Convention Camp 2 in Hannover

In Hannover fand das Convention Camp 2009 unter dem Motto „Die Zukunft des Internet“ statt. Die Idee, einen Kongress mit einem Bar Camp zu kreuzen, hat ihren Charme. 2008 folgten 250 Menschen diesem Charme, gestern waren es fast 1000. Beachtlich. Ein BarCamp basiert zu großen Teilen auf der Idee des Open Space. Das ist ein Verfahren, mit vielen Menschen eine basisdemokratisch organisierte Veranstaltung zu einem Themenkomplex umzusetzen. Der Vorteil ist das Eingehen auf aktuelle Probleme und Wünsche der Teilnehmer sowie die Möglichkeit ihrer aktiven Teilnahme bei den einzelnen Themensessions. Es gibt eine Anfangs– und eine Schlussrunde, sie liefern zunächst die Übersicht über potenzielle Sessions und ihre Beliebtheit sowie hinterher ein Zusammentragen der Ergebnisse.

Das Convention Camp ermöglichte einerseits das Zuhören bei Keynotes bekannter Netzpersönlichkeiten, die mit dem einflussreichen Realtime–Web–Guru Stowe Boyd sowie Markus Beckedahl und Thomas Knüwer besetzt waren. Dazu kamen noch Sessions mit Teilnehmern, die bestimmte Themen vorbereitet hatten.

Boyd erklärte uns einmal mehr die so genannte Social Revolution im Web, die mit den Echtzeit–Werkzeugen wie Twitter und Tumblr/Posterous eine Verschiebung der Dimensionen einläutet. Für ihn dominieren nunmehr Dialog vor Konversation und schnelle, kurze Verweise und Stellungnahmen mit Verlinkung zu anderen Quellen vor dem klassischen Bloggen langer Texte. Ähnliche wie die Websoziologin Danah Boyd fokussiert er auf den Information Flow und die positiven und negativen Implikationen. Denn anders als der polarisierende Schirrmacher, der aktuell mit kruden Stammtischparolen versucht, sein Buch an den Mann zu bringen, sieht Stowe Boyd viel Potenzial im Web als Gesprächsplattform.

Denn die schnelle Kommunikation über das Web bindet die Menschen näher aneinander, gerade weil sie sich nicht nur auf spezielle Themen und sachliche Aufsätze einengen, sondern das Web einfach so nutzen wie das Telefon einst anfing: Als schnelles Mittel, um sich mit anderen auszutauschen und mit dem innovativen Vorteil, dass man nicht mit Einem sondern mit Hundertausenden einen „Dialog“ halten kann. Diese vielen Dialoge rauschen per Twitter und Tumblr an uns vorbei und wir picken uns Passendes heraus und reagieren auf die Person, den Inhalt oder beides. In Bezug auf die Überforderung, die Schirrmacher öffentlich deklamiert, steht Stowe Boyd nahe bei Clay Shirky, der einst den Satz prägt, dass Informationsüberflutung nur ein Versagen von Filterfunktionen sei.

Das ist allerdings nur die halbe Miete. Und man könnte sie getrost den Journalisten überlassen, die ja immer für sich in Anspruch nehmen, ihre besondere Stellung dadurch zu erlangen, dass die als Filter für die überforderten Bürger fungieren. Und hier schließt sich der Kreis: Wenn ein gefeierter Journalist wie Schirrmacher quasi den professionellen Offenbarungseid leistet, indem er sagt, dass er bereits als Informationsfilter versagt in Bezug auf das eigene Leben, dann fragt sich, ob der klassische Journalismus überhaupt überlebensfähig ist. Die Verleger sind dann eher diejenigen, die den Schaden ausbaden, den Journalisten anrichten, indem sie ihre Filterfunktion immer weniger ausüben.

Thomas Knüwer hätte in seiner Keynote auf dem Convention Camp sehr schön diesen Widerspruch herausarbeiten können. Leider hat er auf Verlage geschimpft, ihre Innovationsfähigkeit pauschal in Frage gestellt und Expertentum für den Journalismus gefordert. Das alles blieb sehr an der Oberfläche und man konnte gut merken, dass es ihm sichtlich gefiel, seine persönliche Meinung zu einer profunden Untersuchung hochzustilisieren.

Den anderen Teil der Miete haben weder Boyd noch Knüwer überhaupt in Betracht gezogen: Wer nutzt das Web eigentlich täglich dafür, seine Mails zu lesen, seinen Status bei Facebook zu aktualisieren, ein paar Bilder vom Wochenende einzustellen und mal ein oder zwei Texte online zu lesen? Es liegt auf der Hand, dass das Web erst dann mehr genutzt wird, wenn viele Smartphones das Web über sinvolle Apps direkt dort mit dem Leben der Menschen verbinden, wo es Sinn ergibt. Das ist nicht nur eine Generationenfrage, aber eben auch.

Boyd hat recht, wenn er darauf hinweist, dass die Menschen zunächst weniger Radio hören, Zeitung lesen und Fernsehen. Aber gerade die Fernseher der nächsten Generation werden auch denen das Web näher bringen, die jetzt noch im Sofa vor dem Krimi hocken. Es wäre also an der Zeit, die verschiedenen Geschwindigkeiten der Durchdringung in der Bevölkerung und die Ansprüche und Erwartungen zu differenzieren. Das fehlte bei fast allen Experten der Web–2.0–Welt. Man könnte gerade bei den Leitfiguren der Szene über ein eigentümliches Locked–In–Syndrom diagnostizieren.

Die Sessions konnten vor allem aufgrund der diskursiven Anlage (Zuschauer waren direkt aufgefordert, mitzudiskutieren) diese Wirklichkeitsferne gut aufheben und ergänzten die abgehobenen Keynotes sinnvoll und vor allem ergebnisorientiert. Ich habe nur die beiden Sessions über Cloud Computing mit Amazons Produkten und Robert Basics Buzzriders miterlebt. Erstgenannte Session war über weite Strecken von sehr viel persönlicher Erfahrung geprägt, die deswegen aber auch eine abstrakte Struktur missen ließ. Insofern war diese Session nur für Praktiker geeignet. Die Kenntnisse und Erfahrungen der beiden Diskussionsleiter war aber nicht so hoch, dass auch professionelle Hilfen und praktische Tipps über das normale Maß hinaus möglich waren. Das könnte aber auch daran liegen, dass deutlich zu wenig Zeit vorhanden war, mit den sehr guten Teilnehmern in tiefere Gespräche einzusteigen. Es deutete sich zum Beispiel die Datenbankproblematik an, der kluge Umgang mit „memcached“ und die Hybridarchitektur mit eigenen Servern und ergänzenden Leistungen aus Amazons AWS–Katalog. Mir hat dann gefehlt, tiefer auf cloudfront und google’s app engine einzugehen. Aber das ist eine sehr persönliche Dimension des Cloud Computing.

Auch die Session über Buzzrider krankte an der kurzen Zeit. Mein Lieblingsfeind Don Tapscott wurde dort mit seinem Buch Wikinomics auf Herz und Nieren geprüft. Denn das besondere an Basics Buzzrider–Projekt ist weniger dessen Produktreife. Es ist die Vorgehensweise, wie mit so genannten BuzzCamps und viel freiwilliger Eigeninitiative das neue RobGreen–Projekt aus dem nebligen „Wir machen jetzt mal alles anders“ mit Wikinomics–Prinzipien konkrete Organisationsaufgaben formuliert und umgesetzt werden. Der Vortrag war erfrischend auf den Punkt und wurde durch Nicole v. Männl aus der Perspektive der Mitstreiter ergänzt. Was auch immer aus dem Projekt wird: Basic ist der erste, der Wikinomics ganz ernst an der Wirklichkeit erprobt und nicht einfach nur Firmen dazu zwingt, diese neue Sicht als echte Organisationslehre „irgendwie“ einzubinden, um die Social–Media–Welle zu überleben bzw. zu nutzen. Wenn mehr Zeit da ist, werde ich mit Basic ein Interview zum Thema „Organisation des Chaos’“ führen.

Ein Rat an die Veranstalter: Bitte etwas mehr BarCamp in Form von längeren Sessions. Es gibt einige Themen und Diskussionsleiter, die sind mit 40 Personen und zwei Stunden heillos überfordert. Aber das bietet den anderen Gruppen dann Raum, vielleicht noch mehr Zeit zu bekommen um weiter in die Tiefe zu gehen. Es könnte sich lohnen. Aus der BarCamp–Welt zeigt die Erfahrung, dass die zweiten Sessions später oder gar am nächsten Tag eine Tiefe bieten, die nur auf der Basis einer ersten Session möglich ist, und die enorm steile Lernkurven zu einem Kinderspiel machen.

Jörg Wittkewitz

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)

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