Wir sind viele – Dekoder will Russlands Diskurse sichtbar machen

Russland verstehen. Darum, was das heißt und wie das geht, gibt es immer wieder hitzige Diskussionen. Über Dekoder kann man einfach mal reinlesen ins Land. Es gibt sie, die Debatten in Russland. Darüber, wie Reformen möglich sein können. Ob Straßenprotest etwas bringt oder ob das nicht längst zu gefährlich ist. Darüber, wie lange Präsident Putin noch an der Macht sein könnte und wie der Fall des Rubels die russische Wirtschaft trifft. Solche Debatten werden kontrovers geführt. Ein Brennglas, das auf den Kosmos dieser Stimmen gerichtet ist, haben Martin Krohs und Leonid Klimov mit dem Projekt Dekoder ins Netz gebracht.

Zwar schafft schon das Internet die Verbindungen nach Russland, zum Content an sich, zu all den Texten, die es vielfach bereits im Web gibt. Zwei Barrieren aber überwindet es nicht: Das Russische, und das, was die Sprache meint. „Man gerät in eine Sackgasse, wenn man glaubt, dass das, was in Russland das gleiche Wort bezeichnet wie bei uns, auch die gleiche Sache ist.“ Seien es Begriffe wie liberal, Abstrakta wie Gerechtigkeit oder ein Organ wie das Parlament. Gerade viele staatliche Institutionen würden tatsächlich wie in Deutschland heißen, jedoch anders funktionieren, sagt Krohs.

Deshalb stolpert der Leser bei den Texten auf Dekoder über markierte Stichworte – die nach einem Klick in einen Kasten kurze Erklärungen bieten oder auf Hintergrundtexte führen. Solche lexikalischen Einträge nennen sie „Gnosen“, aus dem Griechischen abgeleitet für „Erkenntnis“. Die Texte, über die solche Gnosen gestreut sind, kommen aus dem breit gefächerten liberalen Medienspektrum in Russland. „Es sind viele verschiedene Zeitschriften und Zeitungen, aber ihre Reichweite ist relativ klein“, sagt Leonid Klimov.

Es sind angesagte Webmagazine wie slon.ru oder colta.ru für ein junges, urbanes Publikum, das traditionelle Wirtschaftsblatt Wedomosti für Entscheider in den Unternehmen oder die Nowaja Gaseta, ein renommiertes Oppositionsblatt für ein Nischenpublikum, das mit investigativen Recherchen genauso glänzt wie mit Sozialreportagen. „Ich wurde oft gefragt, ob es solche Medien überhaupt gibt“, sagt Leonid Klimov. Mit Dekoder sollen sie direkt sichtbar gemacht werden. Mit den Redaktionen dieser Medien gibt es Lizenzvereinbarungen für die übersetzten Wiederveröffentlichungen.

Bis ein Text fertig auf Deutsch vorliegt, gegebenenfalls versehen mit neuen Gnosen, sei es viel Arbeit, sagt Krohs. Übersetzer werden beauftragt, Doktoranden für die Hintergrundtexte angefragt – alle Russlandkenner. Dekoder als gemeinnützige GmbH zahlt dafür – und will sich in seiner Arbeit ausschließlich aus Spenden finanzieren. Der Anfang ist gemacht, seit fünf Monaten ist das Portal online. Die ersten Reaktionen seien überwiegend positiv, sagt Krohs, der die Idee als Antwort auf die Ukraine-Krise und den Krieg im Donbass entwickelte. Ein Impuls, der als Projekt dann immer mehr gewachsen sei.

Die eigentliche Aufgabe, wie Krohs sich bald gesagt hat, sei „eine ganze Kultur zu entschlüsseln“. Russland, das unterliege häufig einer monolithischen Wahrnehmung in Europa. Der Vorstellung, die Leute würden so denken wie der Kreml. „Aber die Vielfalt der Stimmen und auch der sich widersprechenden Stimmen darzustellen, das ist das Ziel“, sagt Krohs. Und das, so entschieden sie, gehe am besten als „hybrides Medium“, als Mischung aus Journalismus und Wissenschaft. Mit Texten, die Aktualität und zugleich Anlass für neue Sachtexte unter der Gnosen-Rubrik böten.

Die Medien, auf die sie sich dabei beziehen, gelten in Russland als kremlkritisch. „Insofern gibt es schon eine Stoßrichtung“, sagt Krohs. Ein Bias, der sich zunächst nicht vermeiden lasse, wenn unabhängige Medien in den Fokus rücken sollen. „Das Ideal wäre, dass wir Texte haben, mit denen wir verschiedene Positionen zu den Krisenpunkten darstellen.“ Eine Maschine, die Übersetzungen mache und die Kommentare der Wissenschaft hinzuziehe, das stellt sich Krohs vor. Regierungsnahe Autoren innerhalb dieser Medien würden mit ihren Texten daher ebenso ausgewählt. Außerdem planen sie derzeit ein neues Format, in dem Zusammenschnitte aus dem Kreml ergebener Presse nachzulesen sein sollen. Bis zu ein Drittel könne man als Auszug präsentieren, ohne die Rechte dafür zu haben.

Schon jetzt kommt jede Woche eine allgemeine Presseschau auf die Seite, geschrieben von deutschen Journalisten in Russland. Etwa zwei Mal pro Woche gibt es einen frisch übersetzten Text, vom Interview bis – jetzt erstmals auch – zum Blogeintrag. Sei es ein Artikel zum Diskurs um die aktuellen Verwerfungen zwischen London und Moskau wegen des früheren russischen Agenten Litwinenko, der in London einer Polonium-Vergiftung erlegen war; oder ein Aufsatz über die Unterschiede in den Erinnerungskulturen Russlands und Deutschlands, reflektiert durch einen russischen Intellektuellen; oder eine Analyse des widersprüchlichen Phänomens, Hollywood-Kino und westlichen Konsum zu lieben und doch brennend auf den neu entfachten Patriotismus zu schwören.

Krohs und Klimov – sowie drei andere feste Teammitglieder – wollen für die deutschsprachigen Russlandinteressierten nicht weniger, als „die große Wahrnehmung“ des Landes beeinflussen, eine „indirekte Vertrautheit“ schaffen. Sie meinen, das Innere nach außen kehren, Narrative aus den Debatten im Inland zeigen, den Kulturcode öffnen. Leonid Klimov sagt, wenn er davon in Russland erzählt, höre er oft: „Ihr müsstet das auf jeden Fall auch andersrum machen.


Teaser & Image by Dekoder


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Mandy Ganske-Zapf

Mandy Ganske-Zapf

arbeitet als freie Journalistin in Magdeburg, Berlin und Russland. Sie schreibt über Sachsen-Anhalt, Berlin sowie über das Zusammenspiel von Digitalem und Gesellschaft – und was sie sonst noch bewegt. Russland sowieso und unbedingt. Was dabei so entsteht, findet sich auf www.mgzapf.de

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