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Crowdfunding ist (Zuhause) angekommen

Mittlerweile hat sich Crowdfunding zu einer ernstzunehmenden Art der weltweiten Projektfinanzierung entwickelt und viele neue und regionale Crowdfunding-Angebote entstehen. // von Florian Ertel

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Nordstarter, Mashup-Finance, Crowdnine, Dresdner-Durchstarter, BerlinCrowd. Fünf Crowdfunding und Investing Plattformen die sich auf die Unterstützung regionaler Ideen spezialisiert haben. Selbst Sparkassen bieten nun eine einfache Finanzierungsbeteiligung an der Instandsetzung des maroden Spielplatzes an. Crowdfunding ist also mehr als nur Indigogo, Kickstarter und Co – doch macht diese Regionalisierung Sinn?


Warum ist das wichtig? Um Ideen in die Tat umsetzen zu können, bedarf es in der Regel einer finanziellen Grundlage. Neben klassischen Finanzierungsmöglichkeiten gewinnt das Crowdfunding zunehmend an Bedeutung und rückt weiter in den öffentlichen Fokus.

  • Crowdfunding ist eine Möglichkeit der Finanzierung, mit dessen Hilfe auch unkonventionelle Ideen verwirklicht werden können.
  • Hauptsächlich große und durch hohe Investitionseinnahmen bekannt gewordene Crowdfunding-Plattformen stehen im Mittelpunkt der Wahrnehmung. Es hat sich jedoch im Laufe der Zeit ein beachtliches Mileu kleiner, national oder sogar regional agierender Crowdfounding-Plattformen entwickelt.
  • Vielleicht ist die weltweite Bühne auf Kickstarter oder Indigogo nicht immer die beste Wahl. Regionale Angebote trumpfen mit spezifischen Angeboten auf.

Etwas über eine Woche ist nun verstrichen, seit dem der überwältigende Crowdfunding Erfolg des Hamburger Start-ups Protonet für Begeisterung gesorgt hat. Zehn Stunden und acht Minuten hat das Unternehmen mit seinem Beteilungsaufruf auf Seedmatch benötigt, um rekordverdächtige 1,5 Milionen Euro einzusammeln. Ein Wahnsinnswert, der sogar die populärsten US-Finanzierungen von Ocolus VR oder Pebble übertrifft.

Crowdfunding ist also Erwachsen geworden. So erwachsen, dass es bereits für eine Handvoll Nachkommen gesorgt hat. Überall in Deutschland sprießen neue Crowdfunding- und Crowdinvesting-Plattformen aus dem Boden. Alle sind auf den gleichen Gedanken zurückzuführen und haben doch ihre ganz eigenen Merkmale entwickelt.

Für jeden und alles gibt es eine Plattform

Es gibt die Plattformen mit regionalem Charakter, wie Nordstarter in Hamburg, Mashup-Finance von Bayern für Bayern, Crowdnine aus der Region Stuttgart, Dresdner Durchstarter oder BerlinCrowd aus Berlin. Dazu kommen die eher thematisch orientierten Netzwerke wie 100Fans, die sich auf Buchautoren spezialisiert haben oder Econeers, deren Hauptaugenmerk auf Investitionen in nachhaltige Energieprojekte liegt. Im journalistischen Bereich trat in letzter Zeit vermehrt die Finanzierungsplattform Krautreporter in den Vordergrund. Sie soll helfen, journalistischen Projekten eine Zukunft zu geben – nicht zuletzt dem eigenen Krautreporter-Magazin, dass vergangenen Freitag mit Hilfe von mehr als 15.000 Unterstützern erfolgreich finanziert worden ist. Darüber hinaus gibt es dann noch die Möglichkeit Events zu finanzieren, Sportler zu fördern oder Spiele zu unterstützen.

Die Bandbreite dieser spezialisierten und regionalen Plattformen scheint fast unermesslich. Allerdings stellt sich dabei die Frage, ob diese Spezialisierung auf einzelne Regionen und Sparten überhaupt Sinn ergibt?

Warum in die Welt hinaus, wenn das Glück vor der Haustür liegt?

Crowdfunding setzt sich aus den Begriffen Crowd, der (Menschen)Menge und Funding, der Finanzierung zusammen und ist eine noch recht junge Möglichkeit der Projektfinanzierung: geschaffen in und für ein Medium, dessen wohl wichtigstes Alleinstellungsmerkmal die globale Vernetzung ist – dem Internet. Regionale Grenzen können damit mühelos überwunden werden. Informationen erreichen auch die letzten Ecken auf dem Globus. Die Welt wächst mit jedem Tag ein Stück mehr zusammen und trotzdem scheint sich das Crowdfunding von seinem größtem Trumpf, dem globalen Netzwerk und seiner Ressourcen, ein wenig zurück zu ziehen um neue Wege auszuprobieren.

Auf der weltweit wohl erfolgreichsten Plattform Kickstarter, wurden seit seiner Gründung mehr als 63.000 Projekte erfolgreich finanziert, die knapp 988 Milionen Dollar zugesichert bekommen haben. Zahlen die im ersten Moment sehr beachtlich klingen und sich im Vergleich zu Investitionen auf deutschen Plattformen in science-fiction-ähnlichen Dimensionen bewegen.

Crowdfunding in und aus Deutschland

Laut Crowdfunding-Monitor konnten deutsche Plattformen knapp 9 Milionen Euro einsammeln und dadurch mehr als 1.700 Projekte finanzieren. Ein Anteil von 77% fielen dabei auf die größte deutsche Finanzierungsplattform Startnext. Einem Unternehmen, dessen Philiosophie auf dem Status der Gemeinnützigkeit liegt und nicht auf der Gewinnmaximierung. Ein bemerkenswertes Merkmal im Vergleich zum Marktführer Kickstarter oder dem seit kurzem in Deutschland aktiven Indigogo, dessen Ziele eher im monitären Bereich angesiedelt sind.

Betrachtet man nun die eigentliche Finanzierung der Projekte auf den Plattformen, fällt auf, dass die in Deutschland aktiven Crowdfunder einen höheren Finanzierungsschnitt erreichen, als ihre Pendants aus Übersee. Während auf Kickstarter 43% aller freigegebenen Projekte vollständig finanziert wurden, können die Macher der deutschen Funding-Plattform von Startnext nach eigener Aussage auf 60% erfolgreicher Finanzierungen zurück blicken und die aufstrebenden Crowdfunder der noch jungen VisionBakery aus Leipzig, auf immerhin 52%.

Zahlen die eine gewisse Beruhigung ausstrahlen, sollte man vor der Entscheidung stehen ein Projekt auf einer der Plattformen einzustellen. Natürlich hängt der Erfolg oder Misserfolg auch von der Außendarstellung der Idee ab, auf welchen Kanälen man dafür wirbt und ob man es schafft, andere Menschen dafür zu begeistern. Ein durchaus wichtiger Punkt für ein erfolgreiches Crowdfunding-Projekt und wie sich während der Recherche herausstellte, eines der großen Vorteile von regionalen Plattformen.

Crowdfunding vor der eigenen Haustür

Die Hamburger Plattform Nordstarter ist nach eigener Aussage die erste regionale Crowdfunding-Plattform der Welt. Ins Leben gerufen wurde sie von der Hamburger Kreativ Gesellschaft, einer Standortinitiative zur Wirtschaftsförderung und unterstützt vom Senat der Hansestadt Hamburg. Diese Plattform versucht seit 2011, Hamburger Ideen wirtschaftlich und fachlich zu unterstützen, die es auf anderen Finanzierungswegen bisher nicht geschafft haben. Die Projekte sind bunt gemischt. Ob Kurzfilme, Musiker und Clubs oder klassische Start-ups. Das Projekt Nordstarter bietet allen eine persönliche Betreuung und Qualifizierung. Regelmäßig werden Vernetzungstreffen wie der Crowdfunding Club organisiert. Dort können sich Interessierte, Investoren und Projektbetreiber austauschen und kennenlernen, wodurch sich aus dem reinen Online – ein persönliches Offline entwickeln kann.

Zwischen 55 und 60 Prozent aller Nordstarter-Projekte wurden erfolgreich über die Plattform finanziert. Auf dem Dresdner Pendant, Dresden Durchstarter, wurden seit dem Start im Jahre 2012, insgesamt 56 Projekte erfolgreich realisiert. Bei insgesamt 81 gestarteten Projekten liegt die Erfolgsquote somit bei knapp 64 Prozent. „Eine gute Erfolgsquote. Crowdfunding ist in Deutschland für viele Menschen jedoch immer noch Neuland – für die Plattformbetreiber, aber auch die Nutzer – und erfordert daher weiterhin Aufklärungs- und Betreuungsaufwand„, so die Geschäftsführerin der Dresden Marketing GmbH, Dr. Bettina Bunge. Aus diesem Grund bieten die Dresdner Crowdfunder, Starter-Workshops, Marketing-Unterstützung und sogar Hilfe bei der Produktion von Präsentationsvideos an.  Als ein Teil einer städtischen Standortinitiative, ergeben sich wie in Hamburg vollkommen neue und durchaus interessante Synergieeffekte, die für die erfolgreiche Finanzierung von großem Wert sein können.

Es geht jedoch auch ohne die Unterstützung einer Stadt und noch regionaler: Die Initiative Viele-schaffen-mehr, der Volksbank-Buehl in Baden-Wüttemberg, konnte 13 von 16 Projekten erfolgreich unterstützen. Hierbei handelte es sich zwar “nur” um die Finanzierung von Dingen mit regional-gesellschaftlichem und sozialem Hintergrund, wie die Anschaffung neuer Turnmatten für den lokalen Sportverein oder die Veranstaltung eines Open-Air-Konzerts zur “Bewahrung der Chortradition in der mittelbadischen Region”, es zeigt jedoch deutlich, dass Crowdfunding auch auf einer sehr regional eingegrenzten Ebene funktioniert.

Ein Crowdfunding-Fazit

Crowdfunding ist eine gute Möglichkeit um für seine Idee Investoren zu suchen. Noch entspricht das investierte Volumina nicht dem der amerikanischen Vorbilder, allerdings sind die deutschsprachigen Plattformen auf einem gutem Weg. Ob ein Projekt nun auf einer großen internationalen, nationalen oder regionalen Plattform geschaltet wird, ist letztendlich eher zweitrangig. Der Vorteil der “bunten Aufmerksamkeit auf der großen, internationalen Bühne” kann von den kleineren Plattformen mit persönlicher Beratung und Vernetzung wettgemacht werden.

Ein weiterer, auf regionalen Crowdinvesting-Plattformen nicht zu unterschätzender Punkt, ist die regionale Verbundenheit der Crowd und den Projekten. So hat Dr. Bettina Bunge während der Arbeit mit den Dresden Durchstartern die Erfahrung gemacht, „dass viele Dresdner und Dresden-Freunde sich gerne für ihre Stadt engagieren und ihre Verbundenheit mit Dresden auch so konkretisieren wollen und können„. Schließlich werden regionale Produkte und Firmen unterstützt, zu denen man eventuell sogar eine direkte Verbindung hat – und wenn nicht, dann zumindest mit dem eigenen Lokalpatriotismus verbindet. Schließlich ist die Heimat immer noch der schönste Ort zum Leben – und das kann nun sogar aktiv mitgefördert werden.

Regionales Crowdfunding hat also durchaus seinen Sinn und beherbergt in seinem Angebot ein vielversprechendes Potenzial.


Teaser & Image by c_ambler (CC BY-SA 2.0)


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Florian Ertel

Florian Ertel

/ Jahrgang 83, absolvierte eine kaufm. Ausbildung im IT-Bereich und arbeitete als Campaign-Manager in einer erfolgreichen deutschen Online-Marketing Agentur. Studierte praxisnah Multimedia Production in Kiel und half nebenbei in der Online-Redaktion von NDR1 Welle Nord aus. Ehemaliger Praktikant bei den Netzpiloten und Blogger über nachhaltige Dinge mit Charakter.

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