Digital Detox wird auch in Deutschland immer wichtiger (Bild: Paynes Hut [CC BY 2.0], via Flickr)

Digital Detox: Die entdigitalisierte Gesellschaft

Als im Jahr 1994 die US-Amerikaner Henry Labalme und Matt Pawa eine „Screen-free Week“ ins Leben riefen, reagierten die meisten Menschen eher skeptisch. Doch heute, zwanzig Jahre später, erscheint solch ein Konzept wichtiger denn je.  // von Niklas Möller

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Durch Smartphones ist man heute immer und überall online. Dass diese ständige Erreichbarkeit, die das Leben zwar in vielerlei Hinsicht erleichtert, jedoch nicht nur positive Folgen nach sich zieht, sollte dennoch für jeden erkennbar sein. Immer mehr Menschen sind bei der Arbeit aber auch privat einem ständigen Leistungsdruck ausgesetzt. Im schlimmsten Fall kann die Digitalisierung dabei zu einem Burnout führen.


Warum ist das wichtig? Dank Smartphones und Internet wird unser Leben heute immer mehr digitalisiert. Doch das hat nicht nur positive Folgen.

  • In Deutschland ist die Anzahl der Burnouts in den letzten Jahren um ein Vielfaches angestiegen – eine Folge der digitalisierten Welt

  • Digital Detox Camps wie das Camp Grounded ermöglichen es uns, sich wieder auf sich selbst und die eigene Umwelt zu besinnen.

  • Auch große Internetfirmen wie Facebook und Google haben das Potenzial des Digital Detox für sich entdeckt und schicken ihre Mitarbeiter in die Camps


Damit es gar nicht erst so weit kommt, gibt es jetzt einen Ausweg aus der Flut an Informationen, der ständigen Erreichbarkeit und dem erhöhten Leistungsdruck. Digital Detox nennt sich der neueste Trend, der derzeit direkt aus dem Silicon Valley nach Deutschland schwappt. Das sind Ferienlager der etwas anderen Art für Erwachsene. Wie der Name schon sagt, handelt es sich hierbei um eine „digitale Entgiftung“, die Teilnehmer verzichten während der Zeit auf jegliche Art von digitalen Geräten: kein Facebook, Twitter, E-Mails, Fernsehen oder Smartphone.

Digital Detox erreicht Deutschland

Das wohl bekannteste dieser Camps ist das 2013 gestartete Camp Grounded, nur wenige Stunden von San Francisco entfernt gelegen, das in seinem zweiten Jahr aufgrund der hohen Nachfrage auf mehrere Termine ausgeweitet wurde. Hunderte Besucher strömen hierhin, um für ein paar Tage der ständigen Erreichbarkeit und der Abhängigkeit der digitalen Welt zu entfliehen. Die Teilnehmer konzentrieren sich hier nur auf sich und ihre Umwelt. Zahlreiche Workshops und unzählige Freizeitaktivitäten stehen zur Verfügung, egal ob Schwimmen, Bogenschießen, Lagerfeuer, Singen, Yoga oder gemeinsames Kochen.

Seit Ende 2014 wird diese Idee auch in Deutschland umgesetzt. Das erste nationale Digital Detox Camp fand Ende September in Schweighofen statt. Auch hier geht die Tendenz dahin, dass immer mehr solcher Camps angeboten werden. Die Veranstalter versuchen hierzulande mit Klosteraufenthalten oder Wanderungen auf Mallorca zu punkten und den Teilnehmern ein interessantes Angebot fernab der digitalen Welt zu liefern.


Auch Daimler hält Digital Detox für wichtig, um die Leistungsfähigkeit auf Dauer zu stärken.

Weshalb kommt dieser Trend?

Der Trend des Digital Detox ist kein Zufall. Nicht erst seit dem Aufkommen des Smartphones nehmen die digitalen Medien wie das Internet immer mehr unsere Zeit in Anspruch. Schon im Jahr 2013 berichtete Spiegel Online, dass zum Beispiel die 14- bis 49-jährigen sich jeden Tag annähernd zehn Stunden mit medialen Inhalten beschäftigen und warf gleichzeitig die Frage auf, ob es sinnvoll sei, fast die Hälfte seiner Lebenszeit mit Medien zu verbringen.

Zu einem noch extremeren Ergebnis kommt eine andere Studie, die auf offlines.net vorgestellt wird. Demnach verbringt der durchschnittliche PC-Nutzer über zwölf Stunden am Tag mit digitalem Medienkonsum, über eine halbe Million Deutsche zwischen 14 und 64 Jahren seien internetabhängig, was auch immer das bedeuten soll.

Wie Patrick Kury bei heise.de erklärt, ist die Digitalisierung für die in den letzten Jahren stark angestiegene Anzahl an Burnouts verantwortlich. Alleine von 2004 bis 2012 sind die Zahlen der Krankschreibungen in Deutschland aufgrund eines Burnouts um mehr als 700 Prozent angestiegen. Mehr und mehr Menschen fühlen sich von der vernetzten Welt überfordert und brauchen eine Pause. Und genau dafür eignet sich Digital Detox.

Die „Screen-Free-Week“: Die Anfänge des Digital Detox

Die Idee, die Zeit zu reduzieren, die wir vor dem digitalen Bildschirm verbringen, existiert dabei schon sehr lange. Noch ehe ein Großteil der Gesellschaft überhaupt ahnte, dass die Digitalisierung sich einmal als ein Problem erweisen könnte, organisierten die beiden US-Amerikaner Henry Labalme und Matt Pawa im Jahr 1994 erstmals eine nationale „Screen-Free-Week„. Aus dem Grund wurde diese Idee, die zeitweise auch auf den Namen „Digital Detox Week“ hörte, in der Anfangszeit zunächst skeptisch betrachtet, erreicht heute aber immer mehr Teilnehmer. Jährlich sind es mehrere Millionen, nach Angaben der Veranstalter steigt die Zahl der Teilnehmer rasant an. Sogar der US-Präsident Barack Obama unterstützt die Idee, die sich zwischenzeitlich in Ländern auf der ganzen Welt verbreitet hat.

Diesen Gedanken greift die Organisation Digital Detox auf, unter anderem der Veranstalter des Camp Grounded, und nimmt sich vor, die Welt ein wenig zu entschleunigen und die Menschen wieder mit sich und ihrer Umwelt zu verbinden. Auf ihrer Webseite haben sie einige erstaunliche Fakten zusammengestellt, die den Rang von digitalen Medien in der heutigen Welt demonstrieren und uns die Wichtigkeit von Digital Detox vor Augen führen.

Nicht nur Google, Facebook und Microsoft

Große IT- und Internetfirmen wie Google, Facebook oder Microsoft haben das Potenzial von Digital Detox ebenfalls erkannt und schicken ihre Mitarbeiter zur „digitalen Entgiftung“. Junge Unternehmer aus der Medienbranche, die ihre Arbeitszeit hauptsächlich online verbringen, machen einen Großteil der Zielgruppe aus, aber nicht ausschließlich. Auch Studierende, die sogenannten Digital Natives, versuchen mehr und mehr ihrem digitalisieren Alltag zu entfliehen und selbst Rentner entscheiden sich immer wieder, an einem der Camps teilzunehmen.

Wer kein Digital Detox Camp in seiner Nähe hat oder wem diese Art zu teuer ist, der kann sich auch von zu Hause aus entdigitalisieren. Es reicht schon, sich einmal einen Tag lang nicht im Internet einzuloggen, keine E-Mails zu lesen und sein Smartphone einfach zur Seite zu legen. So wie Frances Booth es für Forbes getan hat. Sie erzählt, Digital Detox habe ihr geholfen zu entspannen und wieder produktiver zu werden. Und davon wiederum können letztendlich wir alle profitieren. Einen anderen Weg kann man mit der App „Offtime“ einschlagen, die einem dabei hilft, seine Zeit im Digitalen bewusster zu gestalten. 


Teaser & Image by Paynes Hut (CC BY 2.0)


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Niklas Möller

Niklas Möller

hat in Hamburg Informationsmanagement studiert. Zur Zeit ist er Praktikant bei den Netzpiloten.

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