Das Darknet: Festung der Meinungsfreiheit?

Das Internet ist viel mehr als die öffentlich zugänglichen, ergooglebaren Webservices, die die meisten Nutzer aufsuchen – und das ist gut für die Meinungsfreiheit. Firmen erstellen häufig private Netzwerke, die es ihren Angestellten beispielsweise ermöglichen, sichere Firmenserver zu benutzen. Und freie Software ermöglicht es jedem Einzelnen, ein „Peer-to-Peer“-Netzwerk zu schaffen, das ein Gerät direkt mit einem anderen verbindet.

Da sie von gegenwärtigen Suchmaschinen nicht indizert werden können und daher für die breite Öffentlichkeit weniger sichtbar sind, werden solche Subnetzwerke oft „Darknets“ genannt oder als Sammelbegriff im Singular „Darknet“. Typischerweise benutzen diese Netzwerke eine Software wie Tor, die die Geräte anonymisieren, die zu ihnen Verbindung aufnehmen und die Daten verschlüsseln, die durch die Verbindungen gehen.

Manches von dem, was man im Darknet findet, ist alarmierend. Eine Story von Fox News aus dem Jahr 2015 liest sich wie folgt:

„Eine genaue Prüfung des Darknet stellt sich als erschütternder Ausflug durch eine Verderbtheit dar, die einem den Mund offen stehen lässt: Bildergalerien voller Kinderpornographie, Videos von Menschen, die Sex mit Tieren haben, Verkaufsangebote für illegale Drogen, Waffen, gestohlene Kreditkartennummern und gefälschte Identitäten. Sogar menschliche Organe, die angeblich von chinesischen Hinrichtungsopfern stammen, stehen im Darknet zum Verkauf.“

Aber das ist nicht die ganze Geschichte – und auch nicht der einzige Inhalt und Zusammenhang des Darknet. Eine Beschreibung des Darknet als in erster – oder sogar in einziger – Linie einem Ort für Kriminelle lässt die gesellschaftlichen Kräfte außer Acht, die die Leute in diese anonymen Netzwerke treibt. Unsere Recherche bezüglich Inhalt und Aktivität eines größeren Darknets namens Freenet zeigt, dass das Darknet nicht als vom Verbrechen regierter „Wilder Westen“ gesehen werden sollte, sondern eher als „unberührtes Gebiet“, das durch sein Design so angelegt ist, dass es unbehelligt von kulturellen Institutionen wie Strafverfolgungsbehörden, Regierungen und Firmen bleibt, die inzwischen das Internet beherrschen.

Definitiv gibt es im Darknet illegale Aktivitäten, genau so wie im offenen Internet. Dennoch haben die meisten Darknet-Nutzer ein breites Spektrum an Motivationen und Aktivitäten, die durch den gemeinsamen Wunsch nach dem vereint werden, was sie als die größten Vorteile der Technologie sehen: Vertraulichkeit und freie Meinungsäußerung.

Eine Beschreibung von Freenet

Wir haben uns bei unserer Recherche Freenet angeschaut, ein anonymes Peer-to-Peer-Netzwerk, auf das mit Hilfe einer kostenlosen Anwendung zum Herunterladen zugegriffen wird. In dieser Art Netzwerk gibt es keine zentralisierten Server, die Informationen speichern oder Daten weiterleiten. Stattdessen übernimmt jeder Rechner, der dem Netzwerk beitritt, einige der Aufgaben zum Teilen von Informationen.

Wenn ein Nutzer Freenet installiert, stellt der Rechner eine Verbindung zu einer kleinen Gruppe existierender Freenet-Nutzer her. Jeder dieser Rechner verbindet sich wiederum mit den Computern anderer Freenet-Nutzer. Durch diese Verbindungen steht der gesamte Inhalt des Netzwerks jedem beliebigen Nutzer zur Verfügung. Dieses Design erlaubt es Freenet, dezentralisiert, anonym und widerstandsfähig gegen Überwachung und Zensur zu sein.

Die Software von Freenet verlangt von den Nutzern, einen Teil ihres Festplattenplatzes für die Lagerung von Freenet-Material zu „spenden“. Diese Information wird automatisch verschlüsselt, sodass der Besitzer des Computers weder weiß, welche Dateien auf seinem Rechner liegen, noch den Inhalt dieser Dateien kennt. Dateien, die im Netzwerk geteilt werden, sind auf einer Vielzahl von Computern gespeichert, was sicherstellt, dass sie auch erreichbar sind, wenn einige Leute ihre Rechner ausschalten.

Dem Netzwerk beitreten

Während unserer Recherche übernahmen wir die Rolle eines neuen Freenet-Nutzers. Das Netzwerk bietet eine Menge verschiedener Interaktionsarten, inklusive sozialer Netzwerke und sogar die Möglichkeit, direkte Beziehungen zu anderen Nutzern herzustellen. Aber unser Hauptziel war es, zu verstehen, was das Netzwerk einem neuen Nutzer bieten kann, der gerade erst anfängt, das System zu erkunden.

Es gibt einige Freenet-Seiten, die Webcrawler benutzt haben, um das Netzwerk zu indizieren, und so eine Art Inhaltsverzeichnis dessen bieten, was zur Verfügung steht. Wir besuchten eine dieser Seiten, um ihre Liste herunterzuladen. Von den insgesamt 4286 Seiten im Index wählten wir eine Zufallsprobe von 427 Seiten aus, um sie zu besuchen und genauer zu untersuchen. Die Seiten mit diesen Indices sind ein Teil des Freenet-Netzwerkes und können daher nur von Nutzern besucht werden, die die Software heruntergeladen haben. Standardsuchmaschinen können nicht benutzt werden, um Seiten im Freenet zu finden.

Die Entdeckung einer „Hacker-Ethik“

Was wir gefunden haben, lässt darauf schließen, dass Freenet von etwas dominiert wird, das Wissenschaftler „Hacker-Ethik“ nennen. Dieser Begriff fasst eine Gruppe von fortschrittlichen und freidenkenden Überzeugungen zusammen, die oft von Hackern unterstützt werden. Diese Gruppe wird vorrangig mit diesen Idealen in Verbindung gebracht:

  • Der Zugang zu Informationen sollte frei sein;
  • Technologie kann und soll das Leben der Menschen verbessern;
  • Bürokratie und Autorität kann nicht vertraut werden;
  • Widerstand gegen konventionelle und „Mainstream“-Lebensweisen

Einiges mag damit zusammenhängen, dass die Nutzung von Darknet-Technologie oft zusätzliches technisches Verständnis erfordert. Außerdem könnten Menschen mit technischen Fähigkeiten dazu neigen, Services zu finden, zu nutzen und sogar zu schaffen, die technische Schutzmaßnahmen gegen Überwachung bieten.

Unsere Lektüre der Hacker-Literatur legt nahe, dass die philosophischen und ideologischen Überzeugungen, die Darknet-Nutzer antreiben, weitestgehend unbekannt sind. Ohne diesen Kontext jedoch wäre es schwer, dem einen Sinn zu geben, was wir in Freenet beobachtet haben. Es gab Freenet-Seiten zum Teilen von Musik, E-Books und Filmen. Viele Seiten legten ihren Schwerpunkt auf Selbstdarstellung, wie normale Internetblogs. Andere waren der Verbreitung einer bestimmten Ideologie verschrieben. Beispielsweise waren sozialistische und freidenkende Inhalte häufig vorhanden. Wieder andere Seiten teilten die Informationen von Whistleblowern oder Regierungsdokumente, inklusive einer Kopie der Daten der Webseite von Wikileaks, komplett mit seinem „Tagebuch des Afghanistankriegs“ voller Geheimdokumente über die militärische Invasion der Vereinigten Staaten in Afghanistan, die auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 folgte.

Mit der Hacker-Ethik als Vorlage können wir verstehen, dass der Großteil dieses Inhalts von Menschen stammt, die tiefes Misstrauen gegenüber Autoritäten haben, Materialismus und Angepasstheit ablehnen und sich davon abgestoßen fühlen und ihr digitales Leben frei von Überwachung leben wollen.

Was ist mit Verbrechen?

Es gibt kriminelle Aktivitäten im Freenet. Etwa ein Viertel der Seiten, die wir besuchten, stellte entweder Kinderpornographie zur Verfügung oder verlinkte darauf. Das ist alarmierend, muss aber in einem angemessenen Kontext gesehen werden. Rechtliche und ethische Grenzen für Forscher machen es sehr schwer, das Ausmaß von pornographischen Aktivitäten online zu bestimmen, was insbesondere für Kinderpornographie gilt.

Sobald wir auf eine Seite stießen, die behauptete, Kinderpornographie bereitzuhalten, verließen wir diese Seite unverzüglich, ohne weiter zu recherchieren. Beispielweise ermittelten wir nicht eingehender, ob lediglich ein Bild, eine gesamte Bibliothek oder gar ein riesiger Marktplatz zum Verkauf pornographischer Inhalte vorhanden war. Aus der Perspektive von Recht und Ethik gesehen war das eine gute Entscheidung. Unser Vorgehen hat uns jedoch dadurch nicht ermöglicht, vergleichbare Daten darüber zu sammeln, wie viel Pornographie tatsächlich vorhanden war.

Andere Untersuchungen legen nahe, dass die Anwesenheit von Kinderpornographie nicht nur ein Problem von Darknets oder Freenet ist, sondern ein generelles Problem, das im Internet auftritt. Eine Arbeit der Association for Sites Advocating Child Protection (ASACP) zeigt die allgemeine Verbreitung von Kinderpornographie weit über Freenet oder sogar größerer Darknets hinaus. Die Beurteilung des Darknets sollte nicht durch die Anwesenheit von illegalem Material gestoppt, sondern erst Recht auf seinen gesamten Inhalt und Kontext ausgedehnt werden.

Mit dieser neuen Information können wir uns das Darknet sorgfältiger anschauen. Es beinhaltet eine Menge verschiedener Orte, die ein breites Spektrum an Aktivitäten von beeindruckenden bis abstoßenden Inhalten bieten. In diesem Sinn ist das Darknet nicht gefährlicher als der Rest des Internets. Und die Darknet-Services bieten Anonymität, Vertraulichkeit, Meinungsfreiheit und Sicherheit, sogar im Angesicht eines wachsenden Überwachungsstaates.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „network“ by Unsplash (CC0 Public Domain)


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Brian Pitman

Brian Pitman

ist Doktorand für Kriminologie und Strafjustiz an der Old Dominion University in Virginia, USA. Seine Forschung konzentriert sich auf die Tötung von Polizisten und die Schikane von Einheimischen in den USA.

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Roderick S. Graham

Roderick S. Graham

ist Assistenzprofessor für Soziologie an der Old Dominion University in Virginia, USA. Seine Forschungsinteressen gelten den sozialen Auswirkungen von Informations- und Kommunikationstechnologien.

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