Streaming (Bild: Incase [CC BY 2.0], via Flickr)

„Darf es noch ein Streaming-Dienst zum Eis sein?“

Das Streaming von Musik wird einem heute fast schon hinterhergeschmissen. Mit welchen Folgen? // von Thomas Vorreyer

Streaming (Bild: Incase [CC BY 2.0], via Flickr)

Amazon, Google, T-Mobile. Die nächsten Großunternehmen haben bereits eigene Streaming-Dienste für Musik lanciert oder zumindest angekündigt. Durchgesetzt werden sie zum Teil mit harten Bandagen und fragwürdigen Preisen. Die Strukturen verschieben sich mehr und mehr zuungunsten kleinerer Labels.


Warum ist das wichtig? Streaming-Dienste entziehen vor allem kleinen Labels und damit auch Indie.Musikern die wirtschaftliche Grundlage.

  • Immer mehr Unternehmen bieten eigene Streaming-Dienste an.
  • Gleichzeitig sinken die Preis für Streaming-Abos, doch vor allem bei den Indie-Musikern kommt deshalb auch weniger an.
  • Musiker werden in Zukunft zu größeren Labels wechseln oder sich selber um die Finanzierung kümmern.

1000-mal gehört…

Die Band Plan B rund um den „Spreeblick“-Blogger Johnny Haeusler hat im April einmal ihre digitalen Erlöse des Vorjahres öffentlich ausgewertet. Möglich war das, weil die Band ihr eigenes Label ist und somit die Schnittstelle, die normalerweise zwischen Künstlerin und Dienst steht, selbst einnahm. Die Erlöse für einen Download bewegten sich um die 40 Cent herum, die für einen Stream wiederum rund um einen Cent.

Damit wiederholtes Streamen ein und desselben Songs beim Label den gleichen, später noch mit der Künstlerin zu teilenden Wert generiert wie der einmalige digitale Kauf des Stücks, müsste dieses im Fall von Plan B mehr als 29 Mal angehört werden – sofern man hier den ausschüttungsfreudigsten Streamingdienst, WiMP (1,3 Cent pro Stream), mit dem am wenigsten ausschüttungsfreudigsten Shop, Amazon (37 Cent pro Kauf), vergleicht. Bei der Gegenüberstellung der beiden Google Produkte „Play Music“ (46 Cent pro Kauf) und YouTube (0,1 Cent pro Kauf) müsste man für das gleiche Ergebnis ein YouTube-Video schon mindesten 460-mal abspielen. Doch auch bei einem regen Musikkonsumenten wie mir schaffen es die wenigsten Lieder überhaupt schon auf 29 Abspielungen, Online- und Offline-Nutzung zusammengerechnet.

Wie diese Rechnung wohl aussehen würde, wenn der zu vergleichende Streamingdienst das neue „unRadio” von T-Mobile und Rhapsody wäre? Das Angebot ist gerade in den USA gestartet. In der üblichen Sonderpaketvariante inklusive neuem Smartphone, unbegrenzter Datenflat etc. und als Zusatzangebot für nur 4 US-Dollar im Monat. Ohne Werbung. Mit Spotify oder WiMP wäre das hierzulande nur für 9,99 Euro möglich.

Amazon gab den US-Nutzern von „Amazon Prime“ vor Kurzem seinen Streaming-Dienst „Prime Music“ zu der bewährten Mischung aus garantiertem Zwei-Tages-Versand, Gratis-eBooks und „Prime Instant Video“ einfach dazu. Lediglich um 20 US-Dollar, also 1,67 US-Dollar pro Monat, wurde der Jahrespreis für Prime dabei angehoben. Unbekannt ist, ob das Unternehmen dieses Mal wenigstens die internationalen Labels über seine Pläne informierte. Als Amazon nämlich im letzten Jahr seine „AutoRip“-Funktion einführte, eine Gratis-Downloadschwemme für vormals gekaufte CDs und Schallplatten, hatte es schlichtweg vergessen, den Musikvertrieben bzw. Labels über die für die Kunden ohne Frage sehr angenehme neue Funktion Bescheid zu geben.

…irgendwann war es passiert.

Dass „Prime Music“ dabei in den Punkten Technik und Sortiment bislang kaum überzeugen konnte, ist eher zweitrangig. Wichtiger sind zwei andere Faktoren: Zum Einen gibt es neben der ohnehin nicht gerade geringen Menge an originären Streaming-Diensten wie Spotify, WiMP, Deezer, Rdio, Pandorra, Simfy und Slacker auch immer mehr Dienste, die eher Zusatzprodukte darstellen, wie eben „Prime Music“, „unRadio“ oder „Beats“ von der gleichnamigen Kopfhörerfirma, die kürzlich spektakulär von Apple aqurriert wurde. Auch Google will zeitnah YouTube um einen eigenen Streaming-Dienst ergänzen. Es würde nicht verwundern wenn etwa auch der Marktführer im Ticketing, Eventim, der ja ohnehin bereits deutlich mehr an einem Konzert verdient als die auftretenden Musikerinnen – soviel zu alternativen Erlösen – einen eigenen Streaming-Dienst aufmacht. McDonalds oder große Autobauer könnten ebenfalls nachziehen, denn Musikstreaming wird mittelfristig zur Selbstverständlichkeit innerhalb der Konsumumgebung werden.

Und in dieser, damit wären wir beim zweiten Punkt, scheinen nachhaltig nur die Big Players sich durchsetzen zu können, wie die aktuellen Verwerfungen bei der Einführung des Streaming-Dienstes von Google zeigen. Letzteres hat sich bereits mit den Major-Labels auf einen gemeinsamen Tarif einigen können, nicht aber mit den unabhängigen Independent-Labels, die derzeit einen Marktanteil von etwa 30% besitzen und in Verbänden und Netzwerken wie Merlin organisiert sind. Die Indies hatten sich quer gestellt, als sie erfuhren, dass sie niedrige Tarife als Universal, Sony und Warner – alle Teile riesiger Medienkonglomerate – erhalten sollten. Google kündigte im Gegenzug wiederum öffentlich an, Videos von jenen Labels, mit denen man sich nicht einigen könnte, auf YouTube zu sperren. Die bisherigen Nutzungsverträge wurden zudem von Seiten Googles kündigt.

Bietet Crowdfunding auch hier einen Ausweg?

Dabei sollten die Merlin-Labels die Situation bereits gewohnt sein: Auch bei Spotify bekommen sie weniger als Universal oder Sony. Dass sie sich bei Google nun erstmals so entschieden wehren, dürfte vor allem an den hier eingangs beschriebenen Entwickelungen liegen. Man darf sich wohl daraufstellen, in Zukunft noch mehr Crowdfunding-Kampagnen für Musik zu begegnen. Schließlich können die Musiker hier ihren Bedarf exakt auflisten und, sofern es die „Crowd“ es denn will, vorab und an den Diensten vorbei finanzieren lassen. Die Band The Bianca Story hatte etwa in ihrer Kampagne für ihr jüngstes Album im letzten Jahr neben Studio-, Produktions- und Promokosten auch ganz nüchtern einen Punkt für das Gehalt der Bandmitglieder angeführt. Das Konzept ging auf.

An der Übelwahl zwischen unfairer Bezahlung oder entfallender Sichtbarkeit, vor der die Independent-Labels und ihre Künstler jetzt stehen, ändern solche Projekte allerdings nichts. Auch nicht am Ungleichgewicht im Konzertgeschäft. Sie können die Akteure höchstens finanziell unabhängiger machen, während sie sich gleichzeitig marginalisieren. Natürlich könnte ein solches Crowdfunding-Projekt auch der Start es neuen und „fairen“ Streaming-Dienstes sein. Allerdings dürfte der Markt dafür bereits schon jetzt gesättigt sein und Streaming wird eben auch erst ab hoher Nutzungszahlen finanziell für Label und Interpreten relevant. Vielleicht könnte Soundcloud, an dem sich Twitter interessiert zeigte, dafür jedoch die Grundlage liefern. Der Dienst bietet in dem gesamten Spiel jedenfalls noch das größte Überraschungspotenzial.

Da bleibt es vorerst abzuwarten, ob ein großes Indielabel wie etwa das britische XL Recordings, deren Künstlerin Adele mit „21“ das weltweit kommerziell erfolgreichste Album der Jahre 2011 und 2012 veröffentlicht hat, diese auch unter solchen Bedingungen weiter an sich binden kann.


Teaser & Image by Incase (CC BY 2.0)


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Thomas Vorreyer

Thomas Vorreyer

schreibt als freier Journalist vor allem über Kultur und Gesellschaft im Angesicht der Digitalisierung.

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