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(De)formiert die Digitalisierung unser Leben?

Digitalisierung und Technisierung sind allgegenwärtig. Erleichtern sie nur unser Leben oder verändern sie unser elementares Verhalten? // von Christina zur Nedden

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Digitalisierung ist Teil unserer Realität geworden. Gewinnt der Mensch durch sie an Souveränität oder verliert er seine Kulturtechniken, je weniger er selbst erledigen muss? Im telegraphen_lunch der Deutsche Telekom AG am 15. April wurde gefragt, wie sich der Mensch durch digitale Helfer verändert. Die Autorin und Journalistin Kathrin Passig diskutierte mit dem Professor für Design an der Fachhochschule Potsdam und Gründer und Design Direktor bei IXDS, Reto Wettach. Moderiert wurde die Veranstaltung von Volker Wieprecht von radioeins (rbb).


Warum ist das wichtig? Die Frage ob Technik uns bedroht, befreit oder überfordert ist alt und sollte doch immer wieder neu gestellt werden.

  • Veränderungen durch Technik sind kein Phänomene der Moderne, so Kathrin Passig.
  • Neue Technologien erfordern weniger Einsatz vom Körper, aber bringen auch neue Formen der Körperlichkeit hervor, sagt Prof. Reto Wettach.
  • Jeder sollte sich mit Digitalisierung auseinandersetzen.

Immer wieder hört man von Studien die belegen, dass Kleinkinder sich nicht die Schuhe binden, aber perfekt mit einer Maus umgehen können. Oder dass es Menschen immer schwerer fällt rückwärts zu gehen, weil das viele vor dem Computer sitzen ihre Beweglichkeit einschränkt. Während die einen sich für digitale Klassenzimmer für Digital Natives aussprechen, argumentieren andere, dass Computer und Taschenrechner Schuld daran sind, dass Kinder das Schreiben und Kopfrechnen nicht richtig lernen. Die Frage wie sich Technik auf den Menschen und seine Kultur auswirkt war viel zu groß für die reguläre Mittagsveranstaltung zu Digitalisierungs-Themen der Deutsche Telekom AG. Die Teilnehmer lieferten trotzdem interessante Denkanstösse.

Kathrin Passig hat gemeinsam mit Sascha Lobo ein ganzes Buch über die Wirkung des Internets auf die Gesellschaft und die dazugehörige Diskussion geschrieben. Sie ist der Meinung, dass Veränderungen „kein Nullsummenspiel“ sind und immer etwas Altes verdrängen. Durch Google Maps und Navigationsgeräte sind wir zwar keine Spurenleser mehr, dafür wird durch häufiges Emailen und Texten mehr im Allltag geschrieben. Das menschliche Gehirn hätte aber nur beschränkte Kapazität, um ständig neue Gewohnheiten zu übernehmen. „Man hat eben nur 100% Aufmerksamkeit und die muss aufgeteilt werden„, sagt sie. Passig sieht die heutigen Veränderungen durch Technik nicht als ein Phänomen der Moderne. Sie beruft sich auf Wolfgang Schivelbuschs Buch „Die Geschichte der Eisenbahnreise“, in dem beschrieben wird, wie man sich daran gewöhnen musste stundenlang anderen Menschen in einem Zugabteil schweigend gegenüber zu sitzen. Daraufhin entstand die Bahnhofsbuchhandlung, um die unangenehme Stille durch Lesestoff zu überbrücken. Heute guckt der Mensch in ähnlichen Momenten auf sein Smartphone. „Die Menschen vor oder nach uns sind nicht in einer anderen Situation, als wir es sind„, so Passig.

Prof. Rettach betrachtet Digitalisierung als „Neukonfiguration, aber keine Deformation„. In seiner Arbeit beschäftigt er sich mit der Veränderung von körperlicher Interaktion, zum Beispiel durch geringe Bewegungsanforderungen am Computer. Er stellt fest, dass das Potential des menschlichen Körpers heute nicht mehr ausgeschöpft wird aber auch, dass wir durch neue Technik sehr schnell neue Sinne entwickeln. Als Beispiel nennt er einen Gürtel, der vibriert sobald er Richtung Norden bewegt wird. Probanden, die ihn 6 Wochen lang trugen integrierten ihn innerhalb kürzester Zeit in ihre Wahrnehmung und konnten sich in virtuellen Räumen besser zurecht finden. „Wir sind in einem Zeitalter gekommen, wo wir unsere Sinne neu gestalten können„, sagt Rettach. Die körperliche Dimension der digitalen Welt hat also viel Potential.

Ob und wie neue Technologien und Digitalisierung den Menschen und sein Verhalten im Kern beeinflussen, bleibt abzuwarten. „Wir müssen lernen, Unsicherheit auszuhalten und uns Zeit geben, umfassende Veränderungen zu lernen„, sagt Passig. Und lernen muss sie jeder. Kathrin Passig bemängelt die Begriffe Digital Natives und Digital Immigrants. Dem vermeintlich von Natur aus digital-affinen Menschen wird eine Kompetenz und dem Anderen eine Hilflosigkeit zugeschrieben, als müssten sich beide Gruppen nicht mit technischen Neuerungen beschäftigen. Das behindere alle Gruppen gleichmässig.

Lesetipp: Beitrag von Michaela Weidenbrück im Telekom-Blog und Jakob Werlitz auf Politik-Digital.de über das telegraphen_lunch.


Teaser & Image by NASA (Public Domain)


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Christina zur Nedden

Christina zur Nedden

ist freie Journalistin und Volontärin an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin. Ihre veröffentlichten Texte gibt es auf ihrer Website christinazurnedden.com. Auf Twitter ist sie unter @czurnedden zu finden.

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