Warum Deutschland dringend mehr Tech-Coaches braucht

Was ist eine Cloud? Wie speichere ich eine PDF-Datei aus dem Internet? Was ist ein Gigabyte? Für Menschen, die sich tagtäglich im Internet bewegen und mit digitalen Prozessen arbeiten, scheinen diese Fragen absolut lächerlich. Doch viele Menschen in Deutschland tun sich mit der Digitalisierung immer noch sehr schwer.

Technologie: Die große Unbekannte

Auch wenn die meisten Deutschen Computer und Smartphones nutzen, verstehen nur wenige wirklich alle Funktionsweisen und noch weniger interessieren sich dafür. Das kam unter anderem bei einer gemeinsamen Umfrage des Versicherungsunternehmens Gothaer und dem Marktforschungsinstitut forsa heraus.

Das Problem dabei: Die Entwicklung in der digitalen Welt geht rasant weiter, während immer mehr Nutzer nicht hinterherkommen. So wird die Schere zwischen technologischen Neuerungen und Verbrauchern, die diese nicht verstehen, immer größer. Christopher Krause ist wohl einer der ersten, der dieses Problem erkannt hat – und Menschen seine Hilfe anbietet.

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Christopher Krause; Image by Miesh Photography

Als Tech-Life-Coach hilft Krause im US-Bundesstaat Utah Privatpersonen sowie Unternehmen dabei, die digitale Welt zu verstehen. Der Bedarf dafür ist überraschenderweise auch in den USA riesig, erklärt Krause im Gespräch mit den Netzpiloten. „Es ist wirklich ein Irrtum, zu glauben, hierzulande seien die Menschen technikaffiner als anderswo auf der Welt. Ich bekomme täglich Hunderte von Fragen von 20-Jährigen sowie von 60-Jährigen.“

Auch seine Erfahrung ist: Die Menschen nutzen moderne Technologien, verstehen sie aber nur teilweise. „Menschen haben Smartphones, wissen aber nicht, wie sie Applikationen darauf nutzen sollen. Andere verstehen nicht, dass man einen Bluetooth-Lautsprecher nicht per Kabel anschließen muss.

Tech-Firmen haben ein Kommunikationsproblem

Aus seiner eigenen Technologie-Begeisterung hat der gelernte Fotograf so seit 2008 ein zweites berufliches Standbein aufgebaut. Auch wenn sein Service 100 Dollar pro Stunde kostet, kann er sich vor Nachfragen kaum retten. In Utah ist er mittlerweile DER Tech-Coach und hat beim Fernsehsender ABC 4 ein wöchentliches Technologie-Segment, „Tech Time Tuesday“, in dem er Zuschauerfragen beantwortet.

Seine Erläuterungen sind dabei so klar und simpel wie möglich. Das kommt besonders an, hat Krause festgestellt. „Gerade Menschen, die viel in der Tech-Welt unterwegs sind, leben in einer Bubble. Sie vergessen schnell, dass andere Menschen unsere Fachsprache gar nicht verstehen. Das ist wirklich wie eine Fremdsprache. Deswegen setze ich immer ganz unten an und gehe davon aus, dass mein Gegenüber wirklich keine Ahnung hat. So kann man sich Schritt für Schritt vorarbeiten und auch komplizierte Prozesse verständlich machen.“ Das große Unwissen um technologische Prozesse hat er dabei nicht nur im überwiegend ländlichen Utah, sondern auch in Technologie-Zentren wie Kalifornien oder New York City beobachtet.

Mittlerweile kommen sogar große Technologieunternehmen auf ihn zu und bitten um Hilfe. Denn auch sie haben erkannt, dass sie ein Kommunikationsproblem haben. Sie entwickeln ausgefeilte Produkte, die aber viele Verbraucher völlig überfordern. Sie hoffen deshalb darauf, dass Krause ihnen dabei helfen kann, diese Kommunikationslücke zu schließen. Obwohl es also, laut Krause, einen großen Markt für Technologie-Erklärbären wie ihn gibt, kennt er in den USA gerade mal eine Handvoll anderer Tech-Coaches.

Tech-Coaches in Deutschland? Fehlanzeige

Auch in Deutschland ist das Konzept bislang nahezu unbekannt. Wer sich im Netz umschaut, findet zwar Technologieexperten, diese beraten aber eher Startups oder große Konzerne bei ihrer IT-Strategie. Sie arbeiten nicht mit Privatpersonen oder kleinen Firmen, um ihnen zu erklären, wie sie Dateien von ihrem USB-Stick auf der Festplatte speichern können.

Ein solcher Technologiexperte ist Arndt Schwaiger. Er hilft Unternehmen und Startups beim Planen und Umsetzen von digitalen Geschäftskonzepten. Als Tech-Coach würde er sich selbst wahrscheinlich nur am Rande bezeichnen. Auch wenn ein Teil seiner Arbeit darin besteht, Mitarbeitern moderne Technologien zu erklären. Der mehrfache Gründer spricht über sich vielmehr als „Lead-Coach für digitale Geschäftsmodelle“. Sein Fokus liegt also darin, Unternehmen mit seinem Expertenwissen im Bereich mobile Technologien und Onlinemarketing beim Aufstellen eines Businessplans oder eines IT-Marschplans zu helfen. Doch selbst als jemand, der Menschen Technologie von der Geschäftsseite her näher bringt, hat er in Deutschland etwa ähnliches festgestellt wie Christopher Krause in den USA. 

Arndt Schwaiger
Arndt Schwaiger; Image by Frank R. Gutacker

Es herrscht ein gewisses Misstrauen gegenüber der Digitalisierung, vor allem gegenüber neuen agilen Prozessen – und das häufig aus Unwissen heraus. So hat Schwaiger bei seiner Arbeit erlebt, dass sich manche, vor allem ältere Mitarbeiter vor neuen Technologien und den damit verbundenen Änderungen in ihrer Arbeit scheuen: „Manche sperren sich dagegen, weil sie fürchten, sie seien zu alt, um die Technik zu verstehen. Andere wiederum sind skeptisch, weil sie Angst haben, dass ihr Job durch eine Software ersetzt werden könnte.“ Obwohl Schwaiger also kein reiner Tech-Coach ist, besteht ein guter Teil seiner Arbeit ebenfalls darin, Menschen technologische Grundkonzepte wie die Cloud oder ein Business-Konferenz-Tool wie Slack zu erklären.

Dennoch ist es natürlich so, dass Schwaiger seine Erklärungen auf einer viel abstrakteren Ebene ansetzt als Christopher Krause. Den Beruf Tech-Coach an sich scheint es also in Deutschland bisher – zumindest offiziell – nicht in dieser Form zu geben. Das liegt sicher nicht daran, dass es weniger Bedarf gibt als in den USA, sondern wahrscheinlich einfach daran, dass sich dieser Job in Deutschland bislang noch nicht etablieren konnte.

Angesichts von Berichten, die zeigen, dass Deutschland in vielen Bereichen der Digitalisierung europäisches Schlusslicht ist, ist das bedenklich. Es könnte sicherlich nicht schaden, auch in Deutschland mehr Tech-Coaches wie Christopher Krause zu haben. Krause selbst scheint das allerdings nicht allzu tragisch zu finden: „Das Gute an diesem Beruf ist ja, dass man ihn von überall ausüben kann, per Skype, per E-Mail oder indem man über eine Software auf den Computer einer Person zugreift. So kann ich theoretisch nicht nur Kunden hier in Utah helfen, sondern auch in New York, England – und sogar in Deutschland!“


Image (adapted) „cloud-computing“ by wynpnt (CC0 Public Domain)


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Marinela Potor

Marinela Potor

begann ihren journalistischen Werdegang bei kleinen Lokalzeitungen und arbeitete dann während ihres Studiums als Reporterin für den Universitätsradiosender. Ihr Volontariat machte sie bei Radio Jade in Wilhelmshaven. Seit 2010 hat sie ihren Rucksack gepackt und bereist seitdem rastlos die Welt – und berichtet als freie Journalistin darüber. Über alle „inoffiziellen“ Geschichten schreibt sie in ihrem eigenen Blog fest. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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