Das russische Exil-Medium Meduza erreicht englische Leser

Mit Aggregation und Übersetzungen von Meldungen über Russland erreicht die russische Website Meduza im Exil vor allem englischsprachige Leser. In einem Moment, in dem die Aufmerksamkeit der Welt wieder einmal auf Osteuropa gerichtet ist, entsteht ein neues Ventil in den neuen Medien und nutzt eine Mischung aus Übersetzung und Sammlungen, um Nachrichten aus Russland für ein englischprachiges Publikum bereitzustellen. Die englischsprachige Ausgabe der lettischen Internetzeitung Meduza wurde Anfang Februar freigeschaltet und beschreibt sich selbst als „Russlands freie Presse im Exil„.

Die Geschichte um Meduza beginnt mit einer anderen berühmten russischen Nachrichtenseite namens Lenta.ru. (Manch einer in den westlichen Ländern mag den Namen schon einmal gehört haben, denn die Society of News Design ernannte sie zur bestdesignten Website im Jahr 2013.) Im März 2014 wurde Galina Timschenko als Chefredakteurin von den milliardenschweren Inhabern der Seite entlassen. Lenta.ru hatte einen Artikel veröffentlicht, in dem ein Interview mit einem ukrainischen Nationalisten verlinkt war. Dieser enthielt einen von der Roskomnadzor, der Regulierungsbehörde der Medien in Russland, als „extremistisch“ erachteten Inhalt. Timschenko wurde von einem Redakteur ersetzt, der sich für den Kreml aussprach. Als Folge kündigten Dutzende Mitarbeiter ihre Stelle aus Protest.

Wir sind nicht [die] Opposition„, sagt Benyumov, „und Meduza sollte nie gegen etwas sein. Wir sind für den Common Sense. Leider war es für uns nicht möglich, noch länger in Russland zu bleiben, darum mussten wir gehen. Wir sind auch nicht hier, um Putin eins auszuwischen oder den Kreml mehr als nötig zu kritisieren. Wir wollen lediglich sichergehen, dass, wenn die Notwendigkeit besteht, eine solche Kritik ausüben zu müssen, wir dazu in der Lage sind, diese anzubieten. Wir glauben, als Journalisten ist dies unsere Aufgabe.

Timschenko und einige Kollegen von Lenta.ru haben nun eine Redaktion in Riga eröffnet, denn hier können sie unabhängig bleiben, und hoben im Oktober 2014 die russischsprachige Nachrichteneite Meduza aus der Taufe. Meduza veröffentlicht originelle Stories und nimmt zudem Nachrichten außerhalb des russischsprachigen Internet auf, fügt eigene Inhalte hinzu und verdeutlicht die Details, die den Lesern helfen, ein vollständigeres Bild von der Geschichte zu bekommen. Im vergangenen Monat erreichte die Seite die Marke von zwei Millionen Besuchern im Monat.

Ein paar Monate nach der Veröffentlichung von Meduza entschied sich das Team dazu, auch englischsprachige Inhalte über Russland und die Region zu produzieren, denn ihnen ist aufgefallen, dass es bisher an Nachrichten in einer bestimmten Qualität und in englischer Übersetzung fehlte. „Wir haben gemerkt, dass wir die entsprechende Expertise und das Training haben, um die wirklich wichtigen Stories da draußen zu bekommen„, meint Redakteur Konstantin Benyumov. Die englischsprachige Seite zielt auf an Russland interessierte Beobachter und nicht-russischsprachige Leser aus dem Ausland ab, die sich für Ereignisse in der Region interessieren. Benyumov beschreibt diese als „unvoreingenommene und objektive Informationen„. Gegenwärtig nimmt die englische Version etwa 15 bis 20 Prozent der Arbeit ein, die bei Meduza am Tag anfällt.

Ein paar Tage nach der Veröffentlichung der englischen Version berichtete Benyumov, dass die meisten Besucher der Seite aus Russland stammten, an zweiter Stelle kamen jene aus den USA, darauffolgend Leser aus der Ukraine, Großbritannien und Deutschland. Trotz diesen Kaltstarts und ohne Budget für Werbung, hatte die englische Seite in den ersten vier Tagen bereits 93.496 Klicks und etwa 75.700 Einzelbesucher, sowie über 1.000 Follower auf Facebook und Twitter.

Benyumov arbeitete eng mit dem US-amerikanischen Produzenten und Hauptübersetzer Kevin Rothrock zusammen. Rothrock besitzt einen Masterabschluss in sowjetischer Geschichte und bloggt seit 2010 über Russland. Er ist Projektleiter von Global Voices RuNet Echo. Hierbei geht es um Übersetzungen aus dem russischsprachigen Internet. Heutzutage steht Rothrock um vier Uhr früh auf, bespricht sich mit seinem Team in Riga und übersetzt und „schnippelt“ die Nachrichten zurecht. Er durchsucht die russische Seite von Meduza, die Presseagenturen (inklusive TASS und Interfax) und Zeitungen des ganzen Landes und den Regionen sowie Parlamentsdokumente und andere Gremien, sogar die russisch-orthodoxe Kirche. Dabei entscheidet er, welche vier oder fünf kürzeren Meldungen er für das englischsprachige Publikum sammeln, übersetzen und zurechtschnippeln soll.

Über 90 Prozent dessen, was man auf der Seite lesen kann, wurde von mir übersetzt„, sagt Rothrock. Im Bedarfsfall meldet sich auch Meduza, um freie Übersetzungen zu bekommen. Das meiste, was Meduza von gesammelten Quellen reproduziert, besteht aus ein paar Sätzen oder einem Absatz mit einem Link zur Originalquelle auf Russisch, erläutert Rothrock. Meduza kann Informationen hinzufügen, die die in Russland arbeitenden Journalisten nicht einbringen können, weil sie meinen, das Thema wäre zu sensibel, außerdem kann hier Hintergrundwissen hinzugefügt werden und ein Kontext geliefert werden, der das Thema den Lesern außerhalb Russlands und der Region näherbringt.

Rothrock fragt auch: „Was ist der Mehrwert, wenn man eine Nachricht aus dem Kreml in seiner Kernaussage übersetzt? Und trotzdem gilt in Stichpunkten und auf die Weise, wie wir die Zitate kennzeichnen, dass der Leser seine Aufmerksamkeit auf etwas richtet, das er nicht aus den Meldungen der Presseagenture herauslesen kann.

Manchmal heißt das auch, dass die Sprache angepasst werden muss: In einem vor kurzem erschienen Bericht entschied sich Rothrock beispielsweise dazu, von „internen Dokumenten“ statt von „internen Pässen“ zu schreiben, denn „für die meisten Leute, die diese Nachricht auf englisch lesen, ist das Konzept der internen Pässe nicht übersetzbar.

Die ausführlicheren Berichte von Meduza, die meist von Korrespondenten aus Russand verfasst werden, umfassen meist etwa 4.000 Worte. Rothrock braucht mehrere Stunden bis hin zu einer Woche, um diese komplett zu übersetzen. Während bei Meduza ernste politische und wirtschaftliche Themen mit Überschriften auf der Homepage stehen, inklusive dem bisher meistgelesenen Bericht „A city caught in a vice„, in dem sich auf die ukrainische Stadt Debaltseve konzentriert wird, bemüht man sich ebenso, die russische Kultur und die fröhlichere Seite der russischen Medien zu betonen. Zwei der beliebtesten Postings der ersten Woche waren einmal das Quiz „Does Russia ban it or allow it?“ und ein Beitrag mit winterlichen Bildern aus der Stadt, in der der oscarnominerte Film Leviathan gedreht wurde.

Benyumov und Rothrock sagen beide, dass sie im Dunkeln tappen, was die finanzielle Situation von Meduza angeht, denn es ist nicht bekannt, wer die Betreiber der Seite sind. Beide sagen auch, dass das gegenwärtige politische Klima in Russland dazu beigetragen haben kann. Dennoch, abgesehen von der momentanen Stimmung unter den Journalisten in Russland, die zur Gründung von Meduza geführt hat, besteht Benyumov darauf, dass die Seite nicht politisch Stellung nehmen möchte.

Wir sind nicht [die] Opposition„, sagt Benyumov, „und Meduza sollte nie gegen etwas sein. Wir sind für den Common Sense. Leider war es für uns nicht möglich, noch länger in Russland zu bleiben, darum mussten wir gehen. Wir sind auch nicht hier, um Putin eins auszuwischen oder den Kreml mehr als nötig zu kritisieren. Wir wollen lediglich sichergehen, dass, wenn die Notwendigkeit besteht, eine solche Kritik ausüben zu müssen, wir dazu in der Lage sind, diese anzubieten. Wir glauben, als Journalisten ist dies unsere Aufgabe.

Zuerst erschienen auf niemanlab.org. Übersetzung von Anne Jerratsch.


Teaser & Image by rogiro (CC BY-NC 2.0)


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Lydia Tomkiw

Lydia Tomkiw

ist eine in New York City lebende, freie Journalistin. Sie hat ihren Abschluss an der Wesleyan University gemacht und hat im Rahmen eines Programms der Princeton University über asiatischen Journalismus für "The Jakarta Globe" in Indonesien gearbeitet. Zur Zeit studiert sie an der Columbia University.

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