Die Säulen der digitalen Gesellschaft

Die Initiative D21 und tns infratest geben ja bekanntlich den (N)Onliner-Atlas heraus, in dem minutiös das Web-Nutzungsverhalten der deutschen Bevölkerung abgebildet sein soll. Die Wahrheit erblickt das Licht der Welt über den Umweg von telefonisch abgefragten Daten bei rund 1000 Menschen.
Aktuell handelt es sich in diesem Rahmen um eine Studie über eine Typologisierung der Webnutzer anhand einiger Kriterien des Umgang mit dem Web. Man unterscheidet dabei das sogenannte „digitale Potenzial“, das auf Infrastruktur, Kompetenz und Wissen lädt sowie der „Einstellung und Nutzung“, welches auf Nutzungsinstensität und -vielfalt sowie auf Einstellung lädt. Wie seinerzeit die Sinusmilieus ist hier wieder ein Schubladendenken am Werk, das dem exceltrunkenen Budgetverantwortlichen Argumente für oder gegen eine (Werbe)Aktion an die Hand geben soll. Oder präziser: Wer im Internet Millionen machen will, möge doch bitte erstmal die reine, empirische Wahrheit der Segmentierung der Webnutzer goutieren. Es treten auf:


Die digitalen Außenseiter (35 Prozent Anteil an der Gesamtbevölkerung)

Die digitalen Außenseiter sind die größte und gleichzeitig mit einem Durchschnittsalter von 62,4 Jahren die älteste Gruppe. Im Vergleich zu den anderen Typen haben sie das geringste digitale Potenzial, die geringste Computer- und Internetnutzung sowie die negativste Einstellung gegenüber digitalen Themen. Nur ein Viertel verfügt bei der digitalen Infrastruktur über eine Basisausstattung (Computer und Drucker). Kompetenzen im Umgang mit den digitalen Medien sind folglich kaum vorhanden. Selbst Begriffe wie E-Mail, Betriebssystem oder Homepage sind den digitalen Außenseitern weitgehend unbekannt und nur ein Fünftel der digitalen Außenseiter ist in der Lage, sich im Internet zu Recht zu finden.

Ich finde es schade, dass nur 20% Recht im Web finden. Vor Gericht sind es wahrscheinlich noch viel weniger. Aber genug der Kalauer. Es geht um ein ernstes Thema. Denn leider fehlt die wichtigste Frage: Wollen Sie keinen Computer oder können sie sich den nicht leisten bzw. wenn, haben sie niemanden, der ihnen das Ding erklärt. Und was wahrscheinlich vielen digital natives unbekannt ist: Computer funktionieren tadellos ohne Internet – jedenfalls war das vor den webbasierten Zwangsaktivierungen so.

Die Gelegenheitsnutzer (30 Prozent)

Die Gelegenheitsnutzer sind durchschnittlich 41,9 Jahre alt. Sie nehmen im Vergleich zu den digitalen Außenseitern zumindest teilweise am Geschehen in der digitalen Gesellschaft teil. 98 Prozent besitzen einen PC oder ein Notebook, drei Viertel bereits eine Digitalkamera. Passend dazu verbringen nahezu alle Gelegenheitsnutzer Zeit mit Computer und Internet – vor allem für private Zwecke. Der Gelegenheitsnutzer kennt bereits viele Basisbegriffe der digitalen Welt, hat aber besonders beim Thema Sicherheit großen Nachholbedarf. Insgesamt erkennt dieser Typ klar die Vorteile des Internets, fördert aber nicht seine Weiterentwicklung und bevorzugt eher klassische Medien.

Seltsam, die grenzdebilen Gelegenheitsnutzer laden bei der Suchkompetenz (alle Werte sind Eigeneinschätzungen!!!) und Textverarbeitung mit über 90% und bei den Themen Nachrichten online lesen immerhin noch bei 60% und bei der Preisinformation bei stolzen 80%. Dass hier die Politikverdrossenheit eine aktive Teilnahme an der „digitalen Gesellschaft“ verhindern könnte, findet natürlich keine Beachtung beim Design der Studie. Warum soll man auch die Menschen nach Gründen für ihr Verhalten fragen. Die kulturelle Wirklichkeit besteht ja nicht aus Motiven sondern aus empirischen Erhebungen des Verhaltens. Bei Viren, Passwort und Sicherheit lädt diese Gruppe um die 70% und mehr. Würden sie Linux benutzen, bräuchten sie sich um das Thema gar nicht zu kümmern. Die Relevanz vieler Sicherheitsthemen kommt ja eher aus der mangelnden digitalen Kompetenz einiger Hersteller als aus derjenigen der Nutzer – aber das nur am Rande. Das nur 45% Online-Banking betreiben, ist ja ein deutlich Indiz dafür, dass sie die Kompetenz der Banken in Sachen Sicherheit allein durch das Thema Scheckarten ausführlich genießen durften. Da ist es nur konsequent, sich zu der Pest der faktischen Beweislastumkehr bei „Einzelfällen“ nicht noch ein Problem ins Haus zu holen, mit dem Tausende Euro Verlust mit einem Schulterzucken der Gelddienstleister quittiert werden. Ich kann das den Gelegheitsnutzern nur als hohe Sicherheitskompetenz anrechnen. Man vermeidet Verluste erfolgreich durch unterlassene Experimente – allerdings vermeidet man so auch Gewinne. Aber das ist ein anderes Thema…

Der Berufsnutzer (Neun Prozent)

Durchschnittlich 42,2 Jahre alt, hat diese Gruppe den höchsten Anteil an Berufstätigen. Im Vergleich zu den Gelegenheitsnutzern haben die Berufsnutzer eine deutlich bessere digitale Infrastruktur an ihrem Arbeitsplatz und nutzen dementsprechend auch dort überdurchschnittlich das Internet. Hingegen ist die private Nutzung sogar leicht unter dem Niveau der Gelegenheitsnutzer. Die Nutzungsvielfalt der Berufsnutzer beschränkt sich eher auf nützliche Anwendungen wie E-Mail oder Textverarbeitung.

Die Nutzungsvielfalt der Berufsnutzer beschränkt sich eher auf nützliche Anwendungen wie E-Mail oder Textverarbeitung. Dieser Satz entlarvt das geistige Niveau auf dem solche Wirklichkeitsschnappschüsse entstehen. Zwei Werkzeuge sind keine Vielfalt. Und mal im Vertrauen: E-Mail und Textverarbeitung sind die bei weitem gebräuchlichste Form der geschäftlichen Erstellung von Texten. Das bedeutet, die Einschränkung liegt eher im Design der modernen Arbeit als in der Entscheidung der Nutzer begründet. Die Tatsache, dass die zuhause nicht am Rechner sitzen, könnte darauf hinweisen, dass sie privat gerne digitale Außenseiter sind, aber der Job sie zu einem digitalen Teil der Gesellschaft werden lässt, ohne dass sie das aktiv gewählt hätten. Außerdem haben die digitale Infrastruktur am Arbeitsplatz nicht, sonder die hat sie. Will heißen: Sie müssen das Zeugs nutzen auch und gerade im täglichen Kampf gegen Lagerverwaltungssoftware, digitales Buchungswesen oder gar den Zwang zur digitalen Archivierung jedes geschäftlichen Vorgangs wie beispielsweise E-Mails von Kunden und Lieferanten.

Die Trendnutzer (Elf Prozent)

Diese Gruppe hat sowohl den höchsten Männer- (78 Prozent) als auch Schüleranteil (13 Prozent). Das Durchschnittsalter der Trendnutzer ist mit 35,9 Jahren recht jung. Bei den Trendnutzern ist häufig die ganze Bandbreite an digitalen Geräten vorhanden. Der Trend geht dabei klar zum Zweitcomputer. Die Mitglieder dieser Gruppe verfügen über umfassende Kompetenzen am Computer und kennen sich bis auf wenige Ausnahmen bestens in der digitalen Welt aus. Die Trendnutzer wenden besonders gerne Web 2.0-Applikationen an und erkennen die großen Vorteile der digitalen Medien für sich.

Interessanterweise ist das Thema Nutzung von Preisinformationen, Internetsuche, Textverarbeitung und Nachrichten online lesen vergleichbar mit der Gruppe Gelegenheitsnutzer. Woran das wohl liegen könnte? Ob das Angebot im Web auch einen Einfluss auf das Nutzungsverhalten haben könnte? Lustig ist die Tatsache, dass ihre Kompetenz beim Erstellen einer Website besonders hoch sei. Wer also bei jimdo, wordpress.com, blogger.de oder ähnlichen Anbietern in 3 Minuten eine Seite zusammengeklickt hat, einen eigenen PC hat sowie Nachrichten und Preisinformationen vornehmlich im Web liest ist schon ein Trendnutzer. Hm, das wird ein Fest für die Marktforscher, mit solch scharfen Begriffen die Reichweitendiskussion neu zu entfachen.

Kommen wir zu den letzten beiden Gruppen:

Die digitalen Profis (12 Prozent)

Der durchschnittliche digitale Profi ist 36,1 Jahre alt, meist männlich und berufstätig. Dieser Typus verfügt sowohl Zuhause als auch im Büro über eine sehr gute digitale Infrastruktur. Seine Kompetenzen sind umfangreich, was sich insbesondere in ihren professionellen Fähigkeiten widerspiegelt. Ob Makroprogrammierung oder Tabellenkalkulation, der digitale Profi fühlt sich auch auf diesem komplexen Terrain zuhause.
Eher selten suchen die digitalen Profis im Vergleich zu den Trendnutzern und der digitalen Avantgarde Zerstreuung in der digitalen Welt oder nutzen diese zur Selbstdarstellung. Bei der Nutzungsvielfalt stehen daher nützliche Anwendungen, wie z.B. Online Shopping, Preisrecherche und Nachrichten lesen, im Vordergrund.

Dieser Satz ist einfach aussagenlogisch, grammatikalisch und überhaupt mein Lieblingssatz der Pressinformation zur Studie:
Seine Kompetenzen sind umfangreich, was sich insbesondere in ihren professionellen Fähigkeiten widerspiegelt.
Ob Makroprogrammierung oder Tabellenkalkulation, der digitale Profi fühlt sich auch auf diesem komplexen Terrain zuhause. Mal zuhause, mal Zuhause oder auch zu Hause alles im Angebot. Genauso beliebig ist auch die Zuordnung von Excel und Makros zu einem Typus „digitaler Profi„, es sei denn, man will einem bestimmten Typus BWLer Honig um den Bart schmieren, wo es als ausgemachtes Expertentum gilt, mittels eines Makros Tabellenblätter miteinander über Dateigrenzen hinweg zu aktualisieren.

Die Digitale Avantgarde (Drei Prozent)

Die jüngste Gruppe (Durchschnittsalter 30,5 Jahren) ist gleichzeitig mit drei Prozent auch die kleinste Gruppe. Die digitale Avantgarde hat dabei ein eher geringes Einkommen und lebt oft in einem Singlehaushalt. Ihre digitale Infrastruktur lässt kaum Wünsche offen. Auffällig hoch sind dabei die mobile und geschäftliche Internetnutzung.
In allen Bereichen verfügt die digitale Avantgarde über sehr hohe Kompetenzen und bildet bei den komplexen digitalen Themen die Spitze der Gesellschaft. Ihr Wissensstand um die digitale Welt ist dagegen nicht ganz so ausgeprägt wie bei den digitalen Profis. Mehr durch „trial and error“ statt das Lesen von Anleitungen eignet sich der digitale Avantgarde seine Kompetenzen an. Von den digitalen Medien lässt diese Gruppe kaum ab: Durchschnittlich elf Stunden verbringen sie täglich vor dem Computer. Neben der Arbeit ist daher auch das Freizeitverhalten oft von den digitalen Medien bestimmt.

Aber wenn man denkt, schlimmer kann es nicht kommen: Die digitale Avantgarde hat dabei ein eher geringes Einkommen […] In allen Bereichen verfügt die digitale Avantgarde über sehr hohe Kompetenzen. Das könnte den aufmerksamen Beobachter zu folgenden Schlussfolgerungen verführen: Wer sich mit dem Web auskennt, ist arm oder wird dadurch arm. Wer Ahnung von Webdingen hat und dort viel unterwegs ist, der kann kein Werbeziel sein, weil er oder sie sich nix leisten kann. Besser kann man die geringen Werbekosten im Web gar nicht begründen: Man erreicht im Web 2.0 hauptsächlich nur arme und eremitisch lebende Menschen, die Ahnung in Bereichen haben, die den Großteil der Bevölkerung in keinster Weise tangieren – außer im verhassten Büro. Und wer Tabellenkalkulation bedienen kann, gehört zur Liga der ausßergewöhnlichen digitalen Profis. Was wohl Leon dazu sagen würde…

Bildnachweis: clarita

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Jörg Wittkewitz

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)

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