Simone GerdesmeierDas Jahr der 140 Zeichen

Ein Rückblick 2008 schien sich die Nation zu spalten: In Twitterbegeisterte und Twitterverweigerer. Obwohl schon 2006 gestartet, erlebte der Microblogging-Dienst im vergangenen Jahr einen Hype. Blogger erklärten Twitter, Videos erklärten Twitter, einige erklärten Twitter zum Verantwortlichen für ein mögliches Blogsterben. Aber was tat sich nun genau im Jahr 2008? Die Blogpiloten werfen einen Blick zurück. Failwhale Twitter-Haustier, in letzter Zeit etwas seltener gesehen: der Failwhale (Screenshot von laterhause, flickr.com Creative Commons) Noch immer ist Twitter eher ein Nischendienst für die besonders Webaffinen. Nach den Early Adopters entdeckte 2008 aber eine zweite Generation von Twitterern das Microblogging in 140 Zeichen. Auf die twitternden Privatpersonen folgten Politiker – allen voran Barack Obama und die übrigen Präsidentschaftskandidaten, aber zum Beispiel auch das Büro von Großbritanniens Premier Gordon Brown (@downingstreet) und SPD-Generalsekretär Hubertus Heil (@hubertus_heil). Auch die Presse hat Twitter als Verbreitungskanal entdeckt – viele Redaktionen spielen lediglich ihren Feed in die Twittertimeline, Welt Kompakt (@weltkompakt), die TAZ online (@taz_online) und Zeit online (@zeitonline) etwa twittern aber auch persönlich. Hier ein kleiner chronologischer Rückblick – natürlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Januar Auch Twitter bleibt vom Wahlfieber in den USA nicht verschont. Pünktlich zu den Vorwahlen in New Hampshire, traditionell die ersten in den USA, startet Politweets. Der Dienst aggregiert die Erwähnungen der Kandidaten auf Twitter und listet sie übersichtlich auf: Demokraten links, Republikaner rechts (mittlerweile ist die eigentliche Seite politweets.com wieder offline). Politweets kam nicht von Twitter selbst – die Macher nutzten die offene API Twitters, um ihre Anwendung dort aufzusetzen. Februar Anfang des Monats ist in einigen Bundesländern Karneval. Von Twitterern scheint dieses kulturelle Großereignis aber weitgehend ignoriert zu werden. Dafür startet im November der Kölner Karneval höchstpersönlich seinen Twitter-Account. März Colorwars Im März fragt sich Twitterer @zefrank, warum man über Twitter nicht auch spielen sollte. So werden die Colorwars geboren, laut Ze Frank so etwas wie die amerikanischen Summer Camps. Die Regeln sind einfach: Teams benennen sich nach einer Farbe, Twitterer folgen dem Team ihrer Wahl, zeigen ihre Teamzugehörigkeit mit ihrem Avatar – und die Spiele können beginnen. Organisationszentrale ist die Website colorwar2008.com/. Punkte sammeln die Teams zum Beispiel mit dem Klassiker „Schere, Stein, Papier“, mit Fotowettbewerben und Song Contests. Der Enthusiasmus hält sich nur bis Mai, aber bis dahin spielen Hunderte Twitterer mit. Eine Fortsetzung 2009 ist anscheinend geplant. April Arrested Twitter befreit Studenten aus dem ägyptischen Gefängnis! So oder so ähnlich lauten zumindest die Schlagzeilen, die im April für Wirbel sorgen. Das ist passiert: Der US-amerikanische College-Student James Buck reist nach Ägypten, um für sein Studium die Proteste gegen die ägyptische Regierung zu beobachten. Als er eine Demo fotografiert, wird er verhaftet. Die Beamten nehmen ihm aber nicht, wie sonst üblich, sein Mobiltelefon ab. Und so twittert Buck aus dem Gefängnis ein Wort: Arrested. 24 Stunden nach seiner Festnahme ist Buck wieder auf freiem Fuß. Während dieser Zeit kann er seine Angehörigen über Twitter auf dem Laufenden halten, wie es ihm geht. Mit seiner Freilassung hat das Gezwitscher allerdings weniger zu tun – das war der ganz normale Gang der Justiz. Mai Eurovision Eine Belastungsprobe für die Twitter-Server gibt es am Abend des 24. Mai. Zu diesem Zeitpunkt findet nämlich der Eurovision Song Contest statt – und die europäischen Twitterer kommentieren wie am Fließband. Natürlich rein ironisch. Juni Euro08 Ein weiteres europäisches Großereignis steht im Juni auf dem Plan: Fußball. Die EM 2008 – bzw. #euro2008 - in Österreich und der Schweiz hält vom 7. bis zum 29. Juni zumindest die Twitterer in Atem. Ob Siege, Niederlagen, Hupkonzerte vor dem Fenster oder plötzliche Bildausfälle, die Belá Réthy zum Radiomoderator machen, – alles wird verzwitschert. Juli Twitterlesung Wenn Tweets Literatur sind – und das beweist die Twitteraturkritik Twitkrit ja immer wieder aufs Neue – dann kann man Tweets auch lesen. Und lesen lassen. So fand im Juli die weltweit erste Twitterlesung in der Berliner Kulturbrauerei statt. Die Massen kamen und lauschten bei sommerlicher Hitze der Moderation von Johnny Häusler (im Anzug), philosophischen und witzigen Tweets und den Twitterduellen von @sixtus und @saschalobo. Im Oktober folgte die Fortsetzung in etwas kleinerer Runde. August hubertustwitter @hubertus_heil ist ein Fan von Barack Obama. Außerdem ist @hubertus_heil der Generalsekretär der SPD. Im August fährt er mit einigen politischen Kollegen nach Denver, um den Parteitag der Demokraten zu besuchen. Von dort twittert er, frei von der Leber weg, über sein Blackberry. Da geht plötzlich ein Aufschrei durch die Medienwelt von SPON bis Süddeutsche: Darf der das denn? Aber ja, fanden einige andere, die sich ein bisschen mit (politischer) Online-Kommunikation auskennen: Immerhin probiert mal ein bekannterer Politiker direkte Kommunikation. Im August schaltet Twitter in einigen Staaten den SMS-Service ab. Twitterer außerhalb von Großbritannien, den USA und Indien können sich nun nicht mehr per Kurzmitteilungen über Tweets und Direktnachrichten ihrer Friends&Followers informieren lassen. Wahrscheinlich war dieser kostenlose Service einfach zu teuer geworden. September Der US-Wahlkampf geht in die heiße Phase und auch auf Twitter wird es jetzt richtig politisch: Twitter Election 2008 startet. Auf Grundlage der Search- und Trending-Funktionen werden Reaktionen auf die Presidential Debates aggregiert und die Themengebiete, über die Twitter-Nutzer gerade am meisten diskutieren, dargestellt. Über den Header der Twittersite kann man direkt auf die politischen Hot Topics zugreifen. Im September verpasst sich Twitter zudem ein neues Layout. Die eher subtilen Änderungen bieten Twitter vor allem bessere Möglichkeiten, die Reiter unterzubringen: Von oben über dem Twitterstream wandern sie in die rechte Spalte. Oktober marsphoenix Großes Drama im Oktober: Die Marssonde @MarsPhoenix, die fleißig Proben von Marsgestein sammelte, den Planeten fotografierte und von ihrer Mission to Mars twitterte, bereitet sich langsam auf den Winterschlaf vor. Am Nordpol des Roten Planeten ist es einfach zu dunkel und zu kalt, um die Kommunikation über die Solarzellen aufrecht zu erhalten. Niemand weiß, ob MarsPhoenix im nächsten marsianischen Sommer noch einmal aufwachen wird. Ende Oktober wechselt sich der Schalfmodus noch mit einigen wachen Phasen ab, Anfang November verlassen den kleinen Bot dann aber endgültig die Kräfte. Wer braucht da noch Wall-E? RIP, MarsPhoenix. weltkompakt Großes Drama auch bei @weltkompakt: Die Redaktion ärgert sich über eine von der Nachrichtenagentur AP sehr aufgebauschte Meldung über ein angebliches Obama-Attentat. Statt der groß angelegten Verschwörung, von der AP berichtete, versuchten zwei verwirrte Täter, Waffen zu klauen und ließen sich prompt erwischen. Die Redaktion von Welt Kompakt ließ ihren Unmut ungefiltert über Twitter gehen – und katapultierte sich so auf einen respektablen Platz 12 der Deutschen Twittercharts. November finanzkrise Die @Finanzkrise ist da – und erreicht nicht nur den Mittelstand, sondern auch Twitter. Dezember Adventskalender Es weihnachtet gar sehr, auch im Twitterlande. Und so zwitschert auch schon mal ein @adventskalender und verspricht schöne Gewinne hinter seinen Türchen. Wie es funktioniert und wer gewonnen hat, erfährt man auf twittvent.de. p.s. Aufmacherfoto: CC, Flickr.com / mallix
Über den Autor
ist freie Journalistin. Von April 2007 bis September 2008 absolvierte sie ein Volontariat bei politik-digital.de und arbeitet heute under anderem für Zebralog. Privat bloggt sie unter More Sexappeal In Politics.

 

4 Kommentare zu “Das Jahr der 140 Zeichen”
11:57 | Dez 18' 2008| Melanie Unbekannt schreibt:

Was man nicht alles so erleben kann mit Twitter. Hab den literarischen Anspruch noch gar nicht betrachtet, aber ein sehr schöne Hinweis – malsehen was mir dazu für den Deutschunterricht einfällt ;-)

 
11:58 | Dez 19' 2008| Simone Gerdesmeier schreibt:

Warte mal ab – in 200 Jahren werden im Deutschunterricht nicht mehr Brecht und Kafka interpretiert sondern z.B. Kosmars Twitterstream ;-)

 
15:01 | Dez 21' 2008| Blogistan Panoptikum KW51 2008 auf datenschmutz.net schreibt:

[...] Blogistan Panoptikum KW51 2008 Interessiert an Web 2.0, Medientechnik, Bloggig und Popkultur? Dann abonnieren Sie doch einfach datenschmutz News bequem via RSS Feed oder E-Mail! Danke für Ihren Besuch und viel Spaß auf meinem Blog.Wien wird weiße Weihnachten wollen – wenig wahrscheinlich, wenn wettermäßig Wärme wiederkehrt. Außerdem wollte ich schon immer mal einen Panoptikum-Satz mit lauter W-Wörtern beginnen, und das ist immerhin die vorletzte Gelegenheit in diesem Jahr. Übrigens sind mir so gut wie keine Blogs mit Weihnachtsdekoration und Lichterketten aufgefallen, oder sollte ich da was übersehen haben? Jedenfalls erwartet uns im Lauf der kommenden Tage gewiss eine Flut von Jahresrückblicken. Die Blogpiloten liegen jedenfalls nicht falsch, wenn sie 2008 das “Jahr der 140 Zeichen” nennen. [...]

 
12:26 | Dez 23' 2008| Twitter im Jahre 2008 - Sachen, Anmerkungen, Text, Wissenswertes, Blogpiloten, Artikel, Jahresrückblick, Bezug - Sport, Entertainment & Trends auf tonundbewegung.org ! schreibt:

[...] Heute morgen bin ich auf einen sehr interessanten und gut geschriebenen Jahresrückblick in Bezug auf Twitter gestoßen. [...]

 
Kommentar verfassen

kostenloser CounterCapcom

Diese Artikel aus der Kategorie Social Media könnten Dich auch interessieren:

Weitere Artikel zum Thema Social Media.

Diese Artikel aus der Kategorie Twitter könnten Dich auch interessieren:

Weitere Artikel zum Thema Twitter.