bw hacked (Image: Andrew Turner [CC BY 2.0], via Flickr)

Das Kreuz mit dem crossmedialen Journalismus

Der ehemalige Journalist und Netzpiloten-Gründer Wolfgang Macht kommentiert die aktuelle Debatte um die heutigen Anforderungen im digitalen Journalismus. // von Wolfgang Macht

bw hacked (Image: Andrew Turner [CC BY 2.0], via Flickr)

Eine rege Diskussion entfachte unser Beitrag „6+ Fähigkeiten, die der Journalist von heute drauf haben sollte“ von Andreas Weck. Hierauf erwidert Wolfgang Macht mit einem Kommentar zur Gefahr der Selbstausbeutung bei Online-Journalisten.

„So sehr ich die aktive Rolle junger Journalisten bewundere, mit der sie die Zukunft der Zunft in die Hand nehmen, so wenig gefällt mir doch die klaglose Bereitschaft, sich all die Disziplinen aufzubürden, die auch in schöner Arbeitsteilung und Kongenialität zu herausragenden journalistischen Arbeiten führen können. Der Gedanke, dass ein aufwändig recherchiertes und mit viel Konzentration geschriebenes Stück vom selben Textarbeiter auch noch optimal multimedial angereichert, gelayoutet und in allen Social Media Kanälen rauf und runter promotet werden soll, macht mich doch sehr müde. Seit wann dürfen wir eigentlich nicht mehr mit Stolz das arbeiten, was jeder für sich am besten kann? Multitasking schön und gut, aber ich schätze doch auch über alles die tollen Momente, wenn Fachkenntnis und Leidenschaft verschiedener Disziplinen zusammen kommen.

Ich habe in den 90er Jahren ein paar Jahre bei einem Wochenmagazin gearbeitet und es sehr genossen, wenn ich gemeinsam mit Bildredakteuren, Layoutern, und Schlussredakteuren um die optimale Qualität eines Stücks gerungen habe. An welcher Stelle haben wir im Netz eigentlich beschlossen, dass wir all das nicht mehr brauchen? Nur weil die dicken publizistischen Schiffe offenbar nicht mehr zeitgemäß sind, machen wir jetzt also alles selbst und können nicht einmal von unserer Arbeit leben? Na, das läuft ja bestens.

Musiker und Schriftsteller haben derzeit das gleiche Problem mit ihren einstmals wichtigen und heute offensichtlich veralteten und überforderten Ko-Strukturen. Die Haltung der Digitalwelt wirkt dazu oft recht kaltschnäuzig: Die Künstler sollen einfach via Internet direkt zu ihren Endkunden durchdringen und als ihr eigener Promoter, Fanbetreuer und Ticketverkäufer agieren. Einer von Tausend kann das vielleicht auch ganz lässig. Die meisten wollen ihr Tagwerk aber mit dem verbringen, was sie glauben am besten tun zu können und sind gerne bereit, gute Prozente ihrer Erlöse abzugeben an andere Experten, die das Erzeugnis erfolgreich machen. Was ist daran falsch?

Ich plädiere dafür, dass wir im eigenen Interesse die publizierenden Disziplinen nicht pauschal zugunsten einer selbstausbeutenden Do-it-yourself-Kultur demontieren. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe als alter HBO-Fan die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass wir eines Tages vergleichbar dazu noch Premium Online- Journalismus Netzwerke sehen werden.“


Teaser & Image „bw hacked“ (adopted)) by Andrew Turner (CC BY 2.0)


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Wolfgang Macht

Wolfgang Macht

geb. 1966, ist Gründer und Vorstand der Netzpiloten und zählt zu den Pionieren der deutschen Internet-Macher. Er hat den Internet Boom seit 1995 mit allen Höhen und Tiefen erlebt. Die Plattform www.netzpiloten.de begleitet die digitale Revolution erst als virtueller Reiseführer für Netz-Neulinge (Webtouren) und heute als smartes Autoren-Magazin aus der Mitte der Digital-Szene.

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