Digitale Hilfe für Flüchtlinge zwischen Regierung und Zivilgesellschaft

Im Netz finden sich viele wichtige Informationen für Flüchtlinge und Helfer. Online-Angebote der Bundesländer setzen dabei auf ganz unterschiedliche Formate.

Das Netz ist beim Geschehen um Flucht und Aufnahme von Flüchtlingen nicht nur ein Ort polemischer Auseinandersetzung sondern auch spontaner Selbstorganisation. Dies betrifft die Flüchtlinge, für die Smartphones und soziale Netzwerke essenzielle Instrumente sind, aber auch die Flüchtlingshilfe, in deren Kontext sich bislang nicht vernetzte Freiwillige zuweilen grenzüberschreitend koordinieren. Politisch-administrative Angebote können diese Dynamik nur mit einigem Zeitverzug nachvollziehen. Die betreffenden Plattformen verfolgen dabei diverse Ziele, wie ein Blick auf drei Bundesländer zeigt.

Relativ früh war die hessische Landesregierung mit einem Online-Angebot am Start, allerdings handelt es sich dabei lediglich um eine themenspezifische Variante des Portals hessen.de. Ebenso wie die Landesministerien dort eigene Dependancen unterhalten, gibt es jetzt fluechtlinge.hessen.de. Und im selben Format wie bei Finanzen oder Wirtschaft werden hier maßgeblich einschlägige Inhalte aus der Öffentlichkeitsarbeit der einzelnen Ressorts sowie der Staatskanzlei präsentiert.

Insofern wird hier vor allem über die aktuelle Arbeit der Administration berichtet, sowie dem deutschsprachigen Publikum die Einrichtungen und Maßnahmen der Asylpolitik erklärt. Abgesehen von einem Formular zur Einreichung privater Unterkunftsangebote für Asylbewerbende, wird für Mitmach-Möglichkeiten eher auf existierende respektive externe Angebote verwiesen, wie die als Schnittstelle zwischen Hilfsgesuchen und Hilfsangeboten konzipierte Plattform peoplelikeme.hr.de, für die der Hessische Rundfunk verantwortlich ist.

Ein solches Matching-Tool bietet in Nordrhein-Westfalen die Landesregierung selbst an: ich-helfe.nrw ist eine Börse, die die Zivilgesellschaft bei der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe unterstützen soll. Dazu werden lokale Initiativen inklusive ihres Bedarfs an Sach-, Zeitspenden und insbesondere Übersetzungsleistungen erschlossen. Das ist praxisnah, doch bevor Interessierte zur zentralen Eingabemaske gelangen, sollen sie dann doch erst ein Video der Ministerpräsidentin zur Kenntnis nehmen, in dem Hannelore Kraft das Angebot vorstellt.

Wenig politische PR trotz Wahlen

Konsequent an Flüchtlingen als Zielgruppe orientiert, zeigen sich hingegen zwei Angebote aus Rheinland-Pfalz. Das beginnt bei der Ausrichtung am englischen Begriff “refugee” bei refugees.rlp.de und einer Ausführung der Inhalte in drei Sprachen – derzeit Deutsch, Englisch und Arabisch, weitere sollen folgen. Geliefert werden vorrangig Informationen zum Asylverfahren und zum Leben in Deutschland. Hilfreich dürfte für Flüchtlinge sein, dass die Darstellung für die Anzeige auf Mobilgeräten gut geeignet ist.

Dies gilt auch für ein spezialisiertes Angebot, das die Studienmöglichkeiten für Flüchtlinge im Bundesland vorstellt. Der konkrete Weg zum Studium lässt sich unter studium-fluechtlinge-rlp.de schrittweise durch Beantwortung von Fragen ermitteln. Interessant ist, dass die rheinland-pfälzische Regierungskommunikation im Vergleich am wenigsten Aspekte politischer PR aufweist, obgleich hier bald Landtagswahlen anstehen, und die aktuelle Stimmungslage für die rot-grüne Koalition den Erhebungen des ZDF-Politbarometers zufolge nicht gerade günstig aussieht.

Civic Tech und E-Government

Bei der adäquaten Aufbereitung von Inhalten durch Online-Angebote, die sich am Informationsbedarf der Flüchtlinge orientieren, lassen sich Defizite bei der Regierungskommunikation noch durch bürgerschaftliches Engagement kompensieren wie zahlreiche “Civic-Tech”-Projekte zeigen.

Die eigentliche Herausforderung liegt für staatliche Stellen derzeit bei der Registrierung, wie der Sprecher des Deutschen Städte- und Gemeindebunds, Franz-Reinhard Habbel, in einem umfangreichen Überblick unter dem Titel “Integration durch Digitalisierung” zeigt. Die aktuelle Situation offenbart nämlich den digitalen Modernisierungsbedarf der Verwaltung und die nach wie vor bestehende Notwendigkeit eines entsprechenden Mentalitätswandels: Es geht nicht um die Einführung und Nutzung proprietärer Software für spezialisierte IT-Problemlösungen, sondern um E-Government-Konzepte, die sich an Partizipation, Responsivität und Transparenz orientieren.

Eine solche Transformation maximiert dann wiederum die Möglichkeiten für kollaborative Projekte einer digitalen Zivilgesellschaft, die im Zuge der Flüchtlingshilfe auch in Deutschland an Kontur gewonnen hat.


Teaser & Image “smartphone teen” by Pabak Sarkar (CC BY 2.0).


 

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Erik Meyer

Erik Meyer

ist Politikwissenschaftler und arbeitet freiberuflich als Online-Redakteur sowie Dozent in der politischen und beruflichen Weiterbildung. Zu seinen Schwerpunkten zählt Erinnerungskultur 2.0, Netzpolitik und politische Online-Kommunikation.

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