Deezer denkt europäisch, sucht aber nach globalen Antworten für die Zukunft

Es sind die europäischen Startup-Zentren, die die weltweite Innovationskultur vorantreiben – so wünscht es sich zumindest die hiesige Politik und versucht ein wirtschaftliches Umfeld zu schaffen, indem überhaupt noch Konkurrenz zu den bisher den Lauf der Dinge bestimmenden Unternehmen aus den USA entstehen kann. Am besten noch, bevor die asiatischen Unternehmen mit ihren Millionen an Nutzern neue globale Standards setzen. Beim Streaming von Musik sieht die europäische Bilanz eigentlich ganz gut aus. Mit Spotify aus Stockholm, dem Berliner SoundCloud und Deezer aus Paris kommen gleich drei große Streaming-Anbieter, die in Konkurrenz zu Apple und Google stehen, aus Europa. Das ist bei der europäischen Kulturpolitik nicht immer ein Vorteil. Daniel Marhely, der zuvor das Projekt Blogmusik.net gestartet hatte, gründete im Jahr 2007 mit Deezer den ersten legalen Streamingservice Frankreichs. „Wir sind natürlich gerne europäisch“, erkärt Gerrit Schumann, Chief International Officer bei Deezer, beim Interview im Berliner St. Oberholz. Der Gründer des deutschen Online-Musikdienst Simfy ist Ende 2013 als Vice President Europe zu Deezer gekommen, welches im vergangenen Jahr dann auch noch die Nutzer von Simfy übernahm, nachdem das Unternehmen den Dienst einstellte. Die Herkunft ist für Schumann aber nicht entscheidend, viel mehr spielt für ihn das Verhältnis in der Plattform-Landschaft eine entscheidende Rolle.

Ich würde sagen, dass wir ein europäisches Unternehmen sind. Wir sind mit Stammsitz in Paris und 80 Prozent unseres Teams in Europa. Aber ist das jetzt ein Vorteil? Deezer steht gut in den europäischen Märkten dar, aber ist denn die Frage, ob amerikanisch oder europäisch überhaupt wichtig? Es geht eigentlich mehr darum, auch in der Industrie ein gesundes ausgewogenes Verhältnis in der Plattform-Landschaft zu haben.

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Gerrit Schumann, Deezer

Schumann spielt auf den Status Quo der Musikindustrie an. Diese ist in einer starken Abhängigkeit von Google und Apple. Letzeres war es, das damals mit dem iPod und iTunes den Preis von 99 Cent pro Lied festlegte. Die Musikindustrie, damals vom Thema Piraterie besessen, freute sich zumindest, dass es endlich ein technisch gutes Angebot kam, bei dem überhaupt noch für Musik bezahlt wurde. Mit YouTube war Google die Plattform für Musikvideos in den letzten zehn Jahren. Das Verhältnis zu diesen Plattformen ist laut Schumann deshalb ebenso wichtig „für die Musikindustrie, als auch für die Künstler. Darum geht es eigentlich. Das ist entscheidend. Ob wir jetzt europäisch sind oder nicht, das ist daher nicht so wichtig“. Mit mehr Streaming-Unternehmen kann die Musikindustrie auch besser mitreden, zu welchen Preisen ihre Kataloge angeboten werden. Denn der Streaming-Markt wird immer wichtiger für die Musikindustrie:

„Wir sind ein sehr dynamischer Markt. In den letzten Jahren sind wir zu dem geworden, was wir vor fünf Jahren gesagt haben, was es sein wird: der Ort, an dem der Hauptkonsum für Musik stattfindet. Mittlerweile ist der Musikmarkt an sich digital und hat den physischen Markt überschritten – Musikstreaming macht im Schnitt inzwischen 15 Prozent am Gesamtumsatz aus und der Trend schreitet fort.“

Doch auch die Online-Musikdienste sind sich dieser Bedeutung bewusst. Schumann meint, dass man alle zwei Jahre, spätestens aber nach fünf Jahren, die Lizenzstrukturen noch einmal überprüfen sollte. Denn neben der wirtschaftlichen Bedeutung von Streaming verändern sich auch die Produkte der Online-Musikdienste und solche Verträge sollten stets „den aktuellen Bedarf und die aktuelle Marktsituation abbilden“. Bei neuen Produkten arbeitet auch Deezer mit den Plattformen zusammen. Während auch Apple und Google ebenfalls im Streamingbereich aktiv sind, arbeitet Deezer mit beiden Firmen beim Thema Auto zusammen. Deezer ist sowohl bei CarPlay als auch dem Android Auto mit unterwegs. Mit Amazon, das immer mehr auch für den Musikbereich spannende Geräte anbietet, sucht Deezer ebenfalls die Kooperation. Schumann spricht von „Frenemies“ – Freundfeinden. Der Begriff beschreibt das Verhältnis zwischen den USA und Europa oft recht treffend. Doch Unternehmen wie Deezer müssen internationaler denken als geopolitische Konzepte es ermöglichen. Zur Fußball-Europameisterschaft der Männer wird es die aus nationalen Ligen bekannten Livestreams der Fußballspiele geben. Neben Fußball soll es bald auch Content zu anderen Themen geben. Und nicht nur Musik, sondern auch News und Entertainment, wie Schumann aufzählt. Aufgrund der Masse an Content ist für ihn deshalb die Frage wichtig: „Wie bringe ich ihn dem Nutzer eigentlich möglichst einfach näher?“ Deezer setzt zurzeit auch auf Kuration durch die eigene Musikredaktion, das Hauptthema der Zukunft ist aber Personalisierung: Eine internationale Herausforderung für Content-Anbieter.


Image (adapted) „Man with Headphones Ⅱ“ by Sascha Kohlmann (CC BY-SA 2.0)


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