Auf der Suche nach dem digitalen Herkules

Ein klangvoller Titel allein hat bisher selten auch eine sinnvolle Rechtfertigung mit sich gebracht. Gerade der Chief Digital Officer wird dies zu spüren bekommen und verschwinden. Nach dem Fokus auf IT und Kosten, kommt die Diskussion rund um die digitale Transformation bei Know-How und Expertise an. Es entwickelt sich zunehmend die Erkenntnis, dass digitales Wissen und Leadership innerhalb eines Unternehmens erforderlich ist. Der derzeit populäre Ansatz ist die Bestellung eines Chief Digital Officers (CDO). Reicht das aus? Oder ist das Scheitern des digitalen Herkules vorprogrammiert?

Laut einer Studie von Crisp Research „Leadership im digitalen Zeitalter“ fordern fast 42 Prozent aller Befragten, dass im Unternehmen Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen eingerichtet werden müssen, um die digitale Expertise der eigenen Organisation zu verbessern. Als Heilsbringer für die digitale Erleuchtung wird zur Zeit die Position eines Chief Digital Officer gehandelt.

Der Allwissende Digital-Gott

Die Anforderungen sind im Stellenprofil sind mannigfaltig, schreibt Kerstin Lomb in der aktuellen Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Bordreport:

Er soll die IT beherrschen und betriebswirtschaftlich ausgebildet sein. Er soll ein starker Kommunikator sein, kennt alle Prozesse des Unternehmens sowie Produkte und Dienstleistungen. Er durchblickt die Organisationsstruktur und versteht die Unternehmenskultur. Er hat ein digitales Mindset, Erfahrung in der strategischen Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle und deren Umsetzung, verfügt über eine disruptive Denkweise und initiiert innovative Lösungsansätze. Der CDO bildet sich stets weiter, ist der Sparingspartner, der digitale Projekte anstößt, aufsetzt, umsetzt und erforderliche neue Prozesse initiiert. Er fördert und lebt die Innovationskultur, ist Leitfigur und Motivator des kulturellen Wandels sowie digitalen Handelns. Damit einhergehend agiert er unternehmerisch, ist risikobereit und traut sich unkonventionelle Methoden bei der Digitalisierung von Kundenbeziehungen und Geschäftsmodellen zu. Die Liste lässt sich fortsetzen. Wer ist zu dieser universalen Leistung imstande? Wohl keiner.“

Gleiches gelte für die organisatorische Einbindung und für die Budgetierung. Auch hier dürfte es schwerfallen, den CDO mit der nötigen Schlagkraft auszustatten.

Schon CIOs zählten nicht zu den technologischen Rockstars

Bei der Rekrutierung kommen wohl eher Manager aus Beratungen, IT-Firmen oder Agenturen ins Blickfeld. Hier muss man jedoch Zugeständnisse machen. Strukturen und Kulturen, wie man sie im Mittelstand vorfindet, sind in diesem Kandidatenkreis wohl eher weniger anzutreffen. Auch haben Berater fachliche Schwerpunkte, so muss man wohl Abstriche beim komplexen Anforderungsprofil machen“, weiß die Personalexpertin Lomb.

Habe man dennoch den „idealen“ CDO gefunden, dann stellt sich die Frage des Einbindens in die Struktur. Die Querschnittaufgabe für die netzökonomische Profilierung von Organisationen wird wohl nur mit Vorstandsrang gelingen. Schafft man einen neuen Geschäftsbereich mit den erforderlichen Mitarbeitern? Das birgt hohe Kosten und Schwierigkeiten bei der Integration in bestehende Prozesse und Strukturen.

Kümmerliches Dasein als Kosten-Optimierer

Vermutlich droht dem CDO das Schicksal des CIO, der häufig als Kosten-Optimierer unter dem Finanzvorstand sein Dasein fristet und zunehmend seine Daseinsberechtigung verliert.

Wenn nur noch rund 40 Prozent des gesamten Budgets für Digitalisierung unter die Verantwortung des CIO fällt, ist es schlichtweg unmöglich, die Rolle eines Digital Leaders zu spielen.

Die obersten IT-Manager zählten nie zu den Rockstars in ihren Unternehmen. Das Notiz-Amt kann da nichts vorweisen. Warum sollte sich das mit dem Chief Digital Officer ändern? Ursache für die digitale Macht von Apple, Google-Alphabet, Amazon und Facebook ist die Unfähigkeit der europäischen Unternehmen, mit der Digitalisierung zu spielen und neue Geschäfte zu erschließen.

Nerdige CEOs

Im Handelblatt-Ranking der 100 nach Börsenkapitalisierung größten Unternehmen sind 54 in den USA beheimatet. Und das liegt an den Champions für digitale Technologie. Allein das Trio Apple, Alphabet und Microsoft ist mit 1,4 Billionen Euro rund 300 Milliarden Euro mehr wert als die 30 größten Konzerne Deutschlands im Leitindex DAX. Bei den Europäern können nur Roche, Nestlé, Norvatis, die Baurerei Anheuser-Busch, Novo Nordisk und der Ölkonzern Royal-Dutch mithalten unter den Top 50 – also Old Economy. Im unteren Drittel findet man Bayer, SAP, Daimler, Siemens, Deutsche Telekom und Allianz.

Wir brauchen in deutschen Unternehmen keine Alibi-Funktionen, sondern digitale Vordenker an der Spitze – wir brauchen nerdige CEOs.


Teaser & Image „Herkules-Statue in der Orangerie des Schloss Schwerin“ by Hermann Luyken (CC0 Public Domain)


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Gunnar Sohn

Gunnar Sohn

ist Diplom-Volkswirt, lebt in Bonn und ist Wirtschaftsjournalist, Kolumnist, Moderator und Blogger.

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