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In den Startlöchern: der Urban Journalism Salon

Ab dem 1. August findet auf rund 550 qm der Urban Journalism Salon statt. Leser und Journalisten treffen sich, um neue Formen des Journalismus auszuprobieren. // von Lars Sobiraj

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Anfang August beginnt im Berliner Lehrter Siebzehn die gemeinsame Reise von Zuhörern und Journalisten aller Couleur, um gemeinsam neue Formen des Journalismus auszuprobieren. Diverse Printmedien als auch der klassische Journalismus sind seit Jahren ins Trudeln geraten. Griffige Erlösmodelle für den Online-Journalismus gibt es noch keine. Wohin also geht die Reise? Dies soll uns Mark Heywinkel, einer der drei Hauptorganisatoren des Urban Journalism Salons, ausführlich in unserem Interview erklären.


Warum ist das wichtig? Veranstaltungen wie den „Urban Journalism Salon“ leisten einen wichtigen Beitrag im Medienwandel, denn sie suchen zusammen mit der Leserschaft nach der Zukunft des Journalismus.

  • Textbroker, Roboterjournalismus und die Huffington Post üben zunehmend Druck auf die Branche aus. Es besteht Einigkeit, dass Journalismus anders als bisher funktionieren muss. Aber wie genau?
  • Neue Konzepte für modernen Journalismus sind gefragt, die entsprechende Erlöse erzielen. Ist es des Rätsels Lösung, blind erfolgreiche Vorbilder aus Übersee 1:1 zu kopieren?
  • Ein effektiver Gedankenaustausch zwischen den Journalisten und dem Publikum ist zwingend nötig. Diese Veranstaltung soll dafür den nötigen Raum bieten.

Urban Journalism

Lars Sobiraj: Hallo Mark, wie kam es eigentlich zu dieser Veranstaltung?

Mark Heywinkel: Dafür gab es unterschiedliche Auslöser. Vor allem ist die Idee des „Urban Journalism Salon“ aber aus einer Unzufriedenheit über die zuweilen sehr einseitige Kommunikation zwischen Journalisten und ihrem Publikum entstanden. Zwar gibt es heute auch auf digitalen Kanälen zahlreiche Möglichkeiten, miteinander in Kontakt zu treten. Trotzdem kommt es mir so vor, als würden wir Journalisten zu einem Großteil immer noch einseitig Mitteilungen senden und uns wenig um Feedback bemühen. Dabei können wir unseren Job doch erst richtig gut machen, wenn wir uns mit dem Publikum austauschen und wirklich eine Vorstellung davon haben, was Leser, Zuhörer und Zuschauer von unserer Berichterstattung erwarten. Mit dem „Urban Journalism Salon“ soll jetzt eine Plattform entstehen, bei der sich beide Seiten auf Augenhöhe begegnen und austauschen können. In lockerer Atmosphäre, bei anspruchsvollem, aber unterhaltendem Programm.

Guter Journalismus funktioniert nur im Dialog mit den Lesern

Welche Funktion wirst Du, Jens Twiehaus und Rabea Edel dabei übernehmen? Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Jens kenne ich seit zwei Jahren über das private Netzwerk JungeJournalisten.de, Rabea habe ich erst vor wenigen Monaten kennengelernt. Wir haben uns so aufgeteilt, dass sich Jens um unsere Gäste kümmert, die beim Salon auftreten. Rabea akquiriert Sponsoring-Partner. Und ich trage für den Überbau und Kooperationen mit Medienpartner die Verantwortung. De facto ist es aber natürlich so, dass jeder auch mal Aufgaben der anderen übernimmt und wir die Planung zu dritt stemmen.



Wieso habt ihr die Veranstaltung Urban Journalism genannt? Wird Journalismus in Zukunft primär auf Lokalebene stattfinden, oder was ist damit gemeint?

Über den Namen gab es tatsächlich ausschweifende Diskussionen mit jedem, dem ich die Idee vorgestellt habe. Das Label ist nicht gerade selbsterklärend, das gebe ich zu. Zur Erklärung: Unter dem Begriff Urban Journalism sollen im August der Salon, im Anschluss aber auch andere Veranstaltungen organisiert werden. Sie alle werden gemeinsam haben, dass sie im öffentlichen Raum stattfinden – wenn man so will: draußen auf der Straße. Urban-Journalism-Events sollen aber inhaltlich weder auf Großstadtthemen zugespitzt sein noch das Land als Veranstaltungsort ausschließen. Urban Journalism ist das, was entsteht, wenn sich Journalisten und Publikum im realen Leben begegnen und austauschen.

Warum habt ihr Berlin als Veranstaltungsort gewählt? Die meisten Redaktionen sitzen doch in Hamburg oder München.

Irgendwo muss man ja anfangen. Rabea, Jens und ich wohnen nun mal in Berlin und verfügen hier über das engmaschigere Netzwerk, um eine solche Veranstaltung zu realisieren. Wenn der erste „Urban Journalism Salon“ gut funktioniert, werden wir versuchen, die Veranstaltung auch in andere Städte zu bringen. Und dann stehen Hamburg und München natürlich mit ganz oben auf der Liste.

Unmittelbares Feedback erfordert viel Mut von den Autoren!

Du schreibst, Journalismus soll auf die Straße und ganz nah an die Leser herantreten. Wie meinst Du das? Wie muss ich mir das vorstellen?

Ich bin ein Digital Native und auch ein großer Fan des Digitalen. Ich bin permanent per E-Mail, WhatsApp, Google Hangout, den Facebook-Chat und und und zu erreichen, lerne Menschen über all diese Kanäle kennen und halte mit ihnen Kontakt. Trotzdem bin auch ich noch immer der Meinung, dass die adäquatere Kommunikation dann stattfindet, wenn man seinem Gesprächspartner gegenübersteht. Wenn es nun darum geht, Journalisten und ihr Publikum in einen engeren Austausch miteinander treten zu lassen, wie es zum Beispiel auch die Krautreporter vorhaben, dann funktioniert das am besten, wenn sie im echten Leben aufeinandertreffen. Der „Urban Journalism Salon“ wird eine solche Real-Life-Plattform sein. Es könnte in Zukunft aber auch eine „Urban Journalism Tour“ geben, bei der Journalisten durch den Bundestag führen und dem Publikum neue und ganz praktische Einblicke in die politische Berichterstattung geben. Das wird auf Seiten der JournalistInnen großen Mut erfordern, sich dem unmittelbaren Feedback des Publikums auszusetzen. Aber ich denke, dass alle Seiten von einem solchen direkten Austausch nur profitieren können.


Wie soll sich Journalismus bezahlt machen, der in der U-Bahn, vor Sehenswürdigkeiten oder auf Bühnen vorgetragen wird? An welche Erlösmodelle denkst Du dabei? Soll ich als Journalist künftig mit dem Hut herumgehen?

Wenn ich eine Stadtführung mitmache, ins Theater gehe, mir eine Lesung oder ein Konzert anhöre, dann zahle ich in der Regel Eintritt dafür. Warum sollte das anders sein, wenn ein Journalist solche Touren führt oder auf der Bühne steht? Wir haben schon eine sehr schizophrene Vorstellung von unserem Beruf: Auf der einen Seite glauben wir daran, dass der Journalismus elementar wichtig für den Erhalt der Demokratie und unsere Gesellschaft im Allgemeinen ist. Andererseits schrecken wir aber davor zurück, für unsere Arbeit Geld zu verlangen. Im Online-Journalismus findet da gerade ein Umdenken statt: die Paywalls werden kommen. Genauso wird das Publikum für „Urban Journalism“-Veranstaltungen zahlen müssen. Und wenn wir unseren Job gut machen und eine spannende Veranstaltung auf die Beine stellen, dann bin ich davon überzeugt, dass sie das auch gerne tun werden.

Die Medienhäuser holen sich ihre Inspiration an den falschen Stellen.

Worauf müssen sich Eure Gäste am 1.8. und später einstellen, was kommt auf sie zu?

Bei „Urban Journalism„-Veranstaltungen soll das Publikum hautnah am Journalismus teilnehmen und Einfluss auf die Berichterstattung nehmen können. Deshalb wird es Live-Interviews geben, die später veröffentlicht werden. Noch im Entstehen begriffene Beiträge – sei es in Form von Texten, Radiofeatures oder Fernsehberichten – wird man exklusiv bei uns sehen können. Protagonisten, die man sonst nur aus der Ferne kennt, werden greifbar vor Ort sein. Ganz konkret werde ich erst sein können, wenn wir unsere Gäste festgelegt haben. Das wird aber schon bald der Fall sein.

Der Journalismus befindet sich seit Jahren in einem unglaublichen Umbruch. Wo siehst Du dabei Chancen und Risiken?

Beim VOCER Innovation Day habe ich am Wochenende einen Vortrag über gute und schlechte Vorbilder gehalten. Das große Risiko sehe ich darin, dass sich Medienhäuser in Zeiten des Umbruchs an den falschen Stellen Inspiration holen. Nur weil die Huffington Post in den USA gut läuft, muss es keine gute Idee sein, sie auch nach Deutschland zu holen. Nur weil Buzzfeed mit Listen massig Klicks kassiert, muss man seine Artikelproduktion nicht danach ausrichten. Nur weil „Snowfall“ von der New York Times gut angekommen ist, muss nicht jede Reportage unbedingt multimedial aufgezogen werden. Wir müssen uns intensiv darüber Gedanken machen, an welchen Vorbildern wir uns orientieren und welche Ideen wir weiterentwickeln. Und da sehe ich gute Chancen vor allem für die vielen freiberuflichen Journalisten, Pionierarbeit zu leisten und neue gute Vorbilder zu schaffen.

Die Angst vor dem Roboterjournalismus kann ich nicht verstehen.

Was glaubst Du, welche Rolle wird künftig Roboterjournalismus in den Redaktionen einnehmen? Wird das zu einer Bedrohung auswachsen?

Ganz ehrlich: Die Angst vor dem Roboterjournalismus kann ich nicht verstehen. Ja, es gibt an der Börse bereits autonome Systeme, die einen Großteil des Aktienhandels steuern. Ja, es werden ganz generell rapide Fortschritte im Bereich der Künstlichen Intelligenz gemacht. Und ja, so Leute wie Ray Kurzweil bei Google werkeln derzeit sicherlich an Technologien, die unseren Alltag ordentlich umkrempeln werden. Aber wann wird ein Roboter eine Reportage schreiben, die mich zu Tränen rührt? Oder einen meinungsstarken Kommentar, der mich einen Sachverhalt aus einem neuen Blickwinkel sehen lässt? So gerne ich einen echten Data aus „Star Trek“ auch kennenlernen möchte – das werde ich nicht mehr erleben.

Über die Verlage zu lästern ist sehr einfach. Es besser zu machen umso schwieriger.

Warum fällt es offline wie online den meisten Verlagen so schwer, „das Digitale nicht als bedrohliches Neuland, sondern als Spielwiese für Innovationen zu verstehen„? Hängen die Verlagsleiter bzw. Manager so sehr an den alten Strukturen? Oder haben sie das Internet schlichtweg noch nicht verstanden?

Gegen die starren, strukturell verkrusteten Medienhäuser zu wettern, ist sehr einfach. Aber wenn ich eine Führungsposition inne hätte und die Verantwortung für zig Mitarbeiter tragen müsste, würde ich mir auch sehr genau überlegen, ob ich aus den Print-Töpfen Budgets für innovative Digital-Projekte abzwacke in der Hoffnung, dass sie vielleicht in ein paar Jahren meine Rentabilität retten. Vorsicht sollte man den Medienhäusern zum Wohle ihrer Angestellten nicht unbedingt zum Vorwurf machen. Deshalb braucht es meiner Meinung nach noch mehr Pionierarbeit freier, junger Teams, Ideen auszuprobieren, die den Medienhäusern als Vorbild dienen können.

Online werden immer häufiger solche Themen behandelt, die den Werbekunden besonders viele Besucher versprechen. An vorderster Front agieren die Macher von heftig.co. Sie haben mit viel Erfolg die Inhalte von viralnova.com übersetzt, die diese ihrerseits häufiger geklaut haben. Stellt die Verbreitung von emotionalen Geschichten via Facebook etwa die Zukunft des Journalismus dar? Brauche ich neben einem griffigen Konzept nur noch einen Übersetzer?

Das hängt davon ab, was man vom Journalismus der Zukunft erwartet. Wer der Meinung ist, guter Journalismus müsse emotional sein, sich gut über Facebook verbreiten lassen und viele Klicks generieren kann, der sollte sich an heftig.co ein Vorbild nehmen. Aber weder sind Michael Gloess und Peter Schilling mit dem Anspruch angetreten, Journalismus machen zu wollen, noch halte ich ihre Seite für ein gutes Vorbild für die gut recherchierte, informative und brillant geschriebene Berichterstattung, wie ich sie gerne lesen möchte.

Touché. Doch die Finanzierung von investigativem Journalismus alleine durch Online-Werbung gelingt nur wenigen großen Anbietern. Was glaubst Du, wodurch wird dies künftig ergänzt? Eine Finanzierung durch Stiftungen? Oder Crowdfunding, wie beispielsweise das Projekt brafus2014.com?

Vergangene Woche saß ich mit Theresia Enzensberger von den Krautreportern und Konny Gellenbeck von der taz-Genossenschaft auf einem Podium der Jungen Presse Berlin, um über genau dieses Thema zu sprechen. Ich glaube: Das können alles Mittel und Wege sein. Der Finanzierungsweg hängt aber natürlich immer ganz individuell davon ab, was man für ein Produkt herstellen möchte. Welt.de wird niemals nur allein mithilfe von Crowdfunding etwaige Print-Verluste ausgleichen können. Ein Projekt wie brafus2014 – das ich im Übrigen bis eben nicht kannte, danke dafür! – könnte andererseits wohl eher nicht mit einer Paywall finanzieren werden. Wir werden unterschiedliche Modelle sehen. Eines halte ich aber für sehr sicher: Wir werden häufiger zahlen müssen. Und das ist gut so.

Was kommt auf uns Journalisten und die Leser in den nächsten fünf beziehungsweise zehn Jahre zu? An welcher Stelle möchtest Du dann stehen beziehungsweise arbeiten?

Darauf antworte ich in der Regel so: Als ich es leid war, einen portablen CD-Player mit mir rumzuschleppen, stand ich vor der Wahl, mir einen MP3- oder einen Mini-Disc-Player zu kaufen. Ich habe mir damals einen MD-Player gekauft, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass physische Datenträger jemals verschwinden würden. Meine Zukunftsvorhersagen sind also nichts wert. Aber was ich ganz schön fände, wäre, wenn jemand ein neues Projekt startet und sagt: „Lass uns das doch so ähnlich wie der Heywinkel damals mit Urban Journalism machen. Bei dem hat das ja auch ganz gut funktioniert.

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Lars Sobiraj

Lars Sobiraj

schrieb von 2000 bis zum Jahr 2002 für mehrere Computerzeitschriften rund 100 Artikel. Von April 2008 bis Oktober 2012 leitete er beim IT-Portal gulli.com die Redaktion als Chefredakteur. Thematische Schwerpunkte der über 1.000 Beiträge sind Datenschutz, Urheberrecht, Netzpolitik, Internet und Technik. Seit Frühjahr 2012 läuft die Video-Interviewreihe DigitalKultur.TV, die er mit dem Kölner Buchautor und Journalisten Moritz Sauer betreut. Seit mehreren Monaten arbeitet Lars Sobiraj auf freiberuflicher Basis bei heute.de, ZDF Hyperland, iRights.info, torial, Dr. Web und vielen weiteren Internet-Portalen und Blogs. Zudem gibt er Datenschutzunterricht für Eltern, Lehrer und Schüler.

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