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Crowdfunding-Projekt: „Die Bildung und das Netz“

Im Interview mit Netzpiloten.de spricht Martin Lindner über sein Crowdfunding-Projekt „Die Bildung und das Netz. Wie leben und lernen wir im digitalen Klimawandel?“ // von Kristin Narr

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Bildung und Lernen verändern sich gerade tiefgreifend, aber wie genau? Wir wissen es noch nicht recht, aber Martin Lindner möchte mit dem Crowdfunding-Projekt „Die Bildung und das Netz“ untersuchen, welche Rolle die Digitalisierung dabei spielt und welche das Netz. Im Interview mit Kristin Narr erklärt Lindner, dass das Buch nicht für Fachleute und Insider bestimmt ist, sondern ein Sachbuch für alle werden soll, die sich Gedanken über Bildung machen.

Kristin Narr: Ich möchte gerne mit dir über dein Crowdfunding-Projekt „Die Bildung und das Netz“ sprechen. Kannst du kurz beschreiben, was sich dahinter verbirgt?

Martin Lindner: Ich möchte ein Buch schreiben, von dem ich glaube, dass es geschrieben werden muss. Das wird kein Buch für Fachleute und Insider, sondern ein lebendig und klar geschriebenes Sachbuch für alle, die sich Gedanken über Bildung machen.

Außer mir mag oder kann das anscheinend niemand machen. Das liegt, glaube ich, u.a auch daran, dass die wenigsten Leute diese vielfältigen Querschnitterfahrungen mit Bildung und Netz haben, die ich in den letzten 20 Jahren gesammelt habe. Ich kenne aus eigener Erfahrung Universitäten, Schulen, Unternehmen, berufliche Weiterbildung und das Guerilla-Lernen derjenigen, die sehen müssen, wie sie irgendwie Schritt halten in dieser Umbruchszeit. Meine Perspektive ist nicht beschränkt auf einen bestimmten Sektor oder eine bestimmte Institution.

„Crowdfunding“ bedeutet, dass man für ein Projekt im Internet Geld sammelt. Dabei spielen die sozialen Medien (von Facebook und Twitter bis zu E-Mails) eine entscheidende Rolle. Im Idealfall bildet sich ein Gemeinschaftsgeist unter den UnterstützerInnen, die das Projekt ein bisschen zu ihrer eigenen Sache machen.

Bei Büchern ist das zu einem Teil gar nichts Neues: Es gab ja schon seit dem 18. Jahrhundert Subskription, d.h. dass die Leser im Voraus den Autor für das Buch bezahlen, damit es überhaupt geschrieben werden kann. Dazu kommen beim Crowdfunding aber auch Sponsoren, die den Schreibprozess über den Buchkauf hinaus fördern: Das reicht von einfachen Spenden (die sehr wirksam sind, weil sie nicht versteuert werden müssen) bis zu echtem Sponsoring (das muss versteuert werden, wenn es Gegenleistungen gibt, die mehr als nur symbolisch sind).

KN: Im Video zu deinem Projekt sagst du: „Ich wollte immer schon ein Buch lesen, in dem es darum geht, was das Netz mit der Bildung macht“. Was meinst du damit?

ML: Das Netz betrifft ja in erster Linie alle gesellschaftlichen Bereiche, die es mit „Symbolarbeit“ zu tun haben: also vor allem mit Schrift und mit audiovisuellen Medien, die inzwischen selbst in gewisser Hinsicht schriftähnlich werden. (Knappe mündliche Statements im Netz, die man jederzeit aufrufen, wiederholen und an einzelnen Stellen sekundengenau markieren kann, werden dadurch zum Teil gewissermaßen zu „Texten“, die man etwa auf YouTube fast schon distanziert „nachschlägt“.)

Bildung und Lernen waren zu einem großen Teil bisher an Schrift gebunden. (Auch wenn das im Einzelnen recht komplex mit mündlich-leibhaftiger Lehre verwoben war.) So lange die elektronischen Medien nur Bild und Ton/Stimme erfassten, änderte sich an dieser Konstellation erstaunlich wenig: Radio, Fernsehen und Film hatten zwar zweifellos Einfluss auf den wildwüchsigen Teil von Bildungsprozessen, aber die das ganze 20. Jahrhundert über geweissagten Bildungsrevolutionen haben sich daraus nicht ergeben. Mit der Digitalisierung und dem Netz wird das jetzt grundlegend anders. Jetzt geht es tatsächlich ans Eingemachte. Viele Faktoren, von Google bis zu den Smartphones, von Selbermacher-Medien bis zu neuen Formen sozialer Vernetzung, weichen unsere Schulen und Akademien von außen und innen auf, inklusive der damit verbundenen Vorstellungen von formaler Bildung. In den nächsten 10 Jahren wird da immer mehr ins Bröckeln und Rutschen kommen. Was da jetzt schon passiert und in den nächsten 10 Jahren passieren wird: Darum soll es in dem Buch gehen.

Da stellen sich viele Fragen. Unter anderem: Wie verändert sich aus dieser Perspektive unser Blick auf das bestehende Bildungssystem? Was wollen wir künftig unter „Bildung“ verstehen? Wie werden wir lernen? Wie können wir uns selbst helfen, wo das Bildungssystem uns im Stich lässt? Und wie sieht es in Unternehmen aus?

KN: Magst du uns einen ersten Einblick in deine eigenen Gedanken dazu geben? Auf welche Themenbereiche wirst du dich konzentrieren?

ML: Der Buchplan umfasst derzeit vier große Abschnitte und 17 Kapitel:

I. Der große Bruch

Hier geht darum, den Umbruch begreiflich zu machen, in dem wir gerade stehen. Ist es wirklich so dramatisch? Worin genau besteht die Wirkung der Digitalisierung und des Internet (was nicht dasselbe ist)? Was macht die digitale „Disruption“ aus, den sich verschärfenden Konkurrenz- und Veränderungsdruck, der immer mehr Industrien und Institutionen in die Krise stürzt? Und was ist das eigentlich, was wir „das Netz“ nennen?

II. Digitale Bildung

Ich möchte mit einem Rückblick auf das Jahrhundert der „Bildungsbürger“ beginnen: War es wirklich so, wie es uns heute im Rückblick erscheint? Was ist daran Klischee, wie sehr hatten die Leute im 20. Jahrhundert ebenfalls mit Umbrüchen, Disruption und ständigem Umlernen zu tun? Inwiefern und wann/wo genau wurde das früher von Schulen und Universitäten wirklich unterstützt? Dann: Was ist gemeint, wenn jetzt immer von der „Bildungsrepublik“ die Rede ist? Sind die „wirtschaftsnahe“ und die mathematisch-naturwissenschaftlich-technische Bildung, die Politiker und Funktioniere fordern, überhaupt das, was wir im digitalen Umbruch wirklich brauchen? Ja, ist sie überhaupt wirklich praxisnah? Und welche Rolle könnten künftig das geisteswissenschaftliche, das ästhetische, das sozialkritische, das reformpädagogisch-praktische Bildungskonzept spielen? Machen uns die digitalen Technologien klüger oder dümmer? Werden die Maschinen die Herrschaft über die Menschen übernehmen, auch und gerade im Bildungssektor? Und schließlich: Wie könnte ein nützlicher und sinnvoller Begriff von „Bildung unter den Bedingungen des digitalen Zeitalters“ aussehen?

III. Die fliegenden Klassenzimmer

Hier möchte ich all die Klassenzimmer besuchen, deren Wände nun unter dem Angriff aus dem Netz immer durchlässiger und brüchiger werden: in den Schulen, an den Universitäten, in den Berufsakademien und „Corporate Universities“, bei den Berufstätigen am Arbeitsplatz, und schließlich auch unter denen, die wegen mangelnder „digital literacy“ noch mehr abgehängt zu werden drohen. Und dabei wird immer gefragt: Welche alternativen Formen und Bildungsexperimente haben sich inzwischen draußen im Netz gebildet?

IV. Guerilla-Lernen

Bis jetzt war es so, dass niemand das an herkömmlichen Institutionen lernen kann, was man seit der PC-Revolution, Multimedia und dem Internet wirklich lernen muss. Die letzten 20 Jahre waren eine Blütezeit der Selbstlerner, der Autodidakten und der Pioniere der Startup-Szene, die sich quasi selbst an den Schuhen aus dem Sumpf ziehen (das meint „bootstrap“, ein geflügeltes Wort im Silicon Valley). Inwiefern ist das eine Konsequenz der digitalen Netz-Medien selbst? Ist das Netz so etwas wie eine Wiedergeburt der „unsichtbaren Akademie“ der weltweit verstreuten Gebildeten, die in den ersten Jahrhunderten der Buchdruck-Kultur propagiert wurde, bevor im 19. Jahrhundert all die großen steinernen Bildungsbürgen mit ihrem beamteten Lehrkörper entstanden? Den Abschluss des Buchs soll ein „Kleines Handbuch für Guerilla-Lerner“ bilden. Es ist absehbar, dass wir (und unsere Kinder) in den nächsten 10 Jahren ziemlich alleingelassen werden von den offiziellen Bildungseinrichtungen. Wir müssen uns selbst helfen. Was kann man tun? Wer hilft? Und welche Rolle spielt auch hier das Netz?

KN: Wen soll dein Buch erreichen bzw. für wen ist es interessant?

ML: Alle, die sich Gedanken über „Bildung“ machen und gern verstehen würden, was gerade mit uns passiert, in diesem Epochenumbruch, der geprägt ist von Digitalisierung, Big Data, Automatisierung, Kontrolle auf der einen Seite und auf der anderen Seite von den digitalen Netz-Medien als Mittel kulturellen Ausdrucks und individueller Emanzipation. Eigentlich glaube ich, dass das Buch sehr viele Leute ansprechen könnte. Aber erstmal gehe ich aus von denen, die ich in den letzten 10 Jahren im sozialen Web kennengelernt habe: Da sind erstaunlich viele nachdenkliche Leute in recht unterschiedlichen Altersklassen und mit recht unterschiedlichen Hintergründen. Sie sind allerdings schwer als eine klare Zielgruppe eingrenzbar und adressierbar, was schlecht ist, wenn man es Verlags-Marketingstrategien verkaufen will.

KN: Warum hast du dich beim Thema Netz und Bildung auch für die Veröffentlichung in Form eines Papierbuchs entschieden?

ML: Was wäre die Alternative gewesen? Bloggen oder Video-Podcasts? Nein, das Thema ist ja komplex, und ich will gerade den großen Bogen schlagen und die wichtigsten Aspekte des notorisch vieldeutigen Begriffs „Bildung“ im Zusammenhang darstellen. Das geht nur in der Form eines Buchs: 300 Seiten, die sich mit den verschiedenen Seiten eines Themas beschäftigen.

Warum (auch) ein Papierbuch, und zwar als Hardcover mit Umschlag? Ich selbst lese auch viele eBooks, aber die paar Bücher, mit denen ich mich intensiv beschäftigen will, möchte ich auf Papier haben. Ich möchte wirklich, dass sie im Regal stehen, so dass die Gedanken, die ich damit verbinde, in meinem Gesichtsfeld präsent und buchstäblich greifbar sind. Außerdem will ich darin handschriftlich herumschmieren, also mir den Text zu eigen machen. (Allerdings hätte ich daneben immer auch gerne die digitale Version.)

Tatsächlich zeichnet sich bisher ab, dass etwas mehr Papierbücher als eBooks bestellt werden. Viele nehmen auch das Kombi-Pack.

KN: Wie kam es eigentlich dazu, das Projekt über Crowdfunding zu finanzieren?

ML: Weil ich es auf die konventionelle Art nicht geschafft habe: Ich habe ein Exposé bei einer renommierten Literaturagentur untergebracht, und die hat versucht, es den großen deutschen Verlagen anzubieten. Zwei- oder dreimal wollten die zuständigen Lektoren es gern machen, aber der Verlagsleitung schien es jeweils zu riskant: kein richtig knackiges Debattenbuch, und mich kennt auch niemand. Sie wollten, dass ich eine große, konkrete Zielgruppe adressiere, ängstliche Eltern am besten. Diese Art von Sich-die-Welt-erklären-Buch, die mir vorschwebt, gibt es hier eigentlich fast nicht. Am ehesten im angelsächsischen Raum, wie etwa die sowohl „populären“ als auch seriösen Bücher von David Weinberger und Steven Johnson über das Internet und dessen Wirkung auf unsere Kultur.

Eigentlich war mir die ganze Zeit schon klar, dass Crowdfunding die konsequenteste Form sein würde, dieses Buch zu schreiben und zu produzieren, aber … naja, das Risiko ist viel höher, und ich mache das nicht aus einem abgesicherten Job heraus. Und ich dachte auch, dass die Botschaft am besten gehört würde, wenn ein großer Verlag das pusht. Aber jetzt ist es eben Crowdfunding geworden, passend zum Inhalt, und wahrscheinlich musste es eben so sein. Als Prozess ist es natürlich viel toller so, und ich hoffe, dass auch der Text davon profitieren wird.

KN: Innerhalb weniger Tage nach dem Start des Projekts konnte bereits eine gute Summe erzielt werden. Wie bewertest du den bisherigen Stand?

ML: Mein Crowdfunding ist jetzt gerade zwei Wochen alt, und der Start war ermutigend. Es sind bis jetzt gut 4000 Euro zusammen gekommen, zu gut zwei Dritteln aus Buchverkäufen im Voraus (also Subskription), vielleicht zu einem knappen Drittel aus direkter Unterstützung des Schreibprozesses, ohne dafür direkt etwas zu bekommen.

Ich hoffe, ich schaffe meine Zielmarke (8000 Euro), dann kann ich anfangen zu schreiben. Tatsächlich brauche ich aber eigentlich mehr, um wirklich konzentriert sechs Monate am Stück schreiben zu können: mindestens 9000 Euro nach Abzug der Unkosten würde ich schätzen, das sind eher so etwas wie 12 000 Euro Funding-Summe. Aber mit 8000 € fange ich an (nach Abzug der Druckkosten, sonstigen Unkosten und Umsatzsteuer ist das natürlich deutlich weniger). Dann kann es sich aber länger hinziehen, weil ich mehr Geld nebenbei verdienen muss, oder umgekehrt: mehr nebenbei schreiben.

KN: Und wo liegt die Grenze?

ML: Grenze gibt es eigentlich keine ;) … Wenn 8.000 Euro überschritten werden, werde ich das nächste Ziel, also 12.000 Euro, damit begründen, dass dann das Buch quasi „premium“ werden kann: Mit aufwändigerer Buchgestaltung und Grafik, aber auch mit mehr Ruhe zum Schreiben und ein paar Recherche-Trips, um mit wichtigen Leuten persönlich zu reden und im Buch davon zu berichten.

KN: Schreibst du das Buch eigentlich auch, wenn die eingestellte Summe nicht zu Stande kommt?

ML: Gute Frage. Vielleicht fange ich trotzdem an, nebenher zu schreiben, aber ich bin nicht sehr optimistisch, dass das was wird. Dann muss ich eben anderweitig Geld verdienen, und als freier Projektarbeiter ist das eher aufreibend. Da bleibt wenig Ruhe, um in einen kontinuierlichen Schreibprozess zu kommen. Das wäre etwas anderes, wenn ich das als Festanstellter machen würde.

KN: Gibt es für die Unterstützer des Projekts, neben der finanziellen Beteiligung, eigentlich Möglichkeiten den Schreibprozess zu begleiten?

ML: Ja, auf jeden Fall. Ich glaube derzeit nicht, dass ich das Manuskript quasi öffentlich schreibe – das ist vermutlich weder für mich noch für die künftigen LeserInnen gut. (Schreiben ist eine mühselige Sache, und am Anfang sind die Produkte in der Regel noch nicht richtig gut zu lesen.) Aber ich werde mich jeden Monat mit aktuellen Fragen und Thesen an die Community wenden, d.h. also an die Leute, die Lust haben, sich zu beteiligen. Wie das dann genau läuft, wird sich dann noch herausstellen.

KN: Welche nächste Schritte sind geplant? Und wann soll das Buch fertig sein?

ML: Jetzt sind es noch knappe drei Woche Crowdfunding-Kampagne. Das ist übrigens recht fordernd: Man muss ständig den aktuellen Stand im Auge behalten und nach Wegen suchen, mögliche UnterstützerInnen möglichst direkt anzusprechen. Einfach nur ab und zu auf Twitter und Facebook posten, reicht auf die Dauer nicht.

Wenn es klappen sollte, werde ich sofort anfangen. Dann ist keine Zeit zu verlieren. Der Schreibplan steht ja schon. Die Fertigstellung habe ich auf Startnext für „Dezember 2014 bis Februar 2015“ versprochen. Im besten Fall habe ich das Manuskript dieses Jahr abgeschlossen, aber es ist schwer kalkulierbar. Natürlich kann das auch länger dauern, längstens bis April/Mai 2015, denke ich. Aber ich garantiere, dass das Buch geschrieben wird.

KN: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg, Martin!

Weitere Informationen unter: http://www.startnext.de/die-bildung-und-das-netz

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Kristin Narr

Kristin Narr

ist Medienpädagogin. Sie interessiert sich dafür, was Menschen mit digitalen Medien machen und wir sie mit ihnen lernen und aktiv werden können. Bei Twitter ist sie unter @la_fool zu finden.

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