Das „Spotify-Problem“ und wie man es lösen kann

Spotify ist großartig für Nutzer und katastrophal für die Künstler. Doch dabei wäre es so einfach, den Streaming-Dienst für alle gleich ansprechend zu machen. Das Spotify-Problem lässt sich leicht darauf herunterbrechen, dass Musiker für ihre Musik nicht angemessen bezahlt werden. Darüber wird nicht erst seit dem medienwirksamen Rückzug von Taylor Swift  in den Medien diskutiert. Alle waren damit beschäftigt, den Nutzer vom illegalen Download von Musik abzuhalten – mit Spotify und Co. ist dies endlich gelungen. Allerdings ist das daraus entstandene Geschäftsmodell zu sehr zugunsten der Nutzer ausgefallen. Doch während sich alle einig sind, dass sich etwas daran ändern muss, gibt es nur wenig konstruktive Vorschläge, wie man dieses Problem lösen kann, wie die Seite Startupmusician zeigt.

Schritt 1: Neue Musik entfernen

Spotify kann sehr viel von der Filmindustrie lernen. Aktuelle Kinofilme findet man logischerweise bei Netflix zum Beispiel nicht – klar, wer würde denn sonst noch für einen Kinobesuch Geld ausgeben. Trotzdem, obwohl Netflix also keine aktuellen Filme hat, nutzen über 50 Millionen zahlende Abonnenten den Dienst. Spotify hat im Vergleich 40 Millionen Nutzer insgesamt, von denen nicht alle zahlen, aber trotzdem immer die aktuellste Musik geboten bekommen. Spotify sollte sich an Netflix orientieren und alle Musik, die jünger als sechs Monate ist, entfernen. Dadurch kaufen die Konsumenten das Album entweder, oder besorgen es sich auf anderem Weg, worauf ich später noch eingehen werde.

Schritt 2: Schluss mit der Umsonstmentalität

Wie bereits erwähnt hat Spotify 40 Millionen Abonnenten – davon zehn Millionen zahlende und 30 Millionen, die den Dienst kostenlos nutzen. Es wäre natürlich sehr einfach jetzt zu sagen, wenn die 30 Millionen auch zahlen, kann jeder Künstler fair bezahlt werden. Ganz so einfach ist es zwar nicht, aber ganz in die falsche Richtung ist dies auch nicht gedacht. Denn die zehn Millionen zahlenden Premium-Nutzer generieren jeweils zehn US-Dollar beziehungsweise Euro im Monat, während der Betrag aus den Werbeeinnahmen der kostenlosen Nutzer gerade einmal bei zwei US-Dollar im Monat liegt. Es ist also ein sehr großes Ungleichgewicht, bei dem ein Viertel der Nutzer durch die Premium-Gebühren den Großteil der Einnahmen generiert, während die große Masse, also drei Viertel der Nutzer, gerade einmal auf ein Fünftel dieses Betrages kommen.

Spotify zahlt keinen festen Betrag pro Stream, sondern ermittelt diesen variabel, unter Berücksichtigung der monatlichen Einnahmen, der Streams des jeweiligen Künstlers im Verhältnis zu der Gesamtanzahl an Streams und der 30 Prozent Gebühr, die Spotify für sich behält. Dies ergibt einen durchschnittlichen monatlichen Betrag pro Stream von 0,00521 US-Dollar. Die kostenlosen Nutzer verwässern also die Einnahmen aller Künstler. Natürlich kann Spotify nun nicht einfach die kostenlosen Accounts abschaffen, in der Hoffnung dass dann alle Nutzer zu einem Premium-Zugang greifen. Was Spotify aber dringend benötigt, ist ein ausgewogeneres Verhältnis von zahlenden und kostenlosen Nutzern. Dies könnte auf zweierlei Art erreicht werden.

 1: Zugang der kostenlosen Nutzer limitieren

Momentan haben Nutzer mit einem kostenlosen Konto Zugriff auf den vollen Spotify-Katalog. Genauso, wie auch Nutzer, die für einen Premium-Zugang zehn Euro im Monat zahlen. Der Unterschied zwischen den beiden Kontoarten ist also lediglich eine gelegentliche Werbeeinblendung. Also muss der Unterschied zwischen kostenlosem und zahlendem Kunden deutlich größer werden.

2: Exklusive Inhalte

Spotify braucht letztendlich so etwas wie House of Cards bei Netflix. Was wäre wohl passiert, wenn Taylor Swift ihr Album nicht komplett zurückgezogen, sondern exklusiv nur bei Spotify angeboten hätte? Wenn man nun noch Schritt eins umgekehrt anwendet und Spotify Premium für sechs Monate die Exklusivrechte an neuen Alben bekannter Musiker erhält (natürlich lässt sich Spotify dies etwas kosten), bevor diese dann bei iTunes und Co. zu finden sind, dürften die Premiumnutzerzahlen massiv ansteigen.

Schritt 3: Spotify VIP

In Schritt eins haben wir alle Musik von Spotify entfernt, die neuer als sechs Monate ist. Die Konsequenz wäre, dass Konsumenten das Album nun kaufen müssten, oder Spotify VIP abonnieren. So zumindest die Idee von Startupmusician: Für zehn Dollar (bzw. Euro) im Monat können Nutzer einen VIP-Status buchen, der unabhängig vom Premium-Status ist. Dafür erhält der Nutzer exklusiven Zugang zu den neuesten Alben, exklusiven Spotify-Sessions und dem gesamten Back-Katalog der Künstler in der eigenen Top 5-Liste. Von diesen zehn Dollar behält Spotify 1,50 Dollar und die Künstler die restlichen 8,50 Dollar – das würde für jeden Künstler in meiner Top 5-Liste einen Betrag von 1,70 Dollar pro Monat bedeuten. Natürlich soll der Nutzer in der Lage sein, diese Liste jeden Monat zu ändern. Wenn also zum Beispiel Taylor Swift für sechs Monate in meiner Top 5-Liste bleibt, würde sie 10,20 Dollar erhalten, also so viel, wie auch der Download des Albums gekostet hätte. Nach sechs Monaten wandert das neue Album dann in den Back-Katalog und ist dort auch für Premium-Nutzer verfügbar.

Realistisch?

Dieses Gedankenspiel ist vor allem eins, hochinteressant. Denn zum einen würden die Konsumenten nun die Künstler, die sie hören, direkter unterstützen können und zudem könnten die Künstler auf diesem Weg ihren Lebensunterhalt bestreiten. Dabei geht es natürlich nicht nur um Superstars wie Taylor Swift, sondern auch um die abertausend unabhängigen Musiker, die auf eine angemessene Bezahlung für ihre Werke hoffen. Zugegeben, das Spotify VIP-Modell von Startupmusician ist etwas sehr optimistisch gedacht. Realistischer wäre sicher, wenn kostenlose Nutzer keinen Zugriff auf Musik der letzten sechs Monate hätten, Premium-Nutzer dafür aber schon. Der VIP-Zugang könnte dann für einen geringeren Preis hinzugebucht werden. Aber dies ändert nichts daran, dass die Grundidee sehr gut ist und durchaus realistisch klingt.

Die Kritik an Spotify in den letzten Monaten und Jahren ist also nicht ganz richtig. Spotify ist nicht von Grund auf das Ende der Musikindustrie – vielmehr birgt Spotify viel Potenzial, vorausgesetzt die Strukturen werden geändert. Es gibt also eine Lösung für das Spotify-Problem. Doch wie kann man diese Lösung umsetzen? Zunächst einmal könnten alle Künstler ihre Musik von Spotify und Co. zurückziehen um Druck auf das Unternehmen auszuüben – Geld verdienen sie mit dem Dienst ja derzeit eh nicht. Wie realistisch dies ist, sei mal dahin gestellt. Spotify steht allerdings bereits ohnehin unter Druck, denn wenn das Unternehmen nicht etwas ändert um die Künstler zufriedener zu stimmen, wird ein anderer Anbieter dieses oder ein ähnliches Konzept umsetzen, mit dem Erfolg an Spotify vorbeiziehen und es am Ende wie Myspace dastehen lassen.


Image (adapted) „Spotify Feb 2012“ by the_studios (CC BY 2.0)


Schlagwörter: , , , ,
Daniel Kuhn

Daniel Kuhn

ist Wahl-Berliner mit Leib und Seele und arbeitet von dort aus seit 2010 als Tech-Redakteur. Anfangs noch vollkommen Googles Android OS verfallen, geht der Quereinsteiger und notorische Autodidakt immer stärker den Fragen nach, was wir mit den schicken Mobile-Geräten warum anstellen und wie sicher unsere Daten eigentlich sind. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

More Posts - Website - Twitter - Facebook - Google Plus