und Produkten die Welt ein kleines bisschen besser gestalten kann. Einige Filme und Keynotes der letzten Tagen haben aus meiner Sicht gezeigt, wie dies vonstatten gehen könnte.

Der im Netz viel diskutierte desaströs Beginn (Stichwort: Digitale Demenz bei Anne Will) der ARD Themenwoche zur Zukunft der Arbeit hat wieder eines gezeigt: Es fehlt in Deutschland an Vordenkern, die uns einen (Aus-) Blick auf globale Trends und Themen zeigen können und es fehlt weiterhin an entsprechenden Altmedien, die in der Recherche relevanter Themen und dieser internationalen Vordenker auf der Höhe der Zeit sind. Wie kann es sein, dass uns ausgerechnet der Altmeister des deutschen Films Werner Herzog mit über 70 Jahren mit „Lo and Behold“ einen spannenden Blick auf die Zukunft des Internets, der Robotik und damit der Gesellschaft zeigt?

In dieser Woche hatte ich aber Gelegenheit, weitere drei Filme bzw. Präsentationen zu schauen, die uns zeigen, wie sich Geschäftsmodelle mit Hilfe von Blockchain in Richtung sozialer Nachhaltigkeit ändern können (Don Tapscott), in welcher Weise Geschäftsmodelle ökologische Nachhaltigkeit fördern können (SolarCity) und warum wir ein Interesse an diesen Änderungen haben sollten (Leonardo DiCaprio).

National Geographic hat seit drei Tagen den Klimawandel-Film von Leonardo DiCaprio „Before the Flood“ in seinem YT-Channel freigeschaltet. Der Kampf gegen den Klimawandel und die Förderung der Solarindustrie, alles dies waren mal deutsche Kernkompetenzen. Aus und vorbei. Im Film von LDC wird stattdessen die Giga-Factory von Tesla gezeigt und das Geschäftsmodell und die Mission dahinter vorgestellt.

In welchem Kontext die Giga-Factory zu verstehen ist, kann man erahnen, wenn man die aktuelle Keynote von Elon Musk zur Vorstellung des Konzepts der Solardächer anschaut. Die Keynote – unter freiem Himmel – als Chef eines Industrieunternehmens mit der Botschaft zu beginnen, dass 404 ppm CO2 Antrieb für deren Überlegungen sei, ist gerade aus deutscher Sicht erstaunlich. Man stelle sich Zetsche oder Müller vor, wie sie versuchen, „Nachhaltigkeit“ mit ihren Produkten zu bewerben. Was die Keynote zeigt, ist die Erkenntnis, dass Nachhaltigkeit und Business sich nicht ausschließen sondern ganz im Gegenteil gegenseitig bedingen.

Ebenso wie Jobs versteht es Musk, eine Sache, die die Menschen bewegt, mit einem Industrieprodukt und einer Dienstleistung zu verbinden. Wen erinnert der Dreiklang in der Musk-Keynote – Generation, Storage, Transport – und die daraus folgende Ableitung des Produkts nicht an die Jopbs-Keynote zur Vorstellung des iPhones, der damals in ähnlicher Weise drei Produkte zu einem neuen verbünden hatte. Haus, Auto und Energie integriert zu betrachten, ist im Grunde genommen so naheliegend und bleibt schnell im Kopf hängen. Und schon fragt man sich, wieso dies bisher immer getrennt betrachtet worden ist.

Wie sich Geschäftsmodelle mit Hilfe der Blockchain-Protokolle schließlich komplett erübrigen können und inwiefern dies allen Menschen im Sinne sozialer Nachhaltigkeit zugute kommen kann, stellt Don Tapscott in seinem aktuellen TED-Talk vor. Zwischenhändler, die sowieso nur abkassieren, Gatekeeper sind und Ungleichheiten verstärken, können mit der Blockchain-Technik komplett eliminiert werden. Tapscott nennt als Beispiele die Sicherung von Eigentumsrechten bezogen auf Landbesitz, das Peer2Peer-sharen, die individuelle Datensouveränität und die unmittelbare Entlohnung von Inhalte-Schaffenden.

Alle Filme zusammen genommen zeigen uns ein Bild auf, warum es nicht nur Technik ist, über die wir reden sondern warum Technik soziale und politische Implikationen hat und warum dies den herrschenden Akteuren – Ölkonzernen, Banken, Blechebiegern – nicht gelegen kommt. Denn: Es geht um Macht.


Image „glühbirne“ by jniittymaa0 (CC0 Public Domain)


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Ole Wintermann

Ole Wintermann

arbeitet seit 2002 bei der Bertelsmann Stiftung. Zuvor war er an den Universitäten Kiel und Göteborg und bei der Gewerkschaft ver.di tätig. Er baute in den letzten Jahren die internationale Bloggerplattform Futurechallenges.org auf, bloggt privat auf Globaler-Wandel.eu, ist Co-Founder der Menschenrechtsplattform Irrepressiblevoices.org (http://irrepressiblevoices.org/) und engagiert sich im virtuellen Think Tank Collaboratory.

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