Mit Datenvisualisierungen kurzsichtige Politik entlarven

Politik in Deutschland gerät angesichts globaler Herausforderungen an ihre Grenzen. Wie können Daten und Datenvisualisierungen tradierte Governance-Ansätze reformieren helfen? Schaut man sich die gegenwärtige Bundespolitik an, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass nationale Governance-Systeme angesichts der globalen Probleme komplett überfordert sind. Später in Rente zu gehen, ein ElterngeldPlus einzuführen, eine provinziell wirkende Autobahn-Maut zu erheben oder die einheimische Braunkohlewirtschaft zu schonen, können nicht mehr die Antworten auf Klimawandel, weltweite Ungleichheiten, oder interkontinentale Migrationsströme sein. In welcher Weise könnten Daten und Datenvisualisierungen vielleicht dazu beitragen, den Blick für internationale Interdependenzen zu schärfen und Politik damit zu professionalisieren?

Datenvisualisierung gegen politische Provinzialität?

Wenn man ausschließlich die Traditionsmedien dieses Landes – egal ob Print oder “Rundfunk” – konsumieren würde, könnte leicht der Eindruck entstehen, die globalen Problemlagen bestünden allein aus islamistischen Anschlägen, Grexit, dieser gefährlichen Digitalisierung, syrischen Flüchtlingen und der Frage nach der nächsten Rentenerhöhung.

Geht man aber einen Schritt weiter und versucht beispielsweise, das ganze Elend und die Kausalität der Flüchtlingsthematik zu erfassen, so geraten die Medien schnell an die Grenze der Darstellungsmöglichkeiten. Es wird zwar ein Kontext zur syrischen Diktatur und dem Südsudan hergestellt; dass allerdings Terror eine Folge der sozialen Ungleichheit ist, dass klimabedingte Migration zur kriegsbedingten Migration hinzukommen wird, dass westliche Staaten wie Griechenland angesichts kommender globaler Herausforderungen bereits jetzt an der Grenze der finanzpolitischen Handlungsfähigkeit angelangt sind, die Zuwanderung eine Chance für das vergreisende Mitteleuropa sein könnte, die Digitalisierung der Wirtschaft und die Technisierung der Altenpflege einen Ausweg aus der deutschen Demografie bieten könnte – all dies wird nicht erzählt und nicht dargestellt.

Der Grund hierfür könnte sein, dass es einerseits die deutschen Medien bisher nicht geschafft haben, einen sinnvollen Weg zu finden, Datenvisualisierungen zu kreieren und in ihre Geschichten einzubetten. Andererseits gibt es aber anscheinend auch von politischer Seite keine “Abnehmer” solcher Visualisierungen und komplexen Geschichten, da diese nicht der tradierten Fokussierung auf den eigenen Wahlkreis entsprechen? Schnell wird gefragt, was Flüchtlingspolitik, Demographie, Klimawandel oder gar die Globalisierung mit dem eigenen kleinen Wahlkreis zu tun haben. Vielleicht wären die Nutzung von öffentlich verfügbaren Daten sowie deren leserorientierte Visualisierung ja eine geeignete Möglichkeit, um den Blick für internationale Kontexte des eigenen Wirkens zu öffnen?

Globale Megatrends in Kleinkleckersdorf?

Das in Traditionsmedien und Politik beliebte Kritisieren von Entscheidungen der Brüsseler Politik zeigt angesichts der vor der Tür stehenden globalen Megatrends eine gefährliche Provinzialität. Statt sich in das nationalstaatliche Schneckenhaus zu verkriechen, wäre es wichtig, ein Bewusstsein für die größeren Kontexte zu bekommen. Die Digitalisierung, der Klimawandel, die Megrationsströme, die Globalisierung hat auch Auswirkungen auf die Menschen in Kleinkleckersdorf. Wie können diese Kontexte aber erkannt und dargestellt werden?

Das Millennium Project hat in einer aktuellen Vorankündigung einer kommenden Studie (basierend auf einem umfassenden Delphi-Verfahren) beispielsweise auf die Umwälzungen hingewiesen, die die Technologisierung der Arbeitsmärkte und der Produktionsweisen in den industralisierten westlichen Ländern mit sich bringen wird. Die befragten Experten gehen von einer extrem hohen Arbeitslosenquote im Jahr 2050 in Folge der Technisierung bisheriger Produktionsweisen aus. Gleichzeitig verweisen sie aber darauf, dass dies nur ein Problem darstelle, wenn man an überholten Konzepten von “Arbeit” festhielte. “Arbeit” müsse anders gedacht und eingeordnet werden: “The concept of ‘unemployment’ will become obsolete replaced by freedom to create, to dream or to study, freed from the necessity of working for a living.” Eigentlich müssten wir auf Basis dieser Erwartungen längst an alternativen Konzepten für die Finanzierungsbasis der Sozialversicherungen im Jahre 2050 arbeiten. Stattdessen aber versuchen wir, die tradierten Arbeitsbegriffe und Prozesse des Arbeitsmarktes in die gewohnte Regulierungschemate zu pressen.

Die BBC berichtete im Juli über eine aktuelle Studie, in der vor der Übersäuerung der Ozeane und dem Verlust maritimen Lebens in naher Zukunft gewarnt wird. Die Verbrennung fossiler Brennstoffe, so die Wissenschaftler, würde die Chemie der Meere mehr ändern als alle katastrophalen Naturereignisse der letzten 250 Millionen Jahre. Die Ozeane hätte zudem seit den 1970ern bereits 90% der Wärme aufgenommen, die durch die industriellen Prozesse entstanden sei. Die Veränderung der Ozeane werde Folgen für den Küstenschutz, die Fischerei, Aqua-Kulturen, Tourismus und die menschliche Gesundheit haben. Die Forscher stellten fest: “They say the oceans are at parlous risk from the combination of threats related to CO2.”

Eine im Guardian vorgestellte aktuelle Studie ist auf Basis ökonomischer bewährter Modelle und durch die Zusammenschau von Dynamiken des Klimawandels und der ökonomischen Logik bei der Gewinnung fossiler Energieträger zu der einfachen Schlussfolgerung gelangt: Zur Erreichung der Mindestziele des Klimaschutzes dürften 82% der weltweit vorhandenen Kohlereserven, 49% der Gasreserven und 33% der Ölreserven nie angetastet werden; sie müssten stattdessen im Boden verbleiben. Damit werden Kontexte hergestellt, deren Tragweite Länder wie Russland und Kanada, die mit der Förderung von fossilen Energieträgern in den nächsten Jahren – im russischen Fall – Geopolitik betreiben wollten, im Kern treffen werden.

Wie reagieren die Stakeholder tradierter Wirtschafts- und Energieinteressen auf all diese Erkenntisse? Entweder reagieren sie selbst auf direkte Ansprache über die sozialen Medien (PR-Kanäle) gar nicht….

… oder sie verlassen sich beispielsweise auf die Wahrung ihrer Interessen durch Parteien wie die SPD: Die deutsche Braunkohlwirtschaft, der die SPD eng verbunden ist, muss nach dem aktuellen Koalitionsbeschluss zur Energiewende gerade mal CO2-Emission in einem Umfang einsparen, die 1,3% der deutschen Gesamt-Emisisonen entspricht. In den USA, die lange Zeit den Klimawandel politisch geleugnet hatten, ordnete vor kurzem das Weiße Haus die nachgeordneten Bundesbehörden an, in den Budgetplanungen der nächsten Jahre bereits die Folgekosten des Klimawandels explizit auszuweisen, um damit eine verlässliche Planungsgrundlage zu erhalten. Es ist erstaunlich, welch unterschiedliche “Reife” Politik im internationalen Vergleich inzwischen zu haben scheint. Damit finden wir eine Situation vor, in der politische und wirtschaftliche Stakeholder wider besserer wissenschaftlicher Erkenntnisse gegen die Interessen der Menschheit agieren, da sie entweder nur kurzfristig ihren eigenen Nutzen (Profit) maximieren wollen oder aber die Einbettung ihrer eigenen Entscheidungen in den komplexen Gesamtkontext gar nicht erkennen.

Denken in Kontexten nicht etabliert

Die genannten – aber natürlich auch andere Studien bekannter Institutionen – verweisen auf markante Merkmale der globalisierten Problemlagen: Die Zusammenschau und die tatsächlich vorhandene Interdependenz der globalen Megatrends führt zu einer vollkommen neuen Qualität von Risiken, die sich zudem auch noch sehr viel dynamischer als in der Vergangenheit entwickeln. Es fehlte bisher aber an geeigneten Mitteln zur quantitativen Erfassung von Kontexten (Klimawandel – Demografie: Zahl der Hitzetoten in Abhängigkeit der Altersstruktur und Konsumdynamik einer jüngeren Gesellschaft) und an geeigneten Tools zur Darstellung dieser Kontexte, die über die Monokausalität und -direktionalität des eingeübten politischen Denkens (Ältere Gesellschaft = länger arbeiten) hinausgehen. Mit Blick auf den anstehenden Klimagipfel in Paris haben gerade erst wieder Klimaforscher darauf hingewiesen, dass die Herangehensweise an globale Herausforderungen eben nicht nur eine technische Seite habe, sondern auch durch eine Neuausrichtung der Handlungmuster von Akteuren in Politik und Wirtschaft begleitet werden müsste. Bereits beim COP 15 in Kopenhagen war deutlich geworden, dass der Klimawandel vor allem auch Ausdruck des Versagens tradierter Politik- und Governance-Prozesse ist. Was läge näher als die globalen Interdependenzen als Grundlage politischer Entscheidungen sowie das Versagen der überholten Governance-Mechanismen (hierbei kann das Wirken der Sunlight-Foundation gar nicht hoch genug eingeschätzt werden) zu visualisieren, um auf diese Weise den Blick für Kontexte zu erlernen?

Mit digitalen Tools Muster offenbaren und Kontexte darstellen?

Dass dabei die Mustererkennung in Datenströmen, die den globalen Herausforderungen zugeordnet werden können, nicht das “Warum” ersetzen und dies als Beschränkung zu verstehen, wäre dabei aus meiner Sicht etwas zu kurz gesprungen, geht es doch zuvorderst erstmal nur um das Erkennen von Mustern per se, deren Kausalität dann Gegenstand einer weitergehenden Analyse sein könnte. Das von IBM gestartete Smarter Planet Projekt geht durchaus in diese Richtung; der Name des Projektes führt aber etwas in die Irre, leider fokussiert sich IBM allein auf Unternehmen. Auch die von Google initiierten Sidewalk Labs zeigen auf, welche Bedeutung der Erfassung von Kontexten und deren Visualisierung als Grundlage politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen (in diesem Fall auf kommunaler Ebene) in Zukunft zukommen könnte. Wie dies aber bezüglich globaler und primär nicht-ökonomischer Problemlagen aussehen könnte, zeigen uns ausgerechnet die (Rück-) Versicherer und das eher konservative World Economic Forum in ihren aktuellen Studien. Dass die drögen (Rück-) Versicherer diejenigen Institutionen sind, die einen Weg aufzeigen können, überrascht nur auf den ersten Blick. Gerade Versicherungen mit ihrer Notwendigkeit der Quantifizierung von Risiken und bei den Rückversicherern die Notwendigkeit zur Vorausschau haben inzwischen dazu geführt, dass diese inzwischen mit spannenden Darstellungsweisen und Mustererkennungen aufwarten. So beschreibt eine aktuelle Lloyds-Studie ausführlich den Zusammenhang zwischen politischer Instabilität, Terrorismus, Klimawandel, Wasserknappheit und Globalisierung sowie der Veränderung von Essgewohnheiten. Interessanter Weise verweist Lloyds in dieser Studie auf die Unsicherheit des dargestellten Szenarios aufgrund von Datenunsicherheit bezüglich der ökonomischen Interdependenzen und der klimatischen Veränderungen und nicht etwa in Folge unterschiedlicher Interpretationsansätze. Wenn man die gezeigten Kontexte von wärmerem Klima, mehr Schädlingsbefall, mehr Pestiziden und der darauf folgenden chemischen Verseuchung der Landstriche, die mehr Pestizide anwenden und gleichzeitig mehr Überschwemmungen zu ertragen haben, wird nachvollziehbar, was es bedeutet in Kontexten zu denken. Die Studie schliesst mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit umfassender Datensammlungen: “Further research should seek to quantify the impacts of a systemic shock to the food system to insurers’ portfolios, so that estimations of loss can begin to be made.” Im aktuellen Global Risk Report des World Economic Forums finden sich erneut einige methodische und inhaltliche Ansätze, die über die monothematische Ausrichtung eines großen Teils sonstiger Globalisierungs-Studien hinausgehen. Die interdisziplinäre Sicht auf globale Megatrends ist mit Sicherheit keine Erfindung des WEF. Es ist jedoch bemerkenswert, wenn diese Sichtweise im Entscheider-Mainstream angekommen zu sein scheint, bei den Entscheidungen aber letztlich dann doch keine wichtige Rolle zu spielen scheint. Anhand der Info-Graphiken des Reports kann man schnell erkennen, dass 2007 zu Beginn der Erstellung des Indizes ökonomischen Risiken und Trends eindeutig die Agenda der befragten Entscheider bestimmt haben, wohingegen heute Fragen der sozialen Ungleichheit, des Klimawandels und der Versorgung mit Trinkwasser die dominierenden Trends zu sein scheinen. Durch weitere Darstellungen ist eine Analyse der regionalen Besonderheiten, der Veränderungen im Zeitverlauf und der wichtigsten Treiber möglicher sozialer und zwischenstaatlicher Konflikte erkennbar, ohne dass der gesamte Bericht gelesen werden müsste. Insbesondere wird durch die Visualisierung der Interdependenzen sehr schnell deutlich, dass soziale Ungleichheiten und das Versagen tradierter Governance-Mechanismen im Zentrum der Aufmerksamkeit politischer Akteure stehen müsste. Bei einer Trendbetrachtung tritt zudem der Kimawandel als extrem weitreichender themenübergreifender Trend hervor. Die dargestellten “Karten der Interkonnektivitäten” und Datenvisualisierungen gehen weit über die bekannten Excel-Balken-Diagramme hinaus und ermöglichen auf einen Blick die Erfassung der globalen Komplexitäten. Allein: Nutzt die deutsche Politik solche Visualisierungen oder die Erkenntnisse dieser interdisziplinären Perspektiven? Leider wird der ganzheitliche Ansatz des WEF etwas getrübt, wenn es Nutzern trotz mehrmaliger Ansprache über die soziale Medien keine Erlaubnis erteilt, die im Report vorliegenden Info-Graphiken zu nutzen. Dies steht dann im deutlichen Widerspruch zum eigenen Anspruch, mit dem Report die Welt ein Stück weit zu verbessern. Einen einfach umzusetzenden Ansatz, durch populäre und einfache Datenvisualisierungen ein gewisses Bewusstsein bei Entscheidern und der Bevölkerung für globale Herausforderungen zu schaffen, hat Conrad Hackett vom Pew Research Center mit seinem bereits mit Auszeichnungen versehenen Twitter-Account gewählt:

Speziell auf den Klimawandel fokussiert ist “Climate Central”, eine unabhängige Vereinigung von Journalisten und Wissenschaftlern, die es sich zum Ziel gesetzt haben: “Communicate the science and effects of climate change to the public and decision-makers.”

Die NGO veröffentlicht auf ihrer Plattform in regelmäßiger Abfolge Karten und Info-Graphiken, die den Klimawandel und seine Auswirkungen in einen für den Bürger und Konsumenten nachvollziehbaren Kontext stellen und damit diesen globalen Trend erfahrbar machen. Leider wird auch dieses Ansinnen unverständlicher Weise durch eine restriktive Weiterverwendung der Karten ein Stück weit konterkariert.

Big Data und Visualisierungen im Kampf gegen globale Herausforderungen

Die aufgezeigten Beispiele haben deutlich gemacht, dass wir längst in einer globalisierten Realität leben, die nicht mehr zu unseren nationalstaatlich beschränkten Sicht auf die Gesellschaft und Politik passen. Oder umgekehrt: Wir agieren in einem thematisch reduzierten politischen Raum, der uns vorgaukelt, wir könnten den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts mit dem politischen Verständnis des 20. Jahrhunderts begegnen.

Ausgewählte wissenschaftliche Institute, einzelne Wissenschaftler und Journalisten zeigen uns mit ihrer Arbeit methodisch und inhaltlich den Weg, den unsere Politik eigentlich schon heute nehmen müsste. Die Digitalisierung unseres Lebens stellt in diesem Kontext eine außergewöhnliche Chance dar, gerade in dem Moment einen Blick für globale Problemlagen zu bekommen, in dem diese das erste Mal mit voller Wucht auf uns zukommen.

Wir sollten uns diese Chance nicht durch unnötiges Copyright wissenschaftlicher Forschung, eigennutzorientierte (und zu Lasten der Menschheit agierende) Konzerne, provinziell denkende Entscheider oder durch politische Entscheidungen, die immer noch nationalstaatliches über internationales Interesse stellen, verbauen lassen.


Image (adapted) „Bundestag“ by Thomas Quine (CC BY 2.0)


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Ole Wintermann

Ole Wintermann

arbeitet seit 2002 bei der Bertelsmann Stiftung. Zuvor war er an den Universitäten Kiel und Göteborg und bei der Gewerkschaft ver.di tätig. Er baute in den letzten Jahren die internationale Bloggerplattform Futurechallenges.org auf, bloggt privat auf Globaler-Wandel.eu, ist Co-Founder der Menschenrechtsplattform Irrepressiblevoices.org (http://irrepressiblevoices.org/) und engagiert sich im virtuellen Think Tank Collaboratory.

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