D2030 – Die Initiative für ein gemeinsames Zukunftsbild

Wie in den meisten anderen Ländern Europas haben auch wir in Deutschland mit unseren Krisen zu kämpfen. Sei es die Flüchtlingskrise oder ein Berg voller Schulden, den es zu bezwingen gilt. Auch das leidige Thema des umstrittenen Datensammelns ist allgegenwärtig und lässt heikle Debatten über unsere Privatsphäre immer wieder aufkochen.

Wichtig ist es, dabei nicht nur die jetzigen Probleme vor Augen zu halten, sondern auch die Zukunft zu beachten. Beispielsweise ist das Thema Arbeit und Bildung ein sich immer verändernder Prozess, der neben den vielen Problemen in unserem Land nicht außer Acht gelassen werden darf. Wie wird der Berufsmarkt in Zukunft eigentlich aussehen? Wie wird er sich verändern und welche Berufe werden entstehen? Was hat der Wandel für Auswirkungen auf unsere Gesellschaft? Gerade für die nächsten Generationen ist es wichtig, auf diese Fragen einzugehen, denn diese lebt schließlich die Zukunft.

Allerdings ist das gar nicht immer so einfach, denn wir wissen nicht, welche Herausforderungen auf uns warten und welche Handlungsalternativen wir künftig haben werden. D2030 – eine politisch unabhängige Initiative – hat da eine ganz eigene Lösung für die Gesellschaft: Eine Landkarte für Deutschlands Wege in die Zukunft in Form einer Umfrage, die von der Initiative ins Leben gerufen wurde. Ziel war es, gemeinsam ein Bild von Deutschland für die Zukunft zu schaffen.

Klaus Burmeister, Gründer des foresightlab, beschäftigt sich eingehend mit den Herausforderungen für die Wirtschaft und Gesellschaft und gehört zudem zum Kernteam der Initiative D2030. Im Interview hat er uns genauer erklärt, wofür genau die Initiative steht, was sie auch für uns bedeutet und warum es vor allem so wichtig ist, dass wir uns alle Gedanken darüber machen:

Jennifer Eilitz: Kannst du uns bitte in wenigen Worten erklären, worum es sich bei D2030 handelt und wie es zu dieser Initiative gekommen ist?

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Klaus Burmeister: Wir wollen gemeinsam Nachdenken im Voraus. Wir wollen uns der Vielfalt und Komplexität von Deutschlands langfristiger Zukunft stellen und einen Beitrag leisten für ein vernetztes Denken. Wir, das sind Freunde und Organisationen aus unserem Netzwerk, die in unterschiedlichen Praxisbereichen tätig sind und dort jeweils ihre Erfahrungen gesammelt haben und diese einbringen.

Erstaunt waren wir, dass alle immer mal wieder über Zukunft reden, aber jeder über seine eigene. Es gibt schon viele Szenarien, aber keines, das mal Deutschland als Ganzes in den Blick nimmt. Behandelt werden jeweils einzelne Themen wie der demographische Wandel, die Ökologie, die Mobilität, die Energie, die Industrie oder jetzt die Migration. Wir finden aber, wir müssen versuchen, alles zusammenzudenken, um nämlich Antworten auf die dahinter liegende große Frage zu bekommen: Was macht Deutschland nach innen und außen zukunftsrobust? Alleine schaffen wir das nicht, dass war uns klar, deshalb haben wir die Initiative D2030 gestartet.

Wir sehen sie als eine Einladung zu einer gemeinsamen Zukunftsreise. Das Ziel heißt Deutschland 2030, und alle Reisebegleiter steuern ihr Wissen bei. Wir liefern mit der Szenariotechnik ein geeignetes Tool, um zukunftsrelevantes Wissen einzusammeln, zu sortieren und zu analysieren, um es schließlich als Open Source allen zur Verfügung zu stellen. Die Szenarien zeigen, wie die Zukunft aussehen kann, sie werden fundiert und plausibel Möglichkeitsräume aufspannen und eignen sich damit für eine Diskussion von alternativen Zukünften.

Welches Ziel verfolgt die Initiative mit dem Projekt und wieso sollten die Menschen an eurem Online-Dialog teilnehmen?

Wir möchten der Zukunft eine politisch unabhängige Stimme geben, Zukunft wieder verbinden mit den ganz einfachen Fragen, die so schwer zu beantworten sind, wie zum Beispiel die Frage danach, wie wir leben und arbeiten werden. Der Dialog ist eine Einladung dazu, er zeigt schnell, wie voraussetzungsvoll Zukunft ist. Er zeigt auch deutlich die Grenzen von Online-Dialogen, er ist ein Experiment. Es gibt nicht Gutes, außer man tut es, sagte schon Erich Kästner. Wir werden im nächsten Schritt dazu einladen, konkrete Zukunftsbilder bzw. Szenarien von Deutschland zu kommentieren und zu erweitern, um dann die Frage zu beantworten: Wenn dass die Zukunft wäre, was müssten wir dann tun?

Das Projekt D2030 läuft ja bis zur Bundestagswahl 2017. Wenn man aber mal weiter als 2017 denkt, dann würden wir gerne einen solchen Prozess alle paar Jahre wiederholen. Genau mit Fragen wie: Was haben wir falsch eingeschätzt? Was haben wir übersehen? Warum kam diese und jene Entwicklung viel schneller? Und wie kann man die Beteiligung besser ermöglichen? Eigentlich wird es dann erst richtig interessant, aber das ist noch Zukunftsmusik.

Ist der Anspruch, fundierte und plausible Zukunftsszenarien zu entwickeln, nicht zu hoch gegriffen für einen Online-Dialog, der jedem zugänglich ist?

Ist er, einerseits. Nur, was sollte die Alternative sein? Wir machen einen Anfang und wollen dabei den Blick auf das Ganze richten, soweit es geht jedenfalls. Andererseits liefert das methodische Vorgehen plausible Szenarien und unterstützt systematisches und vernetztes Denken. Dabei ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass Szenarien keine Prognosen sind. Szenarien vermessen und leuchten Möglichkeitsräume in der Zukunft aus, sie laden zur Diskussion ein und regen das Zukunftsdenken an. Wenn man über Zukünfte redet, so denken wir, sollte man wissen, über was man redet. Szenarien bieten Leitplanken für einen rationalen Diskurs, gerade in postfaktischen Zeiten.

Online geschaffene Meinungsbilder haben selten etwas mit der Realität zu tun (siehe Pegida, Trump, Social Bots, etc.). Wie schützt ihr euch vor Manipulation?

Schutz vor Manipulation? Nun, wir reden, wir argumentieren miteinander und der direkte Dialog, ist der beste Schutz davor. Wir verbinden bei D2030 so verschiedene Arbeitsformen und vernetzten viele Bürger, die an der Erarbeitung der Zukunftsbilder für Deutschland mitwirken. Neben den Online-Dialogen gibt es auch Offline-Formate wie Workshops und eine Konferenz. Es gibt das Kernteam, das entstanden ist aus den Initiatoren von D2030 und Menschen, die sich nach und nach dazu gesellt haben.

Zunächst haben wir einen Aufruf unter den Menschen gestartet, von denen die Initiatoren annahmen, diese könnte so ein Projekt interessieren. So haben wir gut 250 Zukunftsbotschafter, Experten und Bürger gewonnen, die die Idee gut fanden. Jeder der Lust hat, kann immer noch mitmachen. Wir setzen auf das Schnellball-System, was bisher schon ganz gut funktioniert hat. Auch die Netzpiloten tragen dazu bei. Dann haben wir Experten an Board, die uns inhaltlich und methodisch beraten. Wir sind ja keine Vollzeit-Aktivisten, sondern machen unsere Arbeit neben unseren Jobs. Die drei Online-Dialoge sind der Versuch, mehr Menschen die Möglichkeit einer Teilhabe zu ermöglichen.

Jetzt, im ersten Dialog, geht es darum, die Einflussfaktoren zu identifizieren und zu beschreiben, die die Zukunft von Deutschland maßgeblich bestimmen werden. Wer sich einmal den Dialog anschaut, sieht, da steckt viel inhaltliche Vorarbeit drin, und sie ist noch unvollständig. Deshalb kann man alles kommentieren, verwerfen und auch Faktoren benennen, die fehlen. Die Ergebnisse werden nach jedem Schritt veröffentlicht. Natürlich fließen die Antworten in die weiteren Prozessschritte auf dem Weg zu ganzheitlichen und in sich stimmigen Zukunftsbildern ein.

Im Anschluss an den ersten von insgesamt drei Online-Dialogen werden wir die kommentierten Einflussfaktoren zu sogenannten Schlüsselfaktoren verdichten. Hier helfen uns auch unsere Beiräte. Wir werden in jeder Veröffentlichung aufzeigen, wie wir dabei methodisch vorgegangen sind. Anfang 2017 werden wir – ganz klassisch mit der Szenariomethode – auf Basis der Schlüsselfaktoren Rohszenarien, in sich schlüssige Zukunftsbilder, entwickeln.

Die werden dann im zweiten Online-Dialog zur Diskussion gestellt. Die Beiträge und die Kritik fließen dann ein in eine anschauliche Beschreibung mehrerer alternativer, prinzipiell möglicher Szenarien. Diese Zukunftsbilder werden, wie die Wirklichkeit, auch Konflikte enthalten. Hier ein reines Öko-Szenario, dort ein Hightech-Szenario wäre zu stereotyp und unwirklich. Öko und Hightech könnten vielleicht auch gut zusammenpassen, genauso wie eine dezentral organisierte Maker-Community mit einem globalisierten Handel von Produkten und Lösungen. Bitte verstehe das als Beispiele, die einzelnen Bestandteile der Szenarien liefert unter anderem jetzt der erste Online-Dialog.

In den Szenarien werden Sie Deutschland mit seinen Herausforderungen, Konflikten und Optionen wiedererkennen, aber in die Zukunft des Jahres 2030 versetzt. Wir werden die Szenarien dann wiederum in einem beteiligungsorientierten Prozess diskutieren: Wenn das die Erwartungen sind, was kommt dann auf uns zu? Wie können wir darauf reagieren? Sind wir vorbereitet?

Wir kommen von den großen Treibern, den Schlüsselfaktoren, zu den plausiblen Zukunftsbildern, werden dabei immer konkreter und möchten zum Schluss gemeinsam beispielsweise darüber debattieren, was die Szenarien für die Arbeit und Bildung bedeuten, ob uns Industrie 4.0 die Wettbewerbsfähigkeit erhält, wie wir den Zuzug nach Deutschland bewältigen, in Zukunft die Energieversorgung regeln, uns fortbewegen, uns informieren und was hält das Land zusammen hält. Es liegt auf der Hand, dass wir nicht auf alle Fragen Antworten finden werden. Aber mit den Szenarien fokussieren wir den Blick auf 2030 und sehen, welche Handlungsfelder weiter oder neu gedacht werden müssen, wo es fehlt, aber auch welche Chancen wir haben.

Das tun wir dann im dritten Online-Dialog und auf der Zukunftskonferenz im Juli. Die zentralen Ergebnisse möchten wir in einem „Memorandum“ zusammenfassen und dieses vor der Bundestagswahl veröffentlichen. Es sollte nicht die aktuelle Tagespolitik kommentieren, sondern kompakt die Felder und Themen enthalten, die aus unserer Sicht langfristig behandelt werden müssen.

Ohne etwas vorwegnehmen zu wollen, werden es sicher auch Themen sein, wie wir mit den Veränderungen der Arbeitswelt umgehen, wie die Sozialversicherungssysteme zukunftsfest gemacht werden können oder wie Deutschland lern- und wandlungsfähig bleibt. Es kann dabei nicht um einseitige Forderungen an die Politik gehen. Es geht vielmehr um ein neues Denken, neue Kooperationsformen (Unternehmen und Makern), Experimente (lokale Smartgrids auf Basis von Blockchain), Diskurse (Was bedeutet Künstliche Intelligenz für die Zukunft der Arbeit), um einen Aufbruch, der im besten Sinne eigeninitiatives Handeln fördert und unterstützt.

D2030 ist eine Ansammlung von deutschen Männern mit akademischem Hintergrund. Kann ohne Diversität die Zukunft überhaupt erahnt werden?

Wenn ich mir die Welt malen könnte, sie sähe bunt und schillernd aus. So lange alte Männer etwas in Gang setzen, das Vielfalt nicht nur anstrebt, sondern als elementar versteht, so lange ist mir nicht bange. Aber es stimmt, die meisten von uns haben einen akademischen Hintergrund, und die Männer sind in der Mehrheit, leider. Wenn Sie sich aber die Liste der mittlerweile mehr als 250 Initiatoren, Fachbeiräte, Zukunftsbotschafter, Experten und Bürger ansehen, die D2030 unterstützen, sind darunter auch zahlreiche Frauen. Aber wir wünschen uns sehr, dass es noch mehr werden.

Wieso lohnt es sich deiner Meinung nach, eine auf Deutschland beschränkte Landkarte in Zeiten der Europäischen Union und Globalisierung zu zeichnen?

Eine völlig verständliche Frage. Wir haben Deutschland gewählt, weil wir hier leben und weil hier wichtige Entscheidungen getroffen werden. Beispiele: Der gerade mit Ach und Krach verabschiedete Klimaschutzplatz der Bundesregierung oder die Entscheidung von Daimler, drei Milliarden Euro in ein neues Dieselmotorenwerk zu investieren. Solche Entscheidungen weisen weit über Deutschland hinaus, genau so wie unser Blick, der natürlich global sein muss. Unsere Landkarte und die Szenarien sind der Versuch, die jeden Tag erlebbare Komplexität und Dynamik nicht zu ignorieren, sondern sie aufzugreifen.

Deutschland ist als ein gestaltbarer Zukunftsraum zu verstehen. Wir befinden uns in diesem Reallabor. Wir müssen die Laborausstattungen kennen, um überhaupt angemessen reagieren zu können. Es wird nicht den einen großen Versuch geben, die Zukunft zu beeinflussen, sondern viele und in ganz unterschiedlichen Versuchsanordnungen. Wenn man weiß, wohin die Reise gehen sollte, man eine Landkarte hat, ist das von großem Vorteil. Wir wissen aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn der eine fährt und die andere die Karte liest. Wir liefern deshalb auch nicht den Masterplan, den es auch nicht gibt, wir liefern den Konfliktstoff für den Zukunftsdiskurs und die Leitplanken, damit wir nicht aus der Bahn getragen werden.

Was ist für dich selber das wichtigste Thema, das du in eurem eigenen Online-Dialog angesprochen hast? Was hast du auf die Landkarte gesetzt?

Mich beschäftigt sehr viel. Ich werde unruhig, wenn ich mitbekomme, dass keine Diskussion darüber stattfindet, dass der Verkehrsminister mit dem Verkehrswegeplan 2030 rund 300 Milliarden Euro in Teer und Beton investiert. Wo bleiben da die Mittel für intelligente Mobilitätsinfrastrukturen, für postfossile, intermodale, Verkehre? Brauchen wir 2030 überhaupt noch diese Straßendichte? Wie könnten die Städte neu gestaltet werden, wenn durch beispielsweise Carsharing einfach weniger Fahrzeuge benötigt werden? Ich sage nicht, dass nicht auch Infrastrukturen erneuert werden müssen, ich weise nur daraufhin, dass wir bei begrenzten Mitteln bewusst in die Zukunft investieren müssen.

Aber wenn selbst die Automobilindustrie und sämtliche Innovationsexperten der Forschungsunion schweigen, macht mich das unruhig. Robert Jungk hatte der deutschen Politik bereits Anfang der 60er Jahre „Zukunftsblindheit“ attestiert, die Situation heute ist nicht besser. Auch die Rentendiskussion zeigt deutlich den Bedarf an einer langfristig angelegten Politikgestaltung. Wenn man dann noch die Automatisierungsdiskussion in den Blick nimmt, die meist unter dem Label „Industrie 4.0“ geführt wird, in der die einen die Position vertreten, Roboter schafften Arbeit, die anderen erwidern, sie vernichteten Arbeitsplätze, vermisse ich doch eine Debatte zur Zukunft der Arbeit auf der Höhe der Zeit. Es geht eben nicht um Industrie 4.0 allein. Wenn, dann geht es um eine Wirtschaft 4.0. Es geht um einen grundsätzliche Wandel der oft postulierten „Arbeitsgesellschaft“, der sich jetzt anschickt, Realität zu werden.

Den Unterschied zu früher sehe ich in der Automatisierung der Wissensarbeit. Sie trifft – das hat gerade David Autor in der Neuen Zürcher Zeitung noch mal deutlich gemacht – jetzt immer stärker den Mittelstand. Des Weiteren sind es die Fortschritte der Wissenschaft und hier der Künstlichen Intelligenz, die in Deutschland zu wenig diskutiert werden. Ich meine damit keine Kassandra-Diskussion, sondern eine, die die Vielfalt der systemischen Veränderungen zur Kenntnis nimmt und sich fragt, wie eine Gesellschaft darauf reagieren kann. Der Heizer auf der E-Lok wäre sicher eine unterkomplexe Antwort und das bedingungslose Einkommen nicht die Lösung für alle Fragen. Ja, das beschäftigt mich!


Image by Klaus Burmeister


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Jennifer Eilitz

Jennifer Eilitz

kommt aus der Lüneburger Heide, hat Bibliotheks- und Informationsmanagement an der HAW in Hamburg studiert und arbeitet jetzt bei den Netzpiloten als Social Media Managerin. Wenn sie nicht gerade für die Netzpiloten schreibt, dann schreibt sie an ihren Romanen, die im Bookshouse und Edel Elements Verlag erscheinen. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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