Das Problem mit Selfies an Gedenkstätten

Wo hört Dummheit auf und wo beginnt Respektlosigkeit? Die heutige Selfie-Kultur provoziert diese Frage – Duckfaces vor der Gaskammer in Auschwitz sind eben nicht ganz unverfänglich. //von Anna Maria Landgraf

SULAWESI or CRESTED BLACK MACAQUE (Macaca nigra).   Sulawesi, Indonesia.

Selfies mit der typischen Instagram-Optik gehören für Jugendliche zum Wochenend-Trip dazu. Das Foto mit der besten Freundin im Hotelzimmer-Spiegel ist schnell gemacht. Zum wahren Kunststück wird es, wenn das Setting eine dunkle Vorgeschichte hat: wie zum Beispiel Auschwitz. Oder das Holocaust-Denkmal in Berlin. Da möglichst elegant den Übergang zwischen Thai-Food-Bildern und Duckface-Selfies zu finden ist nicht ganz einfach. Zugegeben. Aber mit ein wenig Feingefühl ist auch das zu schaffen – einfach das überhebliche Grinsen und die Player-Pose weglassen.


Warum ist das wichtig? Der Umgang mit Gedenkstätten spiegelt die kulturelle Bildung wider und zeigt, ob die Besucher bisher ausreichend Bewusstsein für die Geschehnisse entwickelt haben. Das Thema Selfie an Orten wie Auschwitz ist kontrovers, da es nicht gerade Respekt gegenüber den Opfern ausdrückt.

  • Jugendliche machen auch an Orten wie z.B. dem deutschen Konzentrationslager Auschwitz Selfies, ohne über den Ort genauer nachzudenken.
  • Auch die Hashtags unter den Fotos auf Instagram zeigen einen besorgniserregenden Umgang mit der Geschichte an Mahnstätten und Denkmälern.
  • Die junge Generation ist mit sozialen Medien aufgewachsen. Sie kennen sich aus, müssen aber erste einmal lernen, was an Gedenkstätten angemessen ist und was nicht.

Zu wenig Geschichtsbewusstsein oder einfach nur Unreife?

Die Facebook-Gruppe „With my Besties at Auschwitz“ (Übersetzung von The New Yorker) postete auf ironische Art und Weise Bilder israelischer Jugendlicher auf Klassenfahrt ins Konzentrationslager und löste damit eine Debatte über den Selfie-Trend aus. Die Seite erhielt über 12.000 Likes, bevor sie nach zwei Tagen gelöscht wurde. Bilder von posenden Mädchen vor einem Berg aus Menschenstaub lassen Bedenken zu, ob die Schüler vielleicht zu wenig Geschichtswissen vermittelt bekommen. Sogar das israelische Parlament debattierte über diese Vermutung.

Die Huffington Post befragte zwei Experten zu diesem Thema: Thorin Tritter, Mitwirkender in der Studie zum Thema Ethik in Auschwitz, meint, dass die Jugendlichen die Bilder nur als Souvenir wahrnehmen würden. „There is not one response„, sagt Tritter. J.P. Weisman, Student an der Universität in Tel Aviv, meint dazu: „I think the problem is not the Selfie – it´s the self-awareness.“ Und Jugendliche würden das nötige Bewusstsein dafür erst entwickeln, meint er. Das Smartphone sei „eine mächtige Waffe in den Händen von Kindern„. Ob Selfies an Orten wie Auschwitz nun richtig oder falsch sind, ist schwer zu beantworten. Aber wenn die iraelischen Schüler schon Selfies vor Aschehaufen und Gaskammern machen müssen, dann bitte mit ein wenig Respekt vor den Opfern.

Aber auch Orte wie das Holocaust-Mahnmal in Berlin werden zur eitlen Selbstinszenierung missbraucht. Der „Schaut-mal-wie-geil-ich-doch-aussehe“-Blick dieses jungen Mannes ist wohl eher unpassend vor einem Ort, der an die sechs Millionen ermordeter Juden erinnern soll.

#holocaustmemorial #berlin #germany

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Netter Versuch – aber ein aufgesetzt trauriger Blick ist auch nicht besser. Hier zu sehen bei zwei Mädchen auf der Toilette in der Gedenktstätte Auschwitz.

http://instagram.com/p/pdq0ZZh4d7/

Das Selfie als rücksichtslose Selbstinszenierung

Elisabetz Losh, Initiatorin einer Studie über Selfies, bezeichnet das Selfie als transnationales Phänomen, das auf den jeweiligen Ort fixiert ist, nicht nur auf die zur Schaustellung von Gesichtern. Der Ort sollte demnach im Vordergrund stehen und auch angemessen gewürdigt werden. Leider liefert Instagram den Gegenbeweis: was da unter dem Hashtag #Holocaust oder #Auschwitz umhergeistert, lässt die Generation Selfie ganz schön dumm aussehen.

Tja, ohne Worte. Fehlt nur noch der Hashtag #Yolocaust.

http://instagram.com/p/n3cBwjlch5/

Dieser kleine Junge ist sich anscheinend nicht ganz bewusst, dass er gerade dort steht, wo Millionen von Menschen unglaubliches Leid ertragen mussten – oder warum freut er sich denn so?

http://instagram.com/p/oMjweMJ4zN/

Sonnenbrille muss sein – sonst sieht ja jeder deine Tränen. Und wer will das schon, oder?

http://instagram.com/p/oCDjDYhOph/

Ob die Lagerinsassen die qualvolle Zeit im KZ Auschwitz wohl auch mit offenen Armen begrüßt haben? Naja, wenigstens ist ein schönes Facebook-Bild dabei raus gekommen. Sieht sehr melancholisch aus.

 


Teaser & Image by the depicted Macaca nigra female (CC BY 2.0)


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Anna-Maria Landgraf

Anna-Maria Landgraf

studiert Philosophie und Politikwissenschaft im Master und hat während ihres Journalistik-Bachelors Erfahrungen im Print-, Online- und TV-Bereich gesammelt. Seit Juni 2014 schreibt sie für die Netzpiloten vor allem über Medien und Gesellschaft.

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